… auf Patmos (Offenbarung 21,1ff)


Ich griff beherzt nach jenem kleinen Buche,
das mir gereicht in meine offne Hand.
Und schlug es auf. Er sprach zu mir: „Versuche,

zu machen dich dem A und O verwandt.“
Es waren Rätselbilder zu entdecken,
wie fabelhaft erschien der ganze Band.

Die neue Erde leuchtete, kein Schrecken,
denn andre Himmel wölbten sich darob.
Ganz ausgeleert erschien des Meeres Becken

und überall erscholl Gesang und Lob.
Sacht senkte sich aus fernen Himmelsräumen
Jerusalem. Die goldne Stadt verwob

aus Wirklichkeit sich selbst mit meinen Träumen.
Sie kam daher wie meines Herren Braut,
geschmückt mit Blüten wie von Lebensbäumen.

Vom Thron her wurde eine Stimme laut:
„Seht her! Hier glänzt nun Gottes Zelt den Seinen!“
Aus reinem Leinen, schaut, ist es erbaut.

Wer drinnen wohnt, zu Ende kam sein Weinen
Denn draußen weht´s wie Wunder in den Hainen.

Man forderte mich auf daselbst zu bleiben.
Ich darf auf ewig bleiben in der Schar.
Sie baten mich, ich solle für sie schreiben:

Da sei ein Gott, der ist und wird und war.
Er will die Tränen aus den Augen wischen
in Glück verwandeln Trauer, Not, Gefahr.

Schon saß ich nieder dort bei ihren Tischen.
Das Erste war vergangen – alles neu.
Ich blicke auf und merkte, dass inzwischen

ein Lämmlein nahte. Mit Papier und Blei.
Zur Schreiberin des Zeltes ward erhoben,
ich Arme nun und freute mich dabei.

„Der Dürstende darf hier die Quelle loben.
Wer überwindet, schaut den wahren Gott,
die Schrecken vor der Ohnmacht sind zerstoben,

vernichtet stürzte in den Tod der Tod.“
Der Engel nahm mich bei der Hand zu zeigen
das Christusweib, die Braut im Morgenrot.

Und als ich´s sah, erkannte ich die beiden:
Er meinte mich – mit allen meinen Leiden …

… von dem sanften Sausen (1. Könige 19)

Wir glitten dicht am Ufer hin, die Fähre
entführte sacht uns beide und sodann
gelangten wir in jene andre Sphäre

und sichten einen sonderbaren Mann.
Erschöpft gelehnt an einem Holderbaume,
es sieht so aus, als ob er nicht mehr kann.

Inständig zupft ein Rabe ihm am Saume
des Reisemantels, reicht auch Brote dar.
Ein Engel Wasser bringt. Erwacht vom Traume

erhebt Elia sich – und ihm wird klar:
Sein Lebenszweck bestand bisher aus Suchen
nach der Idee, die ist und wird und war.

Doch muss er deshalb fremden Göttern fluchen
und morden der Isebel Priesterschaft?
Das wollte die ihm übel nun verbuchen

und jagt ihm nach zu setzen ihn in Haft.
Sie hetzen ihn mit Wut und wollen töten
Vernichtung gilt als große Meisterschaft.

Elias Blut soll ihren Rasen röten,
und darum schwebt der Mann in Angst und Nöten.

Das, was er sucht, scheint jetzt zu ihm zu sprechen:
„Heraus Elia, warum bleibst du drin?
Du ließt des Baales Priesterschaft erstechen,

im Feuer branntest du sie alle hin?
Des Zornes große Kraft sollt´ sie besiegen.
Nun lerne heute, wer ich wirklich bin.

Darauf drang von des Karmels schroffen Stiegen
zum Horeb hin des Sturmwinds grimme Wucht.
Der HERR jedoch war nicht in diesem Kriegen.

Jetzt bebt die Erde noch, und Schlucht um Schlucht
reißt auf, um alles zu verschlingen.
Auch das war´s nicht, was lange er gesucht.

Ein Feuer kam heran nach diesen Dingen:
Im Brande auch, in Asche nicht der HERR.
Doch bald erhob ein sanftes leises Singen

sich über allem anderen – nicht mehr.
Da endlich wagt Elia sich nach draußen
und ahnt, dass Gott, der HERR in Stille wär´.

Kaum wahrnehmbar wohnt Gott in sanftem Sausen –
kein Innen gibt es mehr getrennt vom Außen.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8)

Und als er lehrte in dem Heiligtume
da ward geschleppt vor ihn ein junges Weib.
Sehr schön war die, wie eine Dotterblume.

Doch hart gefesselt hatte man den Leib.
„Wir konnten sie beim Ehebruch erfassen.
Gesteinigt muss sie sein als Schuldvertreib!

So hat uns Mose immer machen lassen.
Was sagst denn, Jesus, zu der Strafe du?“
Und als er spürt ihr abgrundtiefes Hassen,

da schweigt der Meister und sagt nichts dazu.
Er nimmt sich Zeit, studiert die frechen Fressen,
und lässt sich nieder dort in Seelenruh.

Sie selber alle hätten gern besessen
das Weib für sich und sind erfüllt von Neid.
Der Meister sitzt, sie stehen unterdessen,

und in der Mitte kauert die im Kleid.
Da nimmt der Herr in seine heilgen Hände,
ob wohl ein Weg sich fände aus dem Leid,

ein Zweiglein, das vom Baume fiel als Spende,
und malt mit Zeichen dort in das Gesände.

„Was malt er jetzt, wo wir doch wissen müssen,
ob man zu Tode werfe die noch diesen Tag?
Wo gibts denn so was, fremde Männer küssen!

Nun, großer Meister, rede du und sag,
wie wär in diesem Falle zu verfahren?“
Laut schreien sie und holen aus zum Schlag.

Er überschaut der blinden Eifrer Scharen
und spricht: „So hebe auf den ersten Stein,
wer schuldlos blieb bisher in seinen Jahren.“

Dann kniet er nieder dort im Sonnenschein
und zeichnet wieder in dem Staub des Sandes.
Die Schriftgelehrten aber schlichen heim.

Der HERR fragt sie, als jene außer Landes:
„Hat keiner einen Stein geworfen, Frau?“
„Wir sind“ meint die „des gleichen Sündenstandes!“

Und er zu ihr: „Du sagst es ganz genau!
Sie gingen fort. Ich will dich auch nicht strafen.
Doch sündige hinfort nicht mehr. Und schau,

was durch den Zweig in meiner Hand geschehen.
Im Staub ein Bild, und das wird nie verwehen …“

die Lehre von der Leere – Finden und Erfinden

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(Taufschale in Bülzig / die zwei Kundschafter aus 4.Mose 13)

Das alte Bundesvolk führt im Schatze seiner vielen Geschichten, in denen allen vom kommenden Heil erzählt wird, einen sonderlichen Bericht zwölf Kundschafter betreffend, welche ausgesendet worden waren, das verheißene Land zu erforschen.
Wollten wir Heutigen nun selber sagen, was das für ein Land sein müsste, damit auch wir dasselbe für Wert hielten, Worte darüber zu verlieren, würden wir sofort einwerfen, es möge jenes Land sein, wo auch der Tod besiegt worden sein wird, dieser ärgste Feind all derer, die irgendwann einmal das Geschenk des Lebens empfangen haben, denen es aber durch den Tod wieder geraubt werden wird.

