Ziffernblätter Kirche Woltersdorf

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Die Firma Beck, die auch unsere Zahnaer Kirchturmuhr und die Glockenanlagen unseres Pfarrbereichs betreut, baut gegenwärtig die drei Ziffernblätter der Woltersdorfer Kirchturmuhr aus.

Die Monteure sind da

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Inzwischen sind die drei neuen Zifferblätter wieder am Turm. Sonnenuhr, Zeigeruhr und eine astronomische Uhr (Mondstellung und Aszendent). Und auch das Uhrzeitfestbuch hat bereits einige Beiträge. Hier gut zu sehen und zu lesen:

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DAS WOLTERSDORFER
TURM-U(H)R-ZEIT-BUCH

Bitte, was ist denn eigentlich Z e i t ?

In diesem Büchlein werden einige Geschichten präsentiert, die näher oder entfernter mit Uhren und der Zeit zusammenhängen. Die Uhren gibt es tatsächlich. Und die Zeit? Wer weiß … Präsentieren heißt: Gegenwärtig machen.
Damit hätten wir eine ernsthafte Richtung, in welcher die Antworten auf unsere Frage nach der Zeit zu vermuten wären – es geht um Reisen in die Gegenwart. Und deshalb darum, ob es die Zeit überhaupt gibt – und wenn ja, was sie in diesem Fall wäre. Wenn es sie nicht gibt, – wie kommt es dann, dass wir so tun, als ob sie eine Rolle spielt.

Du, Zeit, bist oder bist nicht. Was bist du, wenn du nicht bist. Was bist du, wenn es dich gibt … Eine erstes vages Gefühl gibt uns folgendes Signal: Je mehr wir gegenwärtig werden, desto intensiver ist das Zeit-Erlebnis. Entweder wir vergessen die Zeit ganz, oder wir spüren, wie sie sich endlos in die Dauer hinaus lehnt.

Im Frühjahr 2015 haben wir einer Haushaltsauflösung wegen Uhren geschenkt bekommen. Einhundertdreißig Uhren, die vertriebene Flüchtlinge aus Schlesien im Laufe von fünfundzwanzig Jahren in der neuen ostdeutschen Heimat bei Kaffeefahrten nach Westdeutschland zusammengetragen hatten. 1945 – 1989 – 2015 – sind Stationen auf dem Weg durch die Zeit dieser Leute. Materiell wertvoll ist keine einzige der Uhren. Sie stammen fast alle aus Fernost, werden mit Batterien betrieben und schrammen im Design nicht nur knapp am Kitsch vorbei, sondern huldigen dessen Geschmack ausdrücklich – in aberwitzigsten Formen. Aber diese Uhren zu hören, – das ist ein Erlebnis. Alle auf einmal lassen sie so etwas wie das Rascheln der Zeit vernehmen. Im Verein mit der alten Turmuhr in der Woltersdorfer Kirche gaben wir uns dem Geräusch der Zeitmessung und ihrer sonderbaren Musik vom 31.7.2015 bi zum 2.8.2015 hin. Einige der Uhren haben Paten gefunden. Was diese Uhrenpaten mit ihren Zeitmessern erlebt haben, ist im Woltersdorfer Uhren-Büchlein aufgeschrieben worden. Fügen Sie Ihre eigene U(H)R-Geschichte auf der letzten Seite ein …

