Salz und Licht

8.Sonntag nach Trinitatis „Ihr seid das Salz der Erde“

Liebe Gemeinde,

Jesaja prophezeit, wir würden einmal einen hohen Berg emporsteigen müssen: „Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN steigen!“ (Jesaja 2,3). Das ist die alttestamentliche Lesung für den heutigen Sonntag.

Paulus seinerseits schreibt vom Dienst der einzelnen Glieder in einem Verband: „Gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit“ (Römer 6,9c). Das ist der Predigttext.

Jesus dichtet: „Ihr seid das Salz / ihr seid wie Licht“ (Matthäus 5). Das ist die gute Nachricht.

Und wir? Wir werden jetzt diese Verse wie die Teile eines Puzzles zusammenfügen und uns daran erfreuen, dass sie zusammen gehören – und wie sie sich aneinander zum Sinn ergänzen.

Wann immer wir einen Berg besteigen – wir könnten uns dabei die Idee des italienischen Dichters Dante Alighieri durch den Sinn gehen lassen: Die Idee vom Läuterungsberg. Durch den Sinn gehen lassen heißt für mich, es sehen, schmecken, hören, riechen, betasten und fühlen. Sehen Sie dort hinten im Nebel den Läuterungsberg?

Läuterung ist eine enorm wichtige Sache und eine nötige Angelegenheit, die in ihrer Wirkung für den Einzelnen und die ganze Welt nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Leute, lassen wir uns läutern!

Nicht wahr, wenn man einen Berg erklimmt, dann wird die Luft immer klarer und reiner, die Sicht wird weiter, die Geräusche beginnen nach und nach zu verstummen. Schließlich hört man nur noch das eigene Atmen und den eigenen Schritt. Das Rauschen des Windes und des eigenen Blutes in den Ohren gesellt sich dazu. Der Ruf eines Adlers mischt sich ein und das Pfeifen des unsichtbaren Murmeltiers. Alles wird klarer und zugleich wird das Leben umso schwieriger, je höher wir steigen.

Das alles zu erläutern, wie ich es gerade tue, ist nicht nötig – jedem wird es einleuchten: Obwohl das Leben dort, wo sich alles läutert, erst einmal beschwerlicher ist, wissen wir doch, dass wir dort auch gerne sind, gern auf den Läuterungsberg steigen.

Der Dichter Dante beschreibt sich und uns eine imaginäre Reise, die er „göttliche Komödie“ nennt. Der Reiseweg führt zuerst hinab ins Inferno. Wenn Sie so wollen: In die sogenannte Hölle, – und danach aber in die Welt des Elysiums – in das Paradies könnte man auch sagen. Dazwischen aber liegt  e r,  der Läuterungsberg und der mühsame Aufstieg.

Ich möchte unser Leben diesem Aufstieg vergleichen, nicht nur deshalb, damit sich die Prophezeiung des alten jüdischen Propheten erfüllt – sondern einfach auch darum, weil dieses Bild mit meinen Erlebnissen oft übereinstimmt. Und vielleicht auch mit Ihren, liebe Gemeinde?

Das Schöne an der Läuterungswanderung ist, dass man nach und nach eben das Viele als Eines erläutert bekommt. Der Bergführer Vergil und irgendwann ist es dann eine hübsche Dame (Beatrice), sie beide machen, dass sich fast alles klärt und läutert, was bisher Rätsel gewesen war. Übrigens: Läuterung, das ist ein alter alchimistischer Ausdruck für einen langen oft auch komplizierten Prozeß mit sogenannten Rückschlägen, kleineren und größeren Explosionen usw. … Man selbst aber schreitet durch alles dieses letztlich unbeschadet dahin oder steigt empor und die ausgeklärten Feststoffe sinken hinab und bleiben hinter uns zurück.

Kurz bevor der Läuterungsberg schließlich absolviert worden ist, wäscht sich Dante im Fluß Lethe und vergisst dadurch alles Zerstörerische seines bisherigen Lebens. Und dann wäscht er sich zusätzlich noch in einem zweiten Fluß mit Namen Eunoe – und kann sich nun auch wieder an alles Gute, das er in seinem Leben getan hat, erinnern.

Beide Flüsse haben übrigens einen gemeinsamen Quell. Aber das klärt sich erst, als sie fast oben an dem Läuterungsberg angekommen sind.

Liebe Gemeinde, Läuterung! Lassen Sie uns jeder an der Hand des weisen Bergführers Christus den Läuterungsberg empor steigen, – so etwa, wie es ja auch in der Bibel einmal berichtet wird, dass ER, der Meister, drei seiner Schüler mit auf den Berg Tabor genommen hat.

Beschenkt werden wir werden, so wie Dante mit allerlei sonderbaren Begegnungen und mit entsprechenden Erlebnissen. Zum Beispiel ist jede Geschichte der Heiligen Schrift eine Begegnung, die wir lesend oder hörend aufschnappen und sie läutert uns, sobald wir sie aufmerksam in unsere Botanisiertrommel einheimsen.

Wer noch wissen will, wie der alte Italiener das ausdrückt und wie wunderschön es übersetzt worden ist, nämlich durch das Bild einer Auffahrt mit einem Schiff – so wie die vielen Jesusgeschichten auf dem See Genezareth, der höre zu:

Zu fahren bessre Wasser, hebt die Segel

nunmehr von neuem meines Geistes Kahn,

der hinter sich gebracht so graue Pegel.

Besingen will ich jetzt die zweite Bahn:

Hier läutert sich des Menschengeistes Streben,

bis dass er würdig für des Himmels Plan..