Nun wurden also, so geht die Sage, zwölf Kundschafter ausgeschickt. Zehn von ihnen kehrten bald zurück, und beklagten das, was sie gesehen hatten. Obwohl ihre Augen die Pracht kaum aushielten, ihren Ohren der Singsang ganz neuer Töne geschenkt wurde und ihre Gaumen völlig unbekannte Speisen und Spezereien kosten durften, lehnten sie die neue Welt ab und berichteten von ihr auf eine Weise, die den Zuhörenden Furcht und Schrecken einjagte, so dass sie sich solchen Berichts wegen nicht mehr getrauten, selber nach dem Lande aufzubrechen und zu ihm unterwegs zu sein.
Warum gaben sie solcher Art Bericht ab? Warum lassen sich auch die Wächter am Grabe Christi zu sagen verführen, der Leichnam des Auferstandenen sei von seinen Jüngern gestohlen worden? Ist es nur die Macht der Münzen, mit denen man sie bestochen hatte? Das sei ferne! Manche beantworten diese Frage, indem sie sagten, jene Kundschafter und Wächter schämten sich, so wie Adam und Eva sich beschämten, als sie gewahr wurden, wie lange sie nackt im Garten gespielt hatten. Andere wiederum meinen, sie gönnten ihren Gefährten die Freuden dieses Landes nicht, weil sie dachten, seine Herrlichkeit reiche nicht für alle aus. Wer will es wissen?

Was aber ist aus den beiden übrigen Kundschaftern geworden? Diese zwei Abenteurer kehrten gar nicht zurück, sondern erst nach langer Zeit ließen sie wieder etwas von sich hören, und erst, als man nach ihnen geforscht hatte. Es stellte sich dann aber heraus, dass die zwei gar nicht in dem bezeichneten Lande gewesen, sondern zu Hause geblieben waren. In ihrer Phantasie aber erfanden sie das Land; im Geiste sahen sie das, was es noch gar nicht gab. So fanden sie etwas, indem sie es erfanden. Denn, Geliebte im Herrn, ein Mensch kann nur das erfinden, was er zuvor gefunden hat. Und das Gefundene muss auffindbar gewesen sein, weil es sonst nicht hätte gefunden werden können. Über diese ihre Erfindungen gaben sie nun freiwillig und treuherzig Bericht. Nicht hatten sie etwas wirklich gesehen, so etwa, wie ihr den Rauch dort hinten am Gangesstrom seht, wo die Brahmanen die Leichname ihrer gestorbenen Brüder bekanntlich von Feuer verzehren lassen, sondern es hatte sich ihnen dauerhaft eingezeichnet, der Art gleich, wie ihr die Schatten der Grabeswächter in Jerusalem ja auch noch betrachten könnt, denn die Flamme des Engels, als dieser mit einem Blitz herabkam und jenen Stein wegwälzte, auf dem die erschrockenen Gestalten der Soldaten jäh abgeblendet worden waren – indem sie sich nämlich in die Netzhaut des Steines eingebrannt hatten, – genauso war den beiden Kundschaftern ihre Erfindung nunmehr unvergesslich geworden, hatte das Geschehene verewigt. Nichts mussten sie sofort sehen, sondern alles durften sie neu erfinden, denn das Gefundene wollte sich von ihrer Phantasie finden lassen.
Da saßen sie nun und kleideten alles in Bilder ein, denn was wir erkennen, will nicht nackt bleiben, sondern würdevoll in ein Größeres eingefügt werden. Und so erdachten sie also diese wunderbare Weintraube, welche man nur zu zweit tragen kann. Manche nun schenkten dieser Erzählung Glauben und sind deshalb unterwegs, hin zu dem Land ohne Tod. Das sind die Erfindenden und die Findenden, die alles aufspüren, was es gibt oder einmal geben könnte. Es sind die, welche zu suchen versuchen.
Jene zehn anderen aber, wo sind sie geblieben? Ihre Namen sind vergessen und keiner erinnert sich an ihren Weg.

Geliebte im Herrn! Die Geschichte vom leeren Grab ist erfunden worden, weil sie aufgefunden werden wollte. Wir finden uns in dieser Höhle alle von Zeit zu Zeit immer wieder ein, um die Schatten zu bewundern, die der Blitz des Engels auf der Netzhaut hinterließ. Schwankende und niederstürzende Wächter des Todes. Und diesen Befund tragen wir heute von dannen, wie eine große Traube, aus welcher die Hoffnung aller lebendigen Wesen gekeltert werden wird. Keiner kann uns diese Frucht rauben, denn wir haben von ihr gehört.

(Gregorius Thaumaturgos Sermone XIII, 4)

… noli me tangere (Johannes 20)

Zum Grabe hin Maria früh in Trauer,
am Horizont geht auf das Morgenrot.
Der Wind weht kühl und macht ihr tausend Schauer,

denn Jesus, den sie liebte, starb am Tod.
Drei Tage ist es her, dass sie ihn schlugen
ans Kreuz. Und beide litten große Not.

Am Freitagabend kamen welche. Trugen
den kalten Leichnam fort in einem Tuch,
nachdem sie ihn vom harten Holze huben,

nun ist sie heute hier wie auf Besuch …
Das Grab saugt ein. Hinab, um ihn zu sehen,
kriecht sie zur alten Erde, die verflucht.

Der Schreck ist groß. Und reißt wie wilde Wehen,
weil, den sie liebte, ist wohl nicht mehr hier?
Wer stahl ihn fort? Sie kann es nicht verstehen.

Erstarrt steht sie, die Hand am Elixier.
Dann, wieder aus dem Grab empor geklommen,
hockt sie am Eingang wie ein scheues Tier.

Durch Tränen sieht sie, wie Gestalten kommen,
verschwommen nur hat sie es wahrgenommen.

Es ist der HERR, doch bleibt´s ihr noch verborgen.
Sie denkt sich wohl, dass der ein Gärtner wär …
Und sieht und sieht ihn nicht vor lauter Sorgen.

Im Wahne dichtet sich das Hirn die Mär:
„Wenn du ihn fort nahmst, sage mir die Stelle –
dann hole ich ihn wieder ungefähr.“

Da ruft er sie von seines Grabes Schwelle
Den Namen sagt er der aus Magdala.
Ihr Name hebt sie an wie eine Welle

und greift nach ihr. Und nun, weil sie ihn sah,
ruft sie erlöst: „Rabbuni, lass dich rühren!“
Wie dicht rückt nun das Weib dem Gott und nah.

„Das Unbegreifbare willst du berühren?
Und dich vereinen ihm bei hohem Tanz?
Weißt du auch wohl, wohin dich das wird führen?

Vollende erst dein Erdenleben ganz.
Du darfst mit deiner Hand, der schönen blassen,
erst später greifen nach der Sterne Glanz.

So schieden beide froh an dieser Straßen,
auch ohne ihrer Leiber Allumfassen.

Manifestation, Reformation, Transmutation, Christallisation

Der Gesamtprozess der internen Kraftflüsse, welche man der Kirche zusprechen könnte, lässt sich recht einfach mit vier Begriffen beschreiben. Sie lauten: Manifestation, Reformation, Transmutation und Christallisation. Im Folgenden soll das hinter diesen Begriffen stehende System kurz erläutert werden.Keiner der Begriff ist zu vernachlässigen, ein jeder ist nicht weniger wichtig als die anderen. Alle vier sind einander wie Quadranten eines Kreises zugeordnet, in dessen Mitte dadurch das Kreuz entsteht. 


Umkreisen wir die Außenlinie des Kreuzkreises, so entsteht eine Bewegung, die im Anfang zugleich ihr Ziel hat. Ganz gleich in welche Richtung wir den Zirkel schlagen, es ergeben sich auf diese Weise Kreisbögen – als Prozess einer graphischen Mundifikation (Weltwerdung im Sinne der Kreation). Zugleich ließe sich diese Art Schöpfungsvorgang auch als Säkularisation beschreiben. Mit dem Kunstbegriff der zu zu nennenden Christallisation soll zusätzlich verdeutlicht werden, dass es sinnvoll ist, verschiedene Zustände und Phasen (Aggregationszustände) im Lebensprozess der Kirche zu unterstellen, – feste und flüssige, den gasförmigen Zustand und den ionisierten (Plasma). Dabei beziehe ich mich auf die aristotelische Lehre von den vier causa. Es gibt nun im Verlauf des von Außen zu beobachtenden Durchgangs der Kraftflüsse in den genannten vier Feldern interessante Beobachtungen, die aber nie einzeln auf sich beschränkt bleiben dürfen, sondern immer im Zusammenhang mit dem Einen und Ganzen zu betrachten sind.