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Die Pfauenuhr
Am anderen Tag nun betraten wir den Garten. Der Meister und unser Gastgeber wandelten voran, wir anderen hinten nach. Um die sechste Stunde ließen wir uns unter einem Blütenbaum nieder und teilten untereinander die mitgebrachten Brote und tranken vom köstlichen Wein, den der Hausherr dort selbst anbaut und mit eigener Hand keltert.
Als wir saßen und plauderten, näherten sich einige der im Garten lebenden Vögel, namentlich der überaus bewundernswerte Pfau kam zutraulich dicht an unsere Runde. Judas, der Schelm, warf von den Brotkrumen in die Richtung des aufmerksam äugenden Tiers und machte mutwillige Bemerkungen, als der königliche Vogel eindringliche Rufe erschallen ließ. Er fragte den Meister, ob er die Sprache des Tieres verstünde. Wie so oft antwortete der Meister mit einer Gegenfrage, ob er, Judas, meinen würde, dass der Pfau die Sprache der Menschen verstehen könne. Judas stockte und wusste nichts zu sagen. In genau diesem Augenblick schlug der Pfau ein Rad – und wir fühlten uns von den unzähligen Augen des prächtigen Federschmuckes durchschaut. Ohne dass es uns bewusst wurde, riefen alle, wie wir unter dem Baum saßen, „Ah“ und „Oh“. Auch der Meister. Nun ließ unser Pfau erneut seinen kreischenden Ruf ertönen. Als wieder Ruhe eingekehrt war, sagte der Meister zu Judas die folgenden Worte: „Judas, wahrlich ich sage dir, eben hast du den Pfau verstanden. Und er dich. Indem du die beiden wichtigsten Buchstaben des Alphabets mit uns anstimmtest, vereinten wir unsere staunenden Zungen mit der des Vogels. Hier im Garten unter blühenden Bäumen. Gibt es größeres Verstehen als gemeinsames Staunen über die Schönheit der Welt? Das Verständnis der Sprache der Tiere bei den Menschen – und der Menschen bei den Tieren. Nicht das Erlernen von Worten. Erkanntwerden im gemeinsamen Staunen.

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Zettels Uhr
Einer alten Dame war die Uhr abhanden gekommen. Verloren oder gestohlen – wer will das wissen? Die Not war zwar nicht besonders groß, aber was macht eine alte Dame ohne Uhr, wenn sie doch immer eine Uhr hatte – und zwar jahrzehntelang.
Also – eine neue Uhr musste her. So ging die alte Dame zum Trödler auf der Siebensterngasse und schaute sich in den Regalen nach etwas entsprechendem um. Was gab es da nicht alles zu sehen. Solche Dinge, die jemand nicht mehr gebraucht und fortgeworfen hatte. Aussortiert und zum Trödler. Auch Uhren gab es. Kleine und große, helle und dunkle. Eine war aus Porzellan und zeigte zwei Unicorns, die sich mit ihren Hörnerspitzen fast berührten. Es war dazwischen aber ein gewisser Abstand von ungefähr ein paar Millimetern. Die Einhörner hatten sich einander zugewandt und bäumen sich auf. Zwischen ihren insgesamt vier Vorderhufen hielten sie ein Kreisrund. Es war leer – aber in diesem Kreisrund war einmal eine Uhr befestigt gewesen. Mit den Hinterhufen stemmten sich die Beiden offenbar gegen den stetigen Drang der Zeit, im Sand zu verrinnen. Das Uhrwerk war wohl irgendwann einmal herausgefallen und verloren gegangen.
„Diese Uhr“ sagte die alte Dame zu dem ebenso alten Trödler „möchte ich haben. Was soll sie kosten?“ Der Trödler nahm die Einhörnerporzellanuhr vom Regal und schaute auf ein verblichenes Zettelchen. „Ach, das ist die Uhr vom alten Zettel“ meinte er. Wissen sie, wer der alte Zettel gewesen ist? Er war Buchhändler – und diese Uhr stand immer auf seinem Schreibpult. Sie ist eigentlich unbezahlbar, aber Gnädiger Frau gebe ich sie für 1000 Schilling ab. Einhörner sind angeblich längst ausgestorben. Ich glaubs nicht. Der Millimeter-Abstand zwischen den Hornspitzen ist wichtig. Dort hat der Alte immer seine unbezahlten Rechnungen eingeklemmt. Dann kam das Geld rein – irgendwie. Sehr sonderbar. Nehmen Sie die Uhr mit. Wenn Sie die 1000 Schilling haben, einfach herbringen. Gnädiger Frau Name lautet?“ Da verriet die alte Dame dem Trödler, dass sie Roswitha Aschauer heiße und in der Mariahilferstraße 153a wohne. Sie nahm die Uhr und ging nach Hause. Dort schrieb sie die Zahl Tausend auf ein Papier, machte das Schillingzeichen dahinter und klemmte den kleinen Zettel zwischen die beiden Hörnerspitzen, die wie Uhrenzeiger ausschauten, welche in Richtung des Unendlichen wiesen.