[Dante LB 1.Gesang]

Je mehr wir nun die Erinnerung an alles Gute zurückerlangen (und es ist etwas sehr Wichtiges, sich an das Gute zu erinnern), – wir erhalten die Erinnerung nur zurück, indem wir uns der Läuterung anvertrauen – desto mehr werden wir in den Dienst der Gerechtigkeit geraten, wie Paulus es vermutet. Übrigens: Erkenntnis und Erinnerung und Läuterung bewirken nicht nur dann etwas, wenn ein großes Projekt daraus gemacht wird oder die Menge der Zeitgenossen mit den Mitteln der Vernunft verstanden und mehrheitlich abgestimmt haben, sondern bereits immer dann, wenn ein Einzelner oder eine Einzelnes sich vornimmt, sich auf diesen Weg zu machen, sich in den Dienst dessen zu stellen, was Paulus „Gerechtigkeit“ nennt.

Obacht: Es ist Gerechtigkeit nicht etwas, was wir sofort mit Hartz IV assoziieren sollten. Es ist auf einer ganz elementaren Stufe einfach „das Rechte“. Es ist etwas Edles, – etwa so, wie die Sterne oder die Alpengipfel, die Sahara oder die Fluktuation der Quanten. Das unüberbietbare Wirkliche, das Gute und Schöne zugleich. Gott selbst vielleicht sogar?

Im Dienst einer solchen Sache leben zu dürfen – das können wir wollen. Paulus schreibt das zumindest und macht uns Mut, es zu versuchen. Unser so gearteter Wille führt uns dann auf jenen abenteuerlichen Läuterungsberg – nicht allein und einsam, sondern in guter Gesellschaft anderer Leute, in der Gemeinschaft der Heiligen.

Der Predigttext nennt sie Teile einer zusammengehörigen Kette, wobei nicht die bannende Fessel gemeint ist, sondern das einende Band. Nicht der ächtende Zwang, sondern die beschenkende Möglichkeit.

Wer sich nun so in Dienst nehmen lässt, der tue das stets einem Höheren gegenüber. Dieses geschehe auch um Gottes Willen nicht als ängstliche Unterwerfung, sondern wie große und zustimmende Erkenntnis. So etwa. wie der Blitz zur Erde fällt, weil er es wollen muß – denn er gleicht die Spannung aus zwischen Himmel und Erde, ist er zum Glied der entlosen Kraftentfaltung von einem zum anderen geworden. Wenn Ihnen das Beispiel zu gewaltig ist weil Sie Angst vor dem Gewitter haben, wenn Sie ein anderes Bild finden, – bitte teilen Sie es mir mit.

Aber Jesus selbst, das ist etwas Schönes und Bemerkenswertes, sagt es ja schon unüberbietbar und noch einfacher. Er redet davon, dass wir Christen das Salz sind und das Licht. Er wählt sanfte Naturdinge aus der Welt dessen, was die Alchimisten einmal den sogenannten Mikrokosmos genannt haben und aus dem heraus alles wirkt und waltet. Jene Welt der kaum wahrnehmbaren Zusammenhänge, die aber alles regeln: Ionen und strahlende Felder, Salze und Licht. Salze bilden Kristalle wie Diamanten und tragen das Licht in die kleinsten Räume unseres Körpers und ins Innere der Pflanzen.

Das Bild vom Salz begeistert sowohl die Speisen bereitende Hausfrau als auch den eifernden Forscher. Bis tief in die subatomare Ordnung des Stoffe steigt der alles einende göttliche Logos zu uns herab und führt auch das allerkleinste Teilchen wieder mit hinauf – geläutert.

Der Christ weiß, dass er sich schon rein halten muß, – um nicht dumpf zu werden … Feuchtes Salz ist muffig und chlorausdünstend: Die Kristallstruktur ist verloren gegangen.

Aber der Christ weiß zugleich auch, dass er in Lösung gehen muß, wenn es wirklich drauf ankommt. Er wird seine kristalline Struktur dann verlieren und ins problematische Gemisch des Allerverschiedensten eingehen. Das ist der Dienst des Salzes. Dann erst nämlich gibt es den Effekt, dass es schmeckt, dass der belebende Strom fließt, dass das gefährliche Eis schmilzt, dass die Farbe sich ändert, dass etwas Schädliches neutralisiert wird und dass der Elektrolythaushalt wieder ins Lot kommt. Das alles tut das Salz, wenn es sich nicht zu schade ist, – sich aufzulösen.

Es gibt zwar die repräsentativen Eigenschaften des Salzes: Kristall, wunderbar und lichtglänzender Schimmer, Schönheit und Staunen. Aber es gibt die verborgene Wirkung des Salzes, wenn wir es gar nicht sehen – aber wenn e s arbeitet. Wir spüren dann deutlich. Hier ist etwas unsichtbar dabei, was alles in Bewegung bringt. Kein Durcheinander sondern ein Füreinander und Miteinander.

Salz ist ein großer unsichtbarer Diener ohne den nichts geht. Salz, selber entstanden aus zwei gegensätzlichen Substanzen, einer Säure und einer Base, aus Negativem und Positivem, Chlor und Natrium bildet beeindruckende Kristalle, kleine Wunder, die brennen in den Wunden der Welt und reinigen sie, sie schmerzen und heilen.

Die Suppe schmeckt durch Salz, die Löte hält durch Salz, die Schmelze läutert sich durch Salz.

Und die Christen? Sind sie wirklich der geheimnisvolle Katalysator und das Enzym, das Ferment in der sich globalisierenden Welt?

Nun, – jede® von uns sei nicht das Haar in der Suppe, sondern das Körnchen Salz, das sich dienend hingibt, damit die Läuterung gelingt.

Amen.