Die Kirche und ihre Orgel

Die Zallmsdorfer Dorfkirche …

… wurde als einschiffiger, flachgedeckter Bau aus einheimischen Granitfeldsteinen etwa im 13. oder 14. Jahrhundert erbaut.

den kleinen Turm sieht man schon von weitem ...
den kleinen Turm sieht man schon von weitem ...

Im Kern romanisch, eingezogener Rechteckchor, Dachturm (an ehemaligen Glockengiebel angesetzt ?), Apsis mit Stützpfeilern aus Feldstein und Rundbogenfenster. Die rundbogige Priesterpforte in der Südwand ist zugemauert. Vom Ursprungsbau sind rundbogiges Apsisfenster und Triumphbogen erhalten.

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Interessant sind auch die Butzenscheiben aus dem 16. Jh. und das Sakramentshäuschen. Die barocke Ausstattung aus dem 17. Jh. wurde bei der Restaurierung 1913 stark vereinfacht.

Wie ein Schiff liegt sie da ...
Wie ein Schiff liegt sie da ...

Die Orgel stammt vermutlich aus der Mitte des 18. Jh. von einem bisher nicht bekannten Orgelbauer und ist somit die älteste Orgel unseres Kirchenkreises. Sie wurde 1847 und 1854 durch Orgelbaumeister Ernst-Moritz Baumgarten umgebaut und 2004 / 2005 durch die Orgelbauwerkstatt Rainer Wolter (Dresden / Rügen) im Stile Baumgartens grundlegend restauriert. Inschrift der Glocke:

SOLI DEO GLORIA + M: SAMVEL 1 AVI + PFAR ZV ZALMSDORF +  RICHTER + ANDREAS HENNIG + KIRCHENVORSTAND ANDREAS HÖNCKE + MARTIN RICHTER + GOSS MICH GEORG BILLIG VON WITTENBERG +  ANNO 1691 / Die zweite Glocke wurde, ebenso wie die originalen Prospektpfeifen der Orgel, im ersten Weltkrieg entfernt.

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Unsere Kirche konnte nach vorausgegangenen Notreparaturen in den Jahren 2002 / 2003 umfangreich saniert werden. Zu verdanken ist dies der Förderung des Landes Sachsen-Anhalt, der Landeskirche, des Kirchspiels, der Ortsgemeinde Leetza, eigenen Mitteln der Kirchengemeinde und einer großen Spendenbereitschaft der Einwohner Zallmsdorfs sowie der umliegenden Orte.

Das Kruzifix  unserer Kirche sehen Sie auf dem folgenden Bild

Geduldiger Christus ...
Geduldiger Christus …

Die Zallmsdorfer Orgel

„Diese Orgel wurde umgearbeitet durch den Orgelbaumeister Moritz Baumgarten aus Bethau bei Torgau. Gehilfe Carl Schrader aus Steigra bei Querfurt im Jahre 1847.“ Die Inschrift des Orgelbaugehilfen an einem der beiden Keilbälge belegt derzeit eines der frühesten Daten zu Arbeiten an der Zallmsdorfer Kirchenorgel. Worin diese Umbauarbeiten bestanden ist noch nicht restlos geklärt. In Frage kommen Veränderungen am Gehäuse und an der Spielanlage, evtl. an den Blase- (Keil-) bälgen. Unstreitig ist jedoch, dass die kleine, pedallose Orgel bereits im 18. Jahrhundert speziell für die Zallmsdorfer Kirche erbaut wurde, etwa um 1750.

Die extrem niedrige Deckenhöhe von 2 Metern (!) zum Emporenfußboden machte eine ganz besondere Konstruktion der technischen Anlage erforderlich, v.a. hinsichtlich der Führung der Tonmechanik: Zum ersten Mal begegnet uns die Position des Wellenbrettes – also des zentralen Trakturteiles zur Übersetzung der Tastenteilung in die Ventil- (Pfeifen-) teilung – unter der Klaviatur. Die Ansteuerung erfolgt hier mit sog. Trakturstechern. Nur dadurch war es dem uns noch unbekannten Orgelbauer vor 250 Jahren möglich, die Windlade mit den darauf stehenden Pfeifen unmittelbar über dem Klaviaturniveau zu positionieren, um die niedrige Bauhöhe – staunenswert – zu bewältigen.

Die längsten Pfeifen von Gedackt 8’ und dem Prospektprincipal 4’ gehen durch die Kirchendecke und werden im Dachboden von einem Holzkasten abgedeckt. Auch die extrem niedrige Anordnung des Manuals, die gedrungen wirkende Architektur von Gehäuse und Prospekt sowie der Verzicht auf ein Pedalwerk sind der akuten Platznot auf der Empore geschuldet.