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Simson und Delila
Ich sagte ihr, ich hätte schon in jedem Zimmer Uhren. Eine könnte ich vielleicht noch brauchen. Für den Flur. Würde also eine mitnehmen und die andere dafür hergeben. Uhrentausch sozusagen. Dann hat sie einen Karton mit lauter kleinen Messinguhren aufgezogen. Da waren tolle Sachen dabei. Die eine mit den beiden Delphinen. Sie hat mir am meisten gefallen … Und die war als eine der ersten mit weg. Frau Beyer mit ihren Uhren: Wir sollten also eine Uhr mitnehmen und eine Geschichte drüber schreiben. U(h)r-Geschichten. Aber eigentlich wollte ich nicht mehr. Meine war ja weg … Die Delphinuhr.

Doch dann war da noch eine Uhr mit den vier Säulen. Die hatte etwas. Meine Nachbarin animierte mich. „Nimm sie mit, die passt zu dir!“ Weiß nicht – ich nahm sie mit. Zu Hause angekommen schaute ich sie mir genauer an. Sie ging nicht. Ich nahm die Batterie raus und bin noch einmal mit dem Fahrrad los, um eine neue zu kaufen. Wieder zu Hause habe ich die Batterie eingelegt – und es funktionierte. Allerdings bekam ich den Batteriedeckel nicht mehr richtig zu Und die Uhr geht auch etwas nach.
Je länger, je mehr erinnert sie mich jetzt an Simson. Ihr kennt Simson! Simson besaß außergewöhnliche Kräfte. Eine schwache Seite hat er und die war das Vertrauen zu seiner Frau Delila. Sie entlockte ihm mit heimtückischen Tränen das Geheimnis seiner enormen Kraft, die in der Pracht seiner Löwenmähne verborgen lag. Delila schnitt ihm die Haare im Schlaf ab – und so konnte Simson von den Philistern überwunden werden. Durch den Verlust seiner Haare war er von der ihm von Gott geschenkten Kraft entfernt worden. Man blendete ihn, hielt ihn gefangen und ergötzte sich an seinem Leid.
Freilich – die Haare wuchsen in der Gefangenschaft nach und nach – und Gott war sowieso mit ihm. Als er zwischen den Mittelsäulen des Palastes seiner Widersacher gefesselt stand und verspottet wurde, bat er Gott um seine alte Kraft, riss an den Ketten und riss die Säulen um, und der Tempel stürzte ein, wobei er die Philister unter sich begrub.
Ist es nicht auch so in unserem Leben? Gott gibt mir die Kraft, meine Mauern, meine Blockaden zu lösen, einstürzen zu lassen. Mit Gottes Hilfe kann ich das Leben besser meistern.

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Von dem Zeitlos
aus einer großen kiste
zwischen hochangepriesenen kuckucksuhren
wählte ich eine neuchinesische porzellanuhr aus
zwei eingehörnte pegasuspferde
umrahmen uhrwerk und glas
zu hause angekommen –
da kränkelte unser gast,
verlor gleich uhrwerk und zifferblatt
Ich stellte die patientin aufs fensterbrett

und im sinnigen betrachten
gewährte sie mir
durch ihr fehlendes uhrzeitleben
den blick in die weite,
zeit-losigkeit,
als ewigkeit
Noch viele gedanken hat
unsere gästin bei mir
in bewegung gebracht

ich danke ihr
für ihr hiersein

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Kennst du noch die Uhr?