1. Quadrant – Die Manifestation könnte man zum Beispiel (wenn wir uns in das 16. und 17. Jahrhundert zurückversetzen wollen?) mit dem sichtbaren Reich der Mineralien vergleichen. Das ist die Kirche in ihrer bewährten und festen Art, eingegliedert ins Machtgefüge der Zeit. Das Papsttum – und später das Landeskirchentum der dagegen protestierenden Abweichler.
3. Quadrant – Der Quadrant der Reformation steht dem der Manifestation deshalb in unserer Graphik auch gegenüber. In der Reformation wird die feste Grundlage aufgeschmolzen, alles kommt in Fluss. Der flüssige Aggregatzustand. Revolution und Aufstand, Schwärmer und Rebellion, Täuferreich und Bildersturm, neue Bibelübersetzungen sind die Symptome.
2. Quadrant – Die Transmutation ihrerseits steht zwischen Manifestation und Reformation. Sie überführt die gärenden Zustände in den Bereich des gasförmigen Zustandes. Hier ist alles Geist und kann ohne Bindungen im Raum sich ausbreiten bis hin in die kleinsten Verästelungen des Realen. Der Philosoph, der sich vom Priester losgerissen hat, die Diskussionscircles der Salons. Und es erwachsen in kühnen Geistern, die dem Papst und dem Könige lachend abgeschworen haben, hier die Spiritualisten und dort die exakte Wissenschaft. Beide sind sich irgendwie spinnefeind – aber beide nehmen ein universal geltendes Weltgesetz zum Ausgangspunkt ihrer Werke innerhalb von Logen und Laboratorien. Das ist Transmutation.
4. Quadrant – Schließlich erschöpft sich der ewige Flug im haltlos Sphärischen und es geschieht eine Kristallisation an den Grenzen zum Nichts. Kristallisation ist wiederum dicht mit dem Reich des Manifesten Mineralischen verbunden, wie denn auch beider Quadranten benachbart sind. In der Kristallisation liegen die Partikel des Mineralischen als Ionen verbunden vor. Nun aber nicht mehr in trüber Modifikation, sondern im strahlenden Ionengitter, dem Christall. Die erneuerte Kirche, versprengt in tausend Splittern – invisible all over the world.
Summa – So ist die Reformation die Rückgängigmachung der Manifestation. Und die Manifestation ist das Erkalten der Reformation. Zugleich ist aber die Transmutation der Versuch, einen neuen Zustand zu erreichen, der zur Kristallisation führt. Und die Christallisation ist die Manifestation der Reformation mit den Mitteln der Transformation – auf diese Weise vollziehen sich die Mutation der Welt im Sinne der Kirchwerdung – und dieses als Werk des Heiligen Geistes.

Ostern – immer wieder neu …

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Der Auferstandene bahnt sich seinen Weg durch die am Boden verstreut umherliegenden Waffen der besinnungslos gewordenen Wächter. Es kam einiges zusammen. AR15 und M16, Glocks aller Kaliber und ein paar undefinierbare Gegenstände, was die Leute eben alles so haben. Es tat ihm ein bisschen leid, dass er als Auferstandener sie zu Tode erschreckt hatte. Das war eigentlich nicht sein Stil. Aber Resurrectio ist eben ein besonderer Akt – und die Extremisten jedweder Art, Linke und Rechte, sind enorm schreckhaft. Das ist bekannt …

Die Sonne war fast am Aufgehen und er rief den Engel aus dem Stein, der auch sofort heraustrat und ihn anlächelte. Es hatte lange gedauert, ihm den etwas antiquiert anmutenden Spruch „Was befiehlt mein Gebieter?“ abzugewöhnen. Aber Zeit spielte ja keine Rolle mehr, seit die Ewigkeit angebrochen ist. Was war nun zu tun? Der neue Leib jedenfalls fühlte sich gut an, man konnte damit feste Gegenstände durchdringen, es gab dann jedesmal einen sanften Widerstand. Irgendwas mit autointelligenter  Quantenfluktuation wird das wohl sein … Es fühlte sich so an, wie es ist, wenn man früher mit den Zwölfen bis zur Hüfte am Ufer des Genezareth im Wasser gelaufen war, – aus reiner Freude am Leben. Die Wunden waren noch da, aber bluteten nicht mehr. Es hatte sich am Wundrand so eine Art Perinäum gebildet, kein harter Schorf. Die Haut war jedoch sehr empfindlich. Man musste halt noch ein bisschen vorsichtig sein.

Die Dinge, die vorgestern (komisches Wort, da es nun keine Zeit mehr gab) noch geredet hatten, blieben jetzt weite Strecken schweigsam. Aber alles, was Ding war, verströmte irgendwie eine große Grundsympathie. Es hatte eben zu nieseln begonnen und ein Regenbogen war am Himmel schon zu ahnen. Denn jetzt ging die Sonne tatsächlich auf und der Auferstandene hörte das eiserne Pförtchen sich in den Angeln drehen – da waren sie. Genauso wie er es eben geträumt hatte, als er noch tot war. Die Frauen mit den Salbenbüchsen nahten sich.

Unter den Schleiern sah man verheulte Gesichter. Der Auferstandene nahm sofort die Gestalt eines an Engel erinnernden Jünglings an, kehrte rasch ins Grab zurück und setzte sich mit dem richtigen Engel auf den steinernen Grabkasten. Die Waffen wurden durch einen kurzen Blick in alles Mögliche verwandelt – meistens in Blumen oder Zweige. Nur die Heckler&Koch sträubte sich ein wenig, nahm dann aber doch Aststückchengestalt an. Dann waren die Frauen heran – und natürlich entsetzt.

Der Tote war verschwunden und dafür saßen quicklebendig zwei knabenhafte Jünglinge auf dem Steintrog. Der Auferstandene verstellte seine Stimme ein wenig in´s Predigthafte und redete begütigend auf die Frauen ein, während diese vor Furcht und Zittern fast in Ohnmacht fielen. Und das hätte gerade noch gefehlt …

„Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Weit aufgerissene Augen. Aufgerissene Münder. Er muss es wiederholen: „Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Sie sagen immer noch nichts, aber er spürt, dass sie fragen wollen, ob sie Engel wären? Er will es nicht kompliziert machen – und wiegt seinen Kopf, was beides bedeuten kann. Auf jeden Fall deuten die beiden Frauen die Bewegung als „Ja“, denn die Angst weicht etwas aus ihren Gesichtern. Nun fallen sie zu Boden, und er – das heißt eigentlich sie beide helfen ihnen wieder auf. Und dann können sie schon nicht mehr gesehen werden, denn ER hat die Gestalt frischer Morgenluft und goldenen Lichtglanzes angenommen, die nun die Grabeshöhle ausfüllen, und der Engel ist in den Stein zurückgetreten. Die Frauen sprechen bei alledem keine einziges Wort. Sie stürzen auf und davon. Ach, – diese Menschen.