Am 29. Januar 1854 bietet der im benachbarten Zahna ansässige Orgelbauer Moritz Baumgarten (Schüler des im damaligen Preußen führenden Berliner Meisters Carl August Buchholz) auf einem zweiseitigen „Kostenanschlag“ eine „Reparatur der Kirchen Orgel zu Zalmsdorf“ an. Es geht hierbei um eine Tiefersetzung der Orgelstimmung um 3 Halbtöne, damit das Instrument „genau mit der Berliner Normal Stimgabel übereinstimt.“ Die Berliner Normal-Stimmgabel war in Preußen amtlich angeordnet worden, um im gesamten Königreich eine einheitliche Instrumentenstimmung zu bewirken. Die Umbauarbeiten führte Baumgarten nach Bewilligung aus.

Die Zallmsdorfer Orgel war im 18. Jahrhundert im seltenen sog. ‚Kornett-Ton’ erbaut und eingestimmt worden, der 1 ½ Töne über dem Kammerton lag. Die meisten Orgeln standen damals im ‚Chorton’ – 1 Ganzton höher – und entbehrten aus Kostengründen oft der unteren Halbtöne in der tiefen Oktave. In früheren Zeiten überstiegen die Materialkosten (im Gegensatz zu heute) bei weitem die Lohnkosten.

So selten Orgeln im Barock noch im hohen Kornett-Ton standen, hat immerhin Johann Sebastian Bach in seiner Weimarer Zeit als Hoforganist (zw. 1708 und 1714) auf einem solchen Instrument musiziert und hierfür sogar seine virtuosesten Orgelkompositionen verfertigt. Auch sind Werke von ihm überliefert, die den großen Tonumfang nach oben (d3) sowie nach unten (mit Cis) erfordern. Tonumfang Zallmsdorf: C, Cis – d3 = 51 Töne.

So klein die Disposition – die Registerbesetzung – in Zallmsdorf auch angelegt ist, gibt sie dem Spieler doch abwechslungsreiche Kombinationsmöglichkeiten an die Hand, mit der die reichlich überlieferte einmanualige, pedallose Orgelliteratur lebendig interpretiert werden kann:

Holzgedackt 8’ und Hohlflöte 8’ (Kiefer / Eiche) mit gemeinsamen Pfeifen in den unteren 1 ½ Oktaven, Principal 4’ (im Prospekt), Rohrflöte 4’, Octave 2’ und Mixtur 3-fach 1’ (alle in Zinn). Die tiefsten 3 Halbtöne stammen jeweils von Moritz Baumgarten, die anderen der insgesamt 387 Pfeifen (bis auf die notwendigerweise zu rekonstruierenden) sind originales 18. Jahrhundert mit frischem Klang und jetzt wieder erlebbarem Silberglanz für Ohr und Auge.

Die Restaurierung der Zallmsdorfer Barockorgel ist umfassend und nach den strengen Regeln neuzeitlicher Denkmalpflege von dem jetzt in Zörbig in den ehemaligen Rühlmann-Werkstattgebäuden ansässigen Orgelrestaurator Rainer Wolter und seinen Mitarbeitern ausgeführt worden: 35 neue Prospekt-Principalpfeifen 4’ in hochprozentigem Zinn mit ‚aufgeworfenen Labien’ (die originalen Frontpfeifen mussten 1917 kriegsbedingt abgeliefert werden), ein modernes, geräuschloses Elektro-Gebläse, 40 neue Mixturpfeifen anstelle später eingefügter Fremdpfeifen, Neubelederung der 2 Keilbälge und der Windkanäle, gesamte (oxydierte) Messingverdrahtung neu, Restaurierung des gesamten Pfeifenwerks mit Anlängen der zahlreichen beschädigten bzw. unsachgemäß behandelten Pfeifenmündungen, durchgreifende Restaurierung der Mixturpfeifenstöcke mit neuen, den kleinen Pfeifenfüßen angepassten Bohrungen und Kesselungen, div. Holzpfeifen teilrekonstruiert und mit Warmleim ausgegossen, sämtliche Stimmspunde und Spundbretter der restaurierten Eichenwindlade neu beledert, Ventilseite neu pergamentiert, neues Pulpetenbrett mit neuen Lederpulpeten versehen, Wurmbehandlung sämtlicher Holzteile, Restaurierung der zahlreichen alten Eisennägel, Generalreinigung, Intonation und Nachintonation im Sinne der originalen Klangkörper und vieles andere mehr.

Der reichen anhaltinischen Kulturlandschaft ist ein kostbares, klangschönes und originell konstruiertes Barock-Instrument durch die Anstrengungen der Kirchengemeinde und des hocherfahrenen Orgelrestaurators Rainer Wolter und seiner qualifizierten Mitarbeiter zurückgegeben worden. Dafür ist zu danken.

Berlin, den 08. Juli 2005 (Eckhard v.Garnier / Orgelbausachverständiger / Berlin)

Zallmsdorfer Orgel

Dorfkirche in Zallmsdorf
Dorfkirche in Zallmsdorf