Da waren ein paar Dinge übrig geblieben. Abgefallenes, – schaut her: Reste von alten Uhren, Zeiger und Zahlen, Schmuck und Krimskrams. Es war am Tag, als die Zeit aufhörte. Ein paar Kinder hatten alte Uhren im Kreis zusammengestellt, es wurde getanzt, erst links herum, dann rechts herum. Dann mochte man zwei Kreise um die in der Mitte aufgestellten Uhren gebildet haben. Einen inneren und einen äußeren Zirkel. Der innere war links herum gelaufen, der äußere rechts herum. Sie hatten fröhlich die Vokale A, E I, O und U gesungen. Immer schneller war ihr Tanz geworden. Dann waren sie nach dem fünfzigsten A, E, I, O, U plötzlich aus der Linksbewegung heraus unmittelbar in die Rechtsbewegung verfallen, – also der innere Kreis. Der äußere synchron in die Linksbewegung. In genau diesem Moment war nun offenbar die Zeit stehen geblieben oder zerfallen. Oder sollte etwa die Gegenwart ihre Zukunft mit der Vergangenheit verschmolzen haben? Einen enormen Lichtbogen hatte es gegeben und überall auf der Welt waren die Uhren urplötzlich auseinander gefallen. Räderchen und Rädchen rollten planlos am Boden hin und her, Batterien kühlten sich bis zum absoluten Nullpunkt ab – und das sind bekanntlich immerhin Minus 273 Grad Celsius. Der Himmel war ganz langsam aber stetig schön hellblau geworden, etwa so wie der Mantel der Mutter Gottes ausschaut, ihr wisst schon! Den die katholischen Heiligenfiguren in Lourdes tragen. Und dann, – ja dann war alles anders. Die Menschen wurden sehr präsent. Man tat die Handies fort und hörte damit auf, an den Börsen um Geld zu zocken. Die Kinder sammelten den U(h)r-Schrott zusammen und brachten ihn zum Trödler. Sie erhielten nichts dafür, und der Trödler auch nicht. Aber gute Worte. Und das war genug. Die Zeit war der Welt abhanden gekommen. Und hatten sich früher schon alle über den Umstand fehlender Zeit beklagt, redete man davon jetzt fast gar nicht mehr. Warum? Wahrscheinlich deshalb – das ist so eine Theorie – weil die Zukunft mit der Vergangenheit genau im Punkt der Ewigkeit bei minus 273 Grad Celsius fest verschweißt worden war. So war die Zeit vergangen – und hatte zugleich noch gar nicht angefangen. Das war ein sehr, sehr sonderbares Gefühl – aber fühlte sich nicht schlecht an. Sondern gut.

Wie Freundschaft wachsen kann
Was gab das nicht alles für spöttische Bemerkungen. Auch von mir, der ich an einschlägigen Schaufenstern solche Dinge stets mit verachtenden Worten belege. Wer hängt sich sowas nur freiwillig in die Bude? Ich hätte es jedenfalls nicht getan, wenn da nicht dieses U(h)rzeit-Projekt gewesen wäre ….

Was müssen kleine asiatische Kinderhände nicht alles für unnötige Dinge zusammenschrauben, die in europäischen Wohnungen ein kurzes oder vielleicht auch gar kein Leben haben. Wie viel unnötige Mühe, wie viel unnötiges Material steckt da drin.

Aber erstaunlicherweise nicht bei diesem Ding. Wie ich hörte, hat sie sogar ihren liebevollen und sie pflegenden Hausvater, in dessen Treppenhaus sie lange hing, überlebt und ist jetzt zu uns gekommen. Sie läuft also schon lange. Und hat immer noch keine Macken (ausser denen, die sie sowieso schon immer hat). Als sie zu uns kam, lag und stand sie in allen möglichen Ecken rum. Sie wurde belächelt und verschämt woanders hin gestellt. Irgendwann bekam sie Batterien, aus Neugier. Wir grinsten über die Melodien, die uns anplärrten und nicht so ganz hundertprozentig stimmen, – Tausendware eben.
Ganz grässlich wird´s wahrscheinlich, wenn die Batteriespannung langsam nachlässt. Bis dann Sabine einen Nagel an der Küchenwand fand, der genau für sie gemacht zu sein schien.

Erst da wurde sie nochmal genau gestellt, das Schlagwerk nochmal durchgespielt, das Pendel geölt und der Staub abgepinselt. Und ganz langsam … gehörte sie irgendwie zu uns.