Magdalena war nicht dabei? Sonderbar. Da merkt er, wie seine Gestalt wieder Formen annimmt und sichtbar wird für die Augen der Kreatur. Ein Vogel hat ihn bereits entdeckt, schüttelt in die Richtung des Auferstandenen buntes Gefieder und stimmt die Dur-Tonleitern an. Und da schreitet er aus dem Grab wieder hinaus, so wie Lazarus es ihm vorgemacht hatte – erfreut sich gleich an den Rhododendren. Ja – das ist hier so eine Art Friedhof, die Leute haben Blumen gepflanzt und alles schön geharkt. Das Passafest ist noch nicht vorüber – und jetzt kommt doch noch jemand angerannt? Das ist sie. Seine Magdalena. Allein. Er stellt sich abseits zu einem Häuschen, wo sie diese und jene Geräte verstauen und guckt, was nun wird. Die Frau betritt das Grab und kommt nach einer halben Minute unschlüssig hinaus und weint. Sie hat den Toten gesucht – und nicht gefunden. Aber jetzt sieht sie ihn plötzlich – und spricht ihn an. Mutig war sie schon immer, diese Magdalena. Aber die Erinnerungen an die schrecklichen letzten Tage bewirken, dass sie ihn nicht erkennt, obwohl sie mit ihm spricht. Das Hirn reimt sich ja immer irgendwas zusammen – und so denkt sie, dass er der Grünflächenverantwortliche sein muss. „Haben Sie ihn weggetragen, meinen Liebsten? Dann sagen Sie mir doch wo er liegt. Dass ich ihn noch einmal sehen kann.“

Jetzt also auch noch Sie … Deshalb sagt er (schon ein bisschen vorwurfsvoll): „Aber Maria!“ Und sie erkennt ihn!!! Wie er den Namen sagt, so kann ihn keiner sonst sagen. Sie stürzt auf ihn zu – und durch ihn hindurch. Sie kann ihn nicht haben, kann nicht seine Füße umfassen, und er kann sie nicht halten. Denn er ist zwar wirklich und kein Phantasma, aber sein Körper ist anders, er ist aus Licht und aus Geist. So ist das Ganze für Maria Magdalena zwar ein frohes Wiedersehen, aber zugleich auch ein trauriges. Sie kann ihn nicht haben, denn er ist auferstanden. Sie tut ihm leid, weil sie nun wieder weint. Er sieht ihre Haut an. Wie ist sie in diesen drei Tagen um Jahre gealtert! Er sieht die Falten, die Zähne. Die zitternden Finger mit dem Schmutz des Karfreitags noch unter den Nägeln, als sie sich abwechselnd die Haare raufte und die Erde damit durchgrub – vor Verzweiflung. Und obwohl es ihn schmerzt das zu sagen, sagt er jetzt die berühmten Worte: „Versuche nicht, mich zu berühren, denn du kannst es nicht mehr. Und bin noch nicht aufgefahren zu unserem Schöpfer. Du wirst hier bleiben. Aber berichte meinen Brüdern von unserer Begegnung. Auf diese Weise kannst du mich dann doch haben, – wenn du von heute erzählst!“ Und dann schiebt er sie sachte auf den Weg, den sie gehen muss. Berühren aber geht nicht. So lenkt er sie mit einem Lächeln seiner Augen. Und sie folgt ihm, indem sie geht – zurück in die Stadt.

Als er wieder allein im Garten ist, nimmt er sich vor, seinen Jüngern zu verbieten, von der Auferstehung genauer zu berichten. Das würde dann doch die ganze Welt durcheinander bringen. Man musste noch ein bisschen vorsichtig sein mit dieser Botschaft. Nur Anzeichen soll man geben, das reicht ja aus. Und ja keine Beweise vom ewigen Leben. Das wäre tödlich für den Glauben. Und ohne Glauben gibt es keine Auferstehung.

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)
 

… es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht auf das, was nicht ist … (Hebräer 11)

 

Die Engel aber schritten nach dem Beten
zu einem Tisch, drauf stand ein großer Krug.
Ich ward gerufen an den Tisch zu treten,

und hörte jedes Wort, das man uns frug.
In das Gefäß griff nun beherzt ein jeder
und holt ein Los hervor mit raschem Zug.

Beschrieben war das Los mit blauer Feder,
für jeden Engel eine Frage stand.
Man las sie laut und deutlich am Katheder,

und ließ sie wandern dann von Hand zu Hand.
Mein Engel kam als Nächster an die Reihe,
und löste bald des Loses festes Band.

Dass er den Spruch aus hartem Rund befreie,
rollt er den Zettel aus, sein Mund liest vor:
„QUID FIDES SIT“. Was Glaube ist … ich leihe

der Antwort auf die Frage nun mein Ohr.
Von seinem Platze aus mit langem Stabe
zeigt jemand auf ein Bild. Das dünne Rohr

weist in die Leere einer goldnen Wabe
und der sie hielt – was für ein schöner Knabe!

Weil Gott aus Nichts das weite All erdachte,
kann fest sich halten Glaube nur am Schein.
Im klaren Nichts, da waltet heimlich sachte

ein Etwas, selber gänzlich ohne Sein.
„Nicht mehr“ und auch „Noch nicht“. Aus diesen beiden
schuf Gott sich seines Weltalls edlen Schrein.

Wer könnte zwischen beidem unterscheiden?
Der Glaube schaut – und sieht ein Rätselbild.
Und glaubt das Glück, trotz vorerst sieht nur Leiden

und Zweifel er, die zausen ihn wie wild.
Das bleiben meistens unsichtbare Dinge,
doch Glaubende, sie tun, was noch nicht gilt.

Dass eines Tags aus Nichts sich Etwas schwinge,
wirft tief im Herzen sich der Glaube auf –
er fleht so heiß, dass irgendwas gelinge,

und damit nimmt die Sache ihren Lauf.
Obwohl real noch gar nichts ist zu schauen:
Die Hoffnung nimmt es glaubend schon in Kauf.

Die Bienen leere Glaubenswaben bauen,
in Fülle Nektar sie zu Honig kauen.

der Friede Gottes ist größer als alle Vernunft (Philipperbrief 4)

„Noch einmal, Freunde, eh ich weiterreise,
von Bord aus reiche ich euch jetzt die Hand.“
Wir küssten weinend ihm nach alter Weise

den Ring und segneten der Freundschaft Band.
Wie lange winkte Paulus, den wir ehrten,
vom Meer uns zu, bis dass sein Boot entschwand.

Er kam zu uns mit wenigen Gefährten.
Wir lauschten gerne seinem klugen Wort.
Er lehrte uns den Weg aus dem Verkehrten

und stärkte unsern Glauben immerfort.
Jerusalem, den Tempel zu besuchen,
ließ er Philippi sein und uns am Ort.

Die Frauen brachten noch zum Abschied Kuchen,
wir Männer taten so, als ob nichts wär …
trotz Wehmut wollte niemand grimmig fluchen,

doch wahrlich, dieser Abschied fiel uns schwer …
Er hatte uns gefangen mit Gedanken.
Und den sie alle liebten, das war er.

Nun aber galt für uns, nur nicht zu wanken!
Wir in der Stadt, er draußen auf den Planken …

„Freut euch. Freut euch. Und abermals. Ich sage,
trotz Schlägen, Folter und trotz Zwangsarbeit.
Bedenklich kann zwar sein des Menschen Lage,

doch ist der Christ von aller Last befreit.
Herr, weise mir den Weg, dass ich ihn gehe –
und wandle für die Wahrheit stets bereit.

Erhalt mein Herz bei dir – was auch geschehe,
in Ehrfurcht deinem Namen zugetan.
Und wenn ich es auch niemals ganz verstehe,

es wirft mich keine Macht aus deiner Bahn.
Denn immer höher waltet Gottes Frieden,
als selber sich Vernunft je trösten kann.

Bewahrt bleib Herz und Sinn bei ihm hienieden,
in Christus Jesus, das ist Gottes Sohn.“
So predigte, der nun von uns geschieden,

und auf den Wogen machte sich davon.
Doch immer, wenn des Meeres Wellen rühren
am Horizont bis an die Wolken schon,

erinnern wir in dieser Art Verführen
den, der uns öffnete. Mit Briefen Türen.