Wir erkennen die Stunde nicht am Schlag, sondern an der Melodie, „Oh Susanna“ um Drei, .. um Sechs, … um Zehn …
Sie geht so genau wie unser großer, alter Regulator von 1930. Jede volle Stunde schlagen die beiden Uhren kurz nacheinander, alle drei Stunden gemeinsam mit der Turmuhr draussen. Irgendwie wartet man jetzt schon auf die Melodie.

Als eines Tages ein Übernachtungsgast bei uns war, sollte sie schon unter dem Handtuchstapel im Bad verschwinden. Aber nach der Erzählung ihrer kleinen Geschichte wurde ihr nur mit einem beherzten Griff in das Batteriefach die Melodie abgestellt. Und kam wieder an ihren nun schon angestammten Platz.

Warum habe ich eigentlich gerade sie mitgenommen? Wohl weil ich ein Technikfan bin und noch nie eine so kleine Uhr mit drei Batterien in drei verschiedenen Kästchen auf der Rückseite gesehen habe. Aus Neugier eben. Das Rätsel hat sich natürlich schnell erschlossen. Eine Batterie für das Uhrwerk, eine für die Stundenmelodie und eine für ein kurioses, völlig selbständiges und ohne Rücksicht auf den wirklichen Sekundentakt hin und her schwingendes Pendel.

Schon stand die Frage im Raum: Soll sie wirklich wieder zurück? Ja, ich wünsche mir, dass es jemanden gibt der genau solche Freude an dieser eigentlich belanglosen, aber doch irgendwie eigenartigen und besonderen Uhr findet.
Und das der- oder diejenige diese Uhr vielleicht auch weiter verschenkt an andere Neugierige. Auf dass sie noch viele Besitzer habe. Und falls nicht, – der Nagel steckt noch in unserer Küchenwand. Wir bieten Uhren-Asyl.

Aber was ich immer noch nicht verstehe: Warum man an eine Uhr, die ja schon irgendwie so aussieht wie ein Regulator, dann auch noch Regulator dran schreiben muss.

Die Uhr von Tim …
Es steht eine Uhr an der See, sie tickt beständig im Sekundentakt. Dieses Geräusch durchzieht das alte Haus ohne Unterlass. Seit 1722. Es ist keine Störung, sondern eine beruhigende Stetigkeit. Wie der Herzschlag des alten Hauses, in dem sie steht. Wie der Wechsel der Gezeiten, der Jahreszeiten, im Krieg – wie im Frieden. Sie hat Monarchien und Diktaturen überdauert, Generationen aufwachsen sehen. Nichts konnte den Schwung des Pendels, den Takt unterbrechen. Er ist der Beweis für die Ewigkeit.
Eine kleine Uhr hat in Zahna Einzug gehalten, die tut es ihr gleich. Fällt ein in den Takt. Stetig und bestimmt. Ihr fehlen Mechanik und Pendel aber – wenn die Stadt zur Ruhe kommt – wird sie doch hörbar. Sie übernimmt das Kommando in der Stille, wunderbar ergänzt durch die Glocken von St. Marien und durch Musik, die ab und an erklingt.
Sie schlägt die Brücke zwischen beiden Orten, bringt die See, das Paradies, nach Zahna an der Zahna …


Die hässlichste Uhr der Welt

Man kann mit der Zeit leben, mit jeder, aber nicht mit jeder Uhr. Das ist die hässlichste Uhr der Welt, weil sie so aussieht, wie sie aussieht. Weil sie mit ihrem Holz allein schon sagt: du bist festgepappt ins Rustikale, in Eiche und Furnier: Schrankwand, Zimmer, Fenster rechts, TV geradeaus, links die Tür.
Das ist die hässlichste Uhr der Welt, weil sie keine andere Welt kennt als sich. Eichefurnier, rustikal, alles an ihr, nur keine Natur. Und dann noch der Goldlack, ihr Lieben, das Möchtegernziselierte. Da will einer filigran sein und schafft es doch nicht, das Holz, alles, alles straft diesen Traum einfach Lügen.
Sie passt nur nicht in meine Wohnung, die hell und luftig ist, sie passt auch nicht in mein Leben und ich will mir ein Leben nicht vorstellen, in dem diese Uhr an die Wände passt.
Man kann mit jeder Zeit leben, zurechtkommen, sie lieben, aber nicht diese Uhr. Diese Uhr ist der Tod, das Festgefahrne, da geht nichts mehr, da ist Ruhezustand, auch wenn alle Zeiger sich noch im Kreise drehen. Da ist nur Stille und Furnier. Die Zeit aber ist offen, luftig, frei, nicht heute, nicht gestern, nicht morgen. Sie ist und wird immer blieben: Zeit für Dich, Zeit für mich, luftig und frei.