Christus erlöst die Götter

Das Leipziger „Museum für bildende Künste“ hat in mehreren Jahren und mit viel Geld Max Klingers Gemälde „Christus im Olymp“ restauriert. Seit dem 18.Dezember 2008 kann man nun endlich wieder betrachten, wie der mit einem goldenen Gewand bekleidete Christus den Olymp (Wohnsitz der alten Götter) besucht. Vier bekleidete schön und ernst blickende Frauen (die Kardinaltugenden) tragen ihm das Kreuz nach – das Kreuz als Zeichen eines durch Schicksal bezwungenen Leidens. Die Furien fliehen, die antiken Göttinnen Athene, Artemis und Aphrodite gehen nackt in den Hintergrund. Zeus (der Göttervater) scheint in den steinernen Thron zurückweichen zu wollen. Die ganze Gesellschaft scheint nicht wirklich erfreut zu sein – über den bekleideten Gast.

Nur eine einzige Gestalt scheint von der Gegenwart Christi zu profitieren: Psyche, die nackte Seele. Klinger hat sie so gemalt, wie es ihr oft ums Herz ist. Sie wirft sich nieder und fleht um Befreiung von der verfluchten Bindung. Eros alias Cupido alias Amor, dem sie ihr Leben weihen mußte. Ein blaues Band (wunderschön von Klinger in der Farbe getroffen) verbindet nicht nur, sondern fesselt die Seele an ihn – „Befreie mich“!

Christus kommt also zu den Göttern und befreit dort die Seele von ihren göttlichen Fesseln. Spätestens seit diesem Monumentalgemälde, dass als Dauerleihgabe aus dem katholischen Wien bei uns im sächsischen Leipzig zu sehen ist, hat sich die törichte Rede von den „religiös gebundenen Christen“ als Gedankenlosigkeit überlebt. Da ist ja niemand gebunden. Im Gegenteil: Die Gegenwart Christi befreit von Fesseln – besonders von den religiösen.

Ein anderes großartiges Bild ist, wie nun auch der Olymp seinerseits zu Christus kam. Und zwar in den Stall seiner Geburt. Von den alten Planetengöttern geleitet, die auf Klingers Altargemälde zu sehen sind, kommen mehrere astrologisch ambitionierte „Könige“ aus dem Kompetenzzentrum der Sternenmagie zu dem Jesusknaben. Und so kommen auch sie mit ihrer Seele von allen alten Bindungen los. Sie lassen Gold, Weihrauch und Myrrhe zurück. Die drei Weisen neigen sich vor dem nackten Gotteskind. Die beiden Szenen korrespondieren miteinander. Die Götter im Stall / Christus im Olymp.

„Ihr habt mich damals doch besuchen lassen, als ich geboren ward! Nun komme ich selber zu euch, da ich erwachsen bin, euch zu erlösen – wenn ihr es wollt!“ Es ist sehr anrührend, wie die alte Welt des suchenden Heidentums von Christus gefunden und dadurch gewürdigt wird. Und wie die greisen magischen Könige im Stall einer jüdischen Herberge ihre imaginäre Welt des Schönen wirklich realisiert finden – und den Schein stehen lassen. Ganz ohne Zwang, nicht durch einen Tag des Zorns, nicht durch List. Der Anblick des nackten Lebens bedeutet ihnen mehr als Macht (Gold), Priesterlichkeit (Weihrauch) und Heilkunst (Myrrhe). Sie werden von den Begierden nach großer Bedeutung frei. Ihre Seele löst die blaue Fessel. Und sie kehren nach dem Besuch anders wieder zurück. Das ist das Thema der Epiphanias-Zeit. Das Göttliche erscheint – und befreit von falschen Bindungen an Fesseln. Und es führt in die Passionen. 

von Abraham und Isaak, dem HERRN, von Gott und dem Versucher

Geliebte in dem Herrn, die Schrift mutet uns mit der Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak etwas zu, was Eltern nur mit allergrößtem Zittern und Beben zu buchstabieren vermögen. Noch zumal, wenn sie diese Geschichte ihren lauschenden Kindlein vorlesen, fällt es besonders schwer und wird kaum unmöglich sein, ohne Tränen in den Augen und Schluchzen der Stimme bis zu jener Stelle vorzudringen, wo der Knabe Isaak seinen Vater nach dem Aufenthalt des Opfertier fragt, das er nicht sehen kann – aber selber sein soll …

Eine schlimme Geschichte? Ja und Nein. Denn es sind schon Generationen von Geschlechtern an dieser Geschichte nicht gescheitert, sondern im Gegenteil innerlich gewachsen und es hat sich der Begriff von dem Gotte der Juden und Christen recht eigentlich nur vermittels dieses unerhörten Berichts vom Berge Moria erst entwickeln können. Entfalten können bis hin zu jenen Höhen, auf deren Gipfeln der Begriff nun angekommen ist und hier auch seitdem hat verbleiben dürfen. Denn Petrus und die Donnersöhne durften damals auf Tabor keine Hütten errichten. Aber der kirchlichen Lehre, wo dieselbe von dem Gotte der wirklich Erlösten handelt, wurde gestattet, in den lichten Wolken knapp unter der Feste des Himmels ein ewigliches Zelt aufzuschlagen. Und von hieraus überschaut unsere Kirche seitdem die Fläche des gesamten Erdkreises und alle Theorien von Gott, Göttern und dem Höchsten, Wahren, dem Schönen und Guten.

Wir nun nahen uns von Zeit zu Zeit dieser bescheiden aussehenden Hütte, die doch aber den Palast des Sinns des Sinnes überhaupt darstellt – und wir knien gern vor und manches Mal auch zitternd in dem Zelte. Von hierher empfangen wir, nachdem uns Wissen und Kenntnis zugekommen ist, den Trost und Zuversicht, die aus dem Verständnis der heiligen Schriftdinge sich von selbst ableiten.

Richten wir nun aber unsere Aufmerksamkeit auf den Text jener unsäglichen Geschichte, die am Anfang so grausam anmutet, am Ziel jedoch ein gutes Ende hat, über das man sogar lachen kann, wie es ja auch der Bedeutung des namens Isaak voll und ganz zukommt. Gott, so heißt es da, hätte dem Abraham den Auftrag gegeben, seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie gut, dass an dieser Stelle der Griffel nicht den Namen des HERRN als Auftraggeber verzeichnet, sondern den Namen der Elohim niederschreiben musste. Warum sage ich das, Geliebte in dem HERRN?Elohim ist ganz ohne Frage einer der großen Würdenamen, welcher Unendliches meint und Edles bezeichnet. Aber diesem Namen haftet doch auch das Schillern und Gleisnerische der Schlange an, jener nackten und deshalb listigen Kreatur, die der wirkliche und einzige Gott (den wir lieber den HERRN nennen wollen) kurz vor dem Menschen am sechsten Tage noch erschuf, so wie jedes Rad eine Nabe braucht, um die es kreist und jeder Brunnen ein tiefes Loch, in den der Eimer fällt, um das köstliche Nass emporzuschaffen. Der Text von den Opferung Isaaks und Abrahams kennt freilich auch das Tetragrammaton. Ganz am Schluss der Geschichte hören wir, wie der HERR Abraham dafür belobigt, dass er diesem schrecklichen Irrtum habe verfallen können. Der Irrtum war der, er, der HERR, könne tatsächlich das Liebste zu opfern fordern.