Uhren wie diese sind eine Beleidigung für Menschen, die leben wollen. Eine Beleidigung für Menschen, die sich nicht einrichten im hölzernen Gestern.
Verschrotten? Ja, das wäre möglich, aber nützt es auch? Besser man behält diese Uhr als abschreckendes Mahnmal, ihr Lieben, so wie die aussieht, so wollen wir mal niemals nie leben, nicht in dieser Zeit und nicht in Ewigkeit. Amen.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Beim Gottesdienst standen zwei gleiche Uhren, ich ließ mich überreden, eine mitzunehmen. Mein erster Gedanke war, – ich mag das Ding nicht. Was ist nun in dieser Zeit bei einer Durchschnittsperson wie mir passiert?
Ich stellte das Plastikteil an einen Ehrenplatz, zum Bild meines verstorbenen Schwiegervaters, neben Blumen und die Kerze, die ich ab und zu anzünde. Dieser Mann, mein Schwiegervater, war eine tolle Persönlichkeit – wer ihn kannte weiß, wovon ich rede. Die Trauer um ihn ist immer noch sehr groß.
Doch am 02. März geschah das Wunder, es wurden Zwilinge – etwas zu früh, aber gesund – geboren. Die Mutter, meine Nichte, ist eine liebe Mutti. In meinen Gedanken war Freude – und, dass auf Traurigkeit wieder großes Glück folgt.
An einem Freitag bin ich, wie jeden Freitag, auf Arbeit gegangen. Um 09.30 Uhr läutete unsere Kirchenglocke wie immer, wenn jemand aus unserer Gemeinde gegangen ist. Ich wusste sofort, dass unser Nachbar und Freund gestorben war und heulte los. Wir gingen zur Kirche und ich hatte Recht – hätte mich aber gern geirrt.
Einen Tag später waren wir zum 50. Geburtstag unseres Cousins eingeladen worden. Der kleine Saal in dem Flämingdorf war voll. Er hatte alle Verwandten und Freunde eingeladen. Als wir beisammen waren, sagte er, sie hätten eine Überraschung für uns – und er verließ mit seiner „Frau“ den Saal. Nach etwa zehn Minuten kamen sie als Brautpaar wieder rein, nach siebenundzwanzig Jahren haben sie sich nun trauen lassen … Sie waren (und sind) ein sehr schönes Paar. Die Braut in einem weißen Kostüm und der Bräutigam in einem dunklen Anzug – sehr elegant. Ich habe lange auf diese Ehe gehofft – und mich darüber nun riesig gefreut.
Dann kam also die Beisetzung unseres Nachbars. Kaum hat mich die Trauerfeier und Beisetzung so mitgenommen wie diese. Ich war ja total fertig … Dann kam unsere Tochter nach Hause; ich merkte, dass etwas nicht stimmt. Auf unserer Vereinsfahrt war alles noch wunderbar. Aber vierzehn Tage später merkte ich, dass sie krank war. Nach einem Arztbesuch brach sie zusammen und kam mit burn-out ins Krankenhaus. Ich habe noch nie so gelitten wie in dieser einen Woche. Wenn Kinder krank sind … das ist doch für Eltern besonders schlimm. Jetzt geht es wieder Gott sei dank bergauf.
Zum Dorffest hatten wir Besuch (auch zur Übernachtung) – gleichzeitig hatten wir eine Übernachtung zum Geburtstag eines älteren Kunden. Wie sollte ich das wieder drehen. Mein Mann hatte die Idee, ihm ein Ständchen zu bringen. Also suchten wir Lieder und einige lustigen Texte aus. dann fuhren wir kurzerhand zu diesem Geburtstag. Im Auto noch mal alles durchgesungen – und los ging es. – Er hat sich so sehr gefreut und gesagt: „Ich habe so etwas noch nie erlebt!“ Und das war der beste Lohn, den ich bekommen konnte!
Nun war ich mit meinem Text eigentlich schon fertig, da erfuhr ich vom Tode eines Onkels. Der Bruder meines Schwiegervaters (vgl. Anfang meines Uhrenberichts) war schon viele lange Jahre krank und bettlägerig gewesen; er konnte nicht mehr reden und sich nicht mehr bewegen. Im Kopfe aber immer noch der alte. Nun weiß ich nicht, ob es gut ist oder schlecht … Es gibt immer verschiedene Seiten. Ein Leben ist zu Ende – aber die Qual hat ebenfalls aufgehört. Es gibt nicht nur Gut und Schlecht (Gute Zeiten – Schlechte Zeiten), es gibt beides gleichzeitig, jedes einzeln usw.
Jetzt möchte ich endlich diesen Text abgeben. ich bin froh, diese Uhr bald wieder los zu werden.
Ich brauche ruhigere Zeiten!