Was war geschehen? Antwort, Teuerste, will ich euch jetzt geben: Ihn, den HERRN, können wir Sterblichen nicht als den erkennen, der er ist. Wir vermögen allenfalls seiner Herrlichkeit hinterher zu blicken. Das bedeutet, um Gott als den HERRN zu erkennen, muss Gott uns selber als der HERR zu Hilfe kommen. So schickt er seinen Engel und lässt ihn zu Abraham sprechen. Dieser Engel ist nicht der Engel Gottes, sondern er ist der Engel des HERRN, der dem verzweifelten Vater in den Arm fällt. Und es war auch nicht der HERR aller Engel, der Abraham aufforderte, seinen Sohn zu schlachten und zu verbrennen, sondern es war jener andere eine Engel, der klüger blieb als alle anderen auf dem Felde. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass Gott oft nur der als Gott verkleidete Satan in seiner zwingenden Pracht war, dem wir dachten folgen zu müssen. Der Böse vermag sich ja bekanntlich in alles zu verleiden – nur nicht in den HERRN. Oft ist also das, was Menschen als Gott benennen, nur eine neue und bisher unbekannte Verkleidung dieses Engels, der sein eigener Herr und Gott sein will. Das ist der Satan, kein anderer! Einer alten Tradition nach habe der Satan – denn kein anderer war es, der versuchte Abraham zum Kindesmord anzustiften – dem von ihm angestifteten blutigen Ereignis beiwohnen wollen und sich deshalb in einen Widder verwandelt. In unmittelbarer Nähe versteckte er sich in einem Gestrüppe, in einem Dornbusch. Es war derselbe Dornbusch, in dem sich später auch der Name des HERRN dem Mose offenbaren wollte. Daselbst nun möchte sich der Satan wohl verstecken? Dort, wo die Wahrheit wohnen wollen wird? Was ihm auch gelang – und dann doch nicht zum Guten ausschlug. Abraham nämlich, nach dem Ruf des rettenden Engels, und befreit von der großen Last der Sorge um sein gottgefälliges Handeln, Abraham also, noch im Banne der Ansicht, ein blutiges Opfer vollziehen zu müssen, entdeckte den Satan im Dornbusch der Offenbarung, die einst Mose sollte zuteil werden, der Gott in seinem ewigen Namen entdecken wird. Der Arm, der den Sohn Isaak hatte eben gerade fahren gelassen, griff sich, noch mit dem Schwung des Gehorsams versehen, griff jenen als Widder verkleideten gefallenen Engel und führte sauber den Schnitt durch die Kehle des Verführers und Imitator Gottes. So war Satan also Beobachter einer Opferhandlung, die dadurch gelang, dass der Beobachter selber jenes Opfer wurde, zu dem er Isaak hatte werden lassen wollen. Und auf diese Weise war Satan vorausschauend bereits Zeuge seiner später durch Christus endgültig bewirkten Niederlage.

Geliebte in dem HERRN. Ja, so will ich euch nennen. Nicht Geliebte Gottes, sondern Geliebte in dem HERRN. Denn in und unter dem Namen Gottes verbirgt sich oft, wie wir in dieser Geschichte vorgeführt bekommen, nichts anderes als der böse Feind des Menschen, welcher keine Gelegenheit auslässt, uns gerade mit und an demjenigen, was uns am meisten heilig ist, zu täuschen. Geliebte, Abraham lernte an jenem Tage oben auf dem Berge, dass der Herr nicht Gott ist. Aber der HERR ist der HERR, – er ist das SEIN und sein ist das Sein. Und der Begriff Gottes ist mit der Geschichte von Isaak, dem Widder, dem Engel, dem Berg, der Wüste und Gottes des HERRN für die nächsten Äonen neu definiert worden. Gott aber, wo er nicht der HERR (also nicht Gott) ist, hat sich herausgestellt als der Satan … So ist also doch noch alles gut geworden. Was der Text so ausdrückt, dass er uns den Berg vorstellt als Ort, wo der HERR sieht! Und wir wollen, wenn wir hören, dass da wieder ein Gott angeblich etwas gesagt oder gar gewollt und von uns gefordert hätte, abwarten, was der Engel des HERRN dazu sagen wird. Und wollen die Dornenhecken um uns herum dabei wohl in Acht nehmen …

(Pseudogregorius / de veritate omnium XIII)

von dem barmherzigen Samariter (Lukas 10)

Als aber einer von den Schriftgelehrten
den Meister fragte: „Rabbi, sage an,
was ist der höchste unter allen Werten?“

erwidert klug der HERR besagtem Mann:
„Was liest du im Gesetze aufgeschrieben?“
Er gleich: „Du sollst mit ganzem Herzen, dann

mit Seele und Gemüt Gott immer lieben.
Und deinen Nächsten, denn er ist wie du.“
Der Meister drauf: „Du hast nicht übertrieben.

Genau so tu, dann wirst du finden Ruh.“
Er aber gab nicht nach und bohrte weiter,
examinierend Jesus gradezu:

„Wer ist denn das, mein Nächster?“ tönt der Streiter.
„So viele Menschen hat die weite Welt!“
Der Meister lacht und bleibt trotz allem heiter,

dies Gleichnis hat er ihm zur Wahl gestellt:
„Ein Mann wollt bis Jerusalem einst wallen.
Von Jericho aus zog er übers Feld.

Doch ist er unter Mörder bald gefallen,
die schlugen ihn mit Peitschen und mit Knallen.

Der Handelsmann blieb nackt am Wege liegen,
des Eigentums beraubt und schon halb tot.
Nun wandert bald hinab des Weges Stiegen

ein Priester straks und sah die Wunde rot.
Schnell eilt er weiter seine eignen Wege,
auch ein Levit. Sie kennen keine Not.

Ein Samariter endlich, dass er lege
den Armen auf sein treues Tier,
hielt an und nahm den Blutenden in Pflege,

die Wunden salbt er ihm mit Wein und Schmier.
Dann geht es bis zu einem Gasthaus weiter,
Und er befielt dem Wirt: ‚Gib ihm Quartier.

Du halt ihn frei von Blut und bösem Eiter,
ich werd´s begleichen, wenn ich kehr zurück.’“
Und Jesus schließt: „Es war ein Außenseiter.

Doch welcher dünkt dich, brachte ihm das Glück?
Und welcher dient als Nächster uns zum Zeichen?“
Er antwortet: „Der tat dies Meisterstück!“

„So gehe hin und tue du desgleichen!
Nie möge dieses Beispiel von dir weichen.“

die beiden Söhne (Lukas 15)

In fernem Lande lebte einst ein Vater.
Zwei Söhne mit ihm auf dem großen Hof.
Doch eines Tages gab es ein Theater:

Dem Jüngeren war alles das zu doof.
Er fordert laut, das Erbe auszuzahlen.
Man tut es und der Sohn reist ab zum Schwoof.

Er brachte alles durch im Maximalen –
verprasst mit Huren seines Vaters Gut.
Die Pleite kommt, mit ihr des Hungers Qualen.

Zum armen Knechte ward der Tunichtgut.
Man schickte ihn auf Felder Säue hüten.
Das blieb ihm nun von seinem Übermut.

Um ihm die Dienste reichlich zu vergüten,
gab man ihm nur den Rest vom Schweinefraß
die faulen Trebern und die leeren Schüten.

Und wie er nun in seinem Unglück saß,
sprach er zu sich: „Die vielen Tagelöhner
zu Hause werden satt, ich fresse Gras?

Ich will zurück, beim Vater ist es schöner.
Er kennt mich ja und wird mir sein Versöhner.“

Von Ferne sah ihn schon der Vater kommen.
Und lief entgegen ihm, mit einem Kuss
empfing er seinen Sohn wie einen Frommen.

Nun beichtet ihm der arme Filius:
„Ich stehe hier vor dir mit großen Sünden.
Ich brachte alles durch im Spiritus …

Du wirst nicht leicht noch größre Sünder finden,
dem Himmel gegenüber und vor dir.
Mach mich zu einem deiner Hofgesinden.“

Doch er ließ schlachten gleich das beste Tier.
„Mein Sohn zurück. Ich will das Beste geben!“
So aß man Braten, trank das kühle Bier.

Der Ältere, vom Felde kam er eben,
ward zornig und verweigert sich dem Fest
Der Vater bat ihn drum – bei seinem Leben.

Das gab dem Bruder aber nur den Rest.
„Nicht einen Bock hast du mir wollen schenken –
das Mastkalb aber opferst du der Pest?“

Der Vater bittet weiter einzulenken:
Denn Liebe kennt nicht rechnendes Bedenken.

die beiden Frauen … (Markus 5)

Im Dunkel tiefer Wälder wohnen Quellen –
als  unsichtbare Rätsel. Hörbar nur …
Weit draußen rinnen Bäche, deren Wellen

die Wiesen tränken, Weiden und die Flur.
Es fallen alle Bäche in die Flüsse –
und weiter führt des Wassers alte Spur,

bis eines Tages alle seine Güsse
sich einigen am blauen Ocean.
Dort heben alter Bäume Wurzelfüße

dem Himmel es im Nebeldunst hinan.
Im Leib der Pflanzen, Menschen und der Tiere
vollendet sich des Wassers stille Bahn.

Als Blut treibt es die Kraft der wilden Stiere,
dein Leben endet ohne diesen Saft.
Es strömt dir treu durch Lunge, Herz und Niere.

Wenn´s nicht mehr strömt, gilt man als hingerafft.
Nun hört, was einst geschah in unsern Tagen –
ein Weib war krank. Zwölf Jahre Dauerhaft.

Und litt an ihrem Schoße tausend Plagen –
und war mit Blut und Ausfluss hart geschlagen.

Sie hört, dass Jesus käme an die Stätte,
ein Mädchen litt zu Tode, grad zwölf Jahr …
fast scheint ihr, dass sie die als Schwester hätte;

mit schwarzem noch, sie selbst schon graues Haar.
Das kleine Ding, es durfte nicht mehr leben?
Sie selbst will auch nicht mehr, wird ihr so klar …

Das Hab und Gut an Ärzte fortgegeben,
und niemand teilt mit ihr das Schlafgemach.
Zu Jesus sieht sie nun die Leute streben;

Erinnerungen werden in ihr wach.
Sie denkt, wenn ich nur wagte jetzt zu rühren …
mit meiner Hand an seine hellen Kleider, ach –

das würde mir mein Rot zum Ziele führen:
Vorbei soll sein die Scham, vorbei der Tod.
Und offen stünden mir des Lebens Türen.

Nun seht, sie geht zu ihm in ihrer Not.
Und wähnt von fern, er kann es nicht bemerken,
Er wendet sich ihr zu – und sie wird rot.

Die Gottheit rufst du her, in dir zu werken?=
Gib acht, sie kennt des Leibes schlimme Stärken.

Als Jesus und das Weib dort im Gedränge
von Angesicht zu Angesicht sich sehn,
schwoll an zum Chor der Menschen große Menge,

und himmelwärts des Trubels Wogen gehn.
Der Meister ruft hinein in Lärm und Tosen:
„Wer griff mir an´s Gewand, was ist geschehn?“

Die Jünger tadeln: „Herr, man wird gestoßen,
zu viele drängten her, der Platz ist voll!
Denn schau, grad starb die Schönste aller Rosen,

wir wissen nicht, was deine Frage soll!“
Das Weib jedoch zu Boden ist gesunken –
und gibt der Frage Jesu ihren Zoll.

Inmitten einer Straße wonnetrunken,
berichtet eine Frau, was ihr geschah.
Vorbei die Scham, es glimmt der Hoffnung Funken,

weil Ihres Blutens Stillstand sie gewahr.
Dicht neben ihr setzt ab man hart die Bahre,
das Mädchen liegt darauf – so fern, so nah.

Der Meister sagt das einzig wirklich Wahre:
„Nur großes Glück löst aus des Todes Starre.“

Wie damals nun, als Gott am ersten Tage
mit dem „Es werde Licht!“ die Schöpfung rief,
legt Jesus beide in des Wortes Waage,

die eine lebt, die andere entschlief.
Zwölf Jahre ist die Junge alt geworden,
zwölf Jahr das Blut der alten Frau verlief.

Die beiden Zahlen eint er nun dem Orden
der vierundzwanzig Engel. Und ihr Heer
mit sieben, fünf und drei und zwei Akkorden,

gestaltend schwebt es überm blauen Meer.
Der Drache muss das Mädchen wiedergeben:
„Talitha Kumi!“ lockte sie der gute Herr.

Da wacht sie auf und in ein neues Leben,
zurück ließ sie der Krankheit leeres Bett.
Drauf Lobgesänge hört man sich erheben:

„Du grauser Tod! Wo ist dein Bajonett?
Doch Jesus mahnt: „Gebt beiden was zu essen!“
Darauf begann für alle ein Bankett.

Ich hatte zu berühren wohl vergessen
den Meister oft. Und litt infolgedessen …

von dem fallsüchtigen Knaben (Markus 9)

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Und als sie dann bei Tabor abwärts steigen,
gewahren sie Getümmel tief am Grund.
„Nicht, dass sie sich im Tanze wieder neigen

vor goldnem Kalb“ erinnert bang sein Mund.
Doch heute ist es anders. Keine Töne
der Freude hören sie. Denn nicht gesund

ist den sie diesmal brachten. Sein Gestöhne –
wie schlimm, ein Knabe etwa siebzehn Jahr.
Der Vater mit dem jüngsten seiner Söhne

kam her. Mit ihm der Mond, weil Abend war.
Alsbald tritt auch der Herr in ihre Mitte
und fragt, wie lange schon die Krankheit war.

Da fällt der Vater nieder mit der Bitte:
„Herr, heile meinen Knaben, wenn du kannst!
Es legt der böse Geist die schwarzen Fitte

auf ihn von Anfang an. Du aber bannst
vielleicht Dämonen leicht mit deinen Worten.
So diesen auch und seinen schlimmen Tanz.“

Der Meister fragt den Vater nach den Orten
wohin der Geist ihn reißt zu welchen Pforten.

„Zum Feuer treibt er ihn und in die Fluten!
Schon oft war kaum noch Rettung aus der Not.
Zur Erde wirft er ihn und bis zum Bluten

schlägt er sich dann und ringt nach seinem Tod.
Der Geist beweist zumeist sich im Obsiegen:
Der Knabe ist mir Tag und Nacht bedroht.

Und eines Tages wird er unterliegen.
Wenn du es kannst, so zaudre nicht und tu
ein Wunder hier, die Jünger wollten´s biegen,

doch brachten sie den Dämon nicht zur Ruh.
„Mein Freund! Du musst den Glauben dir erlauben.
Wer wagt, kann viel. Vertraue deshalb du!“

Und plötzlich schweben da zwei weiße Tauben.
Man ruft: O Herr, der du die Wahrheit bist,
Wir glauben dir, hilf unserm Glauben.“

Da brachten sie den Knaben mit dem Biest.
Das riss ihn hin und her und tobt mit Schäumen,
doch schließlich floh es doch vor Jesus Christ.

Der Knabe wachte auf aus bösen Träumen,
der Dämon muss das Feld für immer räumen.

Judas und Jesus

Sankt Marie-Madeleine (Vézelay)
Schon eilte Judas zu den Gartenbäumen,
die noch zur Nacht gehört, wie Jesus schrie.
Und steigt empor ins Astwerk ohne Säumen,

weil er sich den Verrat nicht mehr verzieh.
Ein kurzer Blick, die alten Sterne droben –
er springt und hängt verröchelnd wie ein Vieh.

Als früh den Tag die Sonnenstrahlen loben,
ward so, trotz Christus starb am dürren Holz,
selbst dem Verräter noch das Haupt erhoben,

des‘ Kummer groß, doch größer noch sein Stolz.
Auf ihrem Wege nun zu Hades´ Tiefen
begegnen sich die zwei – das Schicksal wollt´s.

Zwei Seelen reisen hin. Als Schatten liefen
ein Meister und der Schüler, der verriet.
Und das die Worte, die sie beide riefen:

„Ich bitt´dich Meister, dich, der alles sieht:
Vergib mir meiner Torheit schlimme Taten,
vernimm mein Armesündersreuelied.“

Und Jesus sagt, als sie den Fluss durchwaten,
„Stets denen ich vergebe, die mich baten!“

So klopfen sie nun an beim schwarzen Throne,
des Totenwächter Plutons grausem Sitz.
Hier werden ausgezahlt die wahren Lohne,

Persephone naht leichten Trippelschritts.
Ihr Hündchen Cerberus birgt sie am Mieder,
laut mault es aus des Rachens Dreierschlitz.

Christ zwingt dem Biest die frechen Blicke nieder
und spricht „Wir kamen in des Hades Raum,
weil uns des Todes Werke sind zuwider.

Zum Ende komme heut der böse Traum.
Freund Judas ist mein Jünger und wird bleiben.
Ich aber mach mich auf zum Lebensbaum.

Er mag sich hier mit euch die Zeit vertreiben,
das Evangelium verkündend Wort für Wort.
So achte er hier unten nun das Treiben,

und spende Hoffnung diesem düstren Ort.
Zum Vater in die Himmel muss ich fahren,
du, Judas, aber führe alles fort.

Doch vorher werd´ ich dir den Leib bewahren –
zur frohen Auferstehung einst in Jahren.

von einem Garten zu Gethsemane (Matthäus 25)

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Er nimmt den alten Becher in die Hände,
die letzten Tropfen wischt er noch vom Rand.
Und weiß was morgen kommt – die bittre Wende.

Beim Garten wirft er sich in kühlen Sand.
Doch folgten ihm nicht alle, denn sie scheuten
den Gang hinaus in das, was unbekannt.

Drei fragen müde: „Was will das bedeuten.“
Und schlafen schließlich ein im trocknen Gras.
Nur er blieb wach und hört die Sterne läuten,

aus naher Ferne – rein und fein wie Glas.
Sein Engel naht mit starkem Trank zu trösten.
Und gießt und gießt, bis überläuft das Maß.

Christ betete wie einer von den Größten:
„Wenn´s möglich ist, so lenke es vorbei.
Und lass nur sein mich einer der Erlösten.

Der Weg bleib ohne Leiden und Geschrei.
Doch nicht mein eigner Wille soll geschehen,
ich bette mich in deiner Litanei.“

Wir sehen ihn, um den die Sterne gehen,
im Garten knien für Weltgeburtenwehen.

Schon dreimal schaute er nach den Gefährten.
Die Augen schlossen sich vor Trauer fest.
Er rät Gebete an, die sich bewährten …

und spürt die Trauer und den ganzen Rest.
Dann weckt er sie aus tiefen schlimmen Träumen
und scheucht sie aus des Schlummers blindem Nest.

Denn schon kommt es heran. Und ohne Säumen
umhalst ihn Judas mit dem falschen Kuss.
Kriegsknechte bargen sich dort bei den Bäumen,

sie eilen nach ihm hin. Und ganz am Schluss
schlägt Petrus noch mit scharfem Schwert dazwischen –
des Kaiphas´ Knecht ein Ohr ab mit Genuss.

Der Meister aber wird das Blut abwischen,
und setzt die Muschel ihm an’s wehe Haupt.
Dann spricht er sanft zu dem Aufrührerischen:

„Durchs Schwert stirbt oft, wer nur dem Schwerte glaubt!
Im Tempel lehrte ich, wer hat´s begriffen?
Wie wird man hören, wenn das Ohr geraubt!“

Jetzt ruckt man an. Und unter rohen Pfiffen
stößt man zur Stadt ihn hin mit harten Püffen.

… aber am vierten Tage …

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Maria, Jesus und Martha im Fenster
Das Chaos des Zufalls hatte auf der Fensterscheibe wochenlang sein großes Werk erstehen lassen. Entropie. Die Abbildung des Unendlichen im gläsernen Viereck dreißig mal dreißig. Millionen Regentropfen und die liebe Sonne, der schweifende Wind und der ewige Staub – also alle vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde ließen die Zeichen ihrer ewigen Präsenz auf dem Glas zurück. „Es ist doch tröstlich“, dachte Maria, „dass wir nicht allein sind. Diese vier Großen sind immerdar bei uns.“ Und sie versuchte, in dem Gewimmel der Formen und Flecken die edlen Gestalten des Adlers, des Stierkalbes, des Löwen und des zeitlos guten Engels zu entdecken. Tatsächlich – da waren sie. Der Stier für die Erde und den Staub der Erde, der da an der Scheibe haftete. Der Adler, der sich über der Flut der Wassertropfen der Ozeane erhebt und von Zeit zu Zeit herabstößt, um den Fisch zu ergattern. Dann dieser Engel, der in den Lüften schwebt und die Sphären durchmisst – von oben nach unten und von unten nach oben. Und noch der Löwe, dessen Mähne blitzt wie das Licht der Sonne, das durch den Staub zu uns herein blinzelt.
So etwa oder noch ein bisschen mehr dachte Maria, als der Meister Jesus gerade eben von der Schöpfung erzählte, beim vierten Tage war er angekommen, wo Gott die Sonne und den Mond schuf und die Sterne, welche Zeichen geben vom Himmel auf die Erde.

In der Küche poltert es laut. Martha kannte diese Jesus-Geschichten alle schon. Sie hatte in der Schule im Religionsunterricht lauter Einser bekommen. Ja, sie kannte alle Geschichten in und auswendig, konnte sie hererzählen und hatte sogar welche zusätzlich noch dazu erfunden. Kennt ihr die, wo Jesus am Schluss die Maria Magdalena bekommt und sie miteinander Kinder haben. Nein? Fritz und Franz! Und wo sie sich ein Wüstenrothäuschen bauen und der Jesus die Gattin nicht betrügt, sondern ihr einen Roadster schenkt – zwar gebraucht, aber immerhin? Und wie sie im Hauskreis schöne Lobpreislieder singen. Zur Gitarre wie Martin Luther? Weil sie schon alles weiß, ist sie in der Küche. Es gibt gleich das Essen und sie hat es gekocht. Noch die Töpfe wegräumen, damit hinterher man gemütlich einen Kaffee trinken kann und nicht gleich wieder in die Küche muss. Martha ist eine große Strategin, das schätzen alle an ihr. Sie kommt in das Zimmerchen, wo Jesus erzählt und Maria träumt und das Licht durch die Scheiben fällt. Martha sieht nicht den Löwen, den Adler, den Stier und nicht den Engel. Sie sieht nur Dreck und eine ungeputzte Scheibe. Da schämt sie sich und holt einen Lappen. Aber wenn sie jetzt putzt, wird das Essen kalt. Ratlos wirft sie den Lappen der Träumenden in den Schoß und fährt dabei Jesus eine Idee zu scharf an – „Meister, sage ihr doch, dass sie endlich die Fenster putzt. Man kann ja gar nichts mehr sehen!“ Eine peinliche Stille entsteht und Jesus löst die Situation, indem er das Tuch nimmt und die Scheibe blank reibt. Genial. Erst innen und dann außen. Jetzt sagt er: „Diese Scheibe ist wie Martha und Maria. Man kann von dieser oder jener Seite hindurchschauen. Man sieht immer Martha, wenn man durch Marias Seite blickt. Und umgekehrt, – Maria, wenn man es von der Marthaseite aus betrachtet.“ Alle lachen, wenn auch nicht alle alles verstanden haben Man muss nicht immer alles wirklich gleich verstehen. Die Zeit tut Wunder. Nun wird gegessen. Der Kaffee schmeckt auch. Und als am Abend Jesus sich verabschiedet, da sind die beiden jungen Frauen zufrieden. Jede auf ihre Art. Denn Jesus hat beim Abschied beide umarmt. Und dabei die Maria, so sagen manche, sogar geküsst.

Übrigens – es ist völlig egal, dass es zur Zeit Jesu noch keine Verbundglasscheibenfenster gab, genauso wenig wie Espressomaschinen.