Klokkijken oder Uhr, Zeit und Moment
Als ich geboren wurde, war meine Mutter schon 46 Jahre alt. Meine Eltern heirateten 1935 und mein einziger Bruder wurde 1937 geboren. Bereits ein Jahr später waren zwei Grossväter und einer der beiden Großmütter verstorben. Die andere Großmutter verstarb 1942.
Des Krieges und der Besatzung wegen dauerte es fast zwölf Jahre, ehe ich als zweiter Sohn geboren wurde. In den unsicheren fünf Jahren mochte meine Mutter nicht schwanger werden, – so sagte sie immer. Kurz nach Kriegsende klappte es dann nicht und mein Vater meinte schon, das die Wechseljahre angefangen hätten. Dann aber sorgte ihr 12,5 jähriges Hochzeitsfest am 14.02.1948 für eine lockere Atmosphäre und am 04.11.1948 kam ich gegen 07.30 Uhr auf diese Welt.

Das Jahr 1948 war außerdem auch ein merkwürdiges Jahr:
Am 15.05.1948 war es 300 Jahre her, dass der Westfälische Frieden in Münster vereidigt worden war. Damit wurde unsere Stadt Deventer endgültig Mitglied der Republik und frei vom Kaiserreich. Im Jahre 1815 ist die Republik aber in ein Königreich umgewandelt worden – und König Willem I. wurde 21.09.1815 in Brussels in sein Amt eingeführt.
In 1948 war es auch 100 Jahren her, dass König Willem II. unter Zwang seine absolute Macht am Parlament übergab.
In 1948 trat Königin Wilhelmina am 06.09 zurück und damit fing die Regierungszeit ihrer Tochter Juliana an.

Meine Faszination mit der Zeit, den Uhren und Ziffern hat schon sehr früh angefangen. Als kleiner Junge lehrten meine Eltern mich schon mit 3 oder 4 Jahre, auf einer Uhr die Zeit abzulesen. Meine Mutter lehrte mich Holländisch sprechen – weil das wichtig war für das spätere Leben. Sie nannte das “klokkijken”. Meine Vater sprach aber immer Platt Dêventers und sagte “klokkieken” dazu.

Diese Uhr, an der ich lernte, war ein alte Schlaguhr von meines Vaters Grosseltern in einem Gehäuse, das mein Grossvater angefertigt hatte – weil das Original morsch geworden war.
Einmal in die Woche musste mein Vater sie mit einem Schlüssel aufziehen. Ins Holländische übertragen sagt man dazu “opdraaien”, wörtlich aufs Deutsche übersetzt wird das wohl “aufdrehen” sein … Zu diesem Zweck hat die Uhr zwei Löcher, das rechter Loch sorgt fürs Gehen und das linke sorgt dafür, dass man den Stundenschlag hören konnte.
Eine grosse goldfarbige runde Platte bewegte sich immer hin und her – und oben gab es einen Ring mit komischen Ziffern, die 4 war mit “IIII” angeben, die 5 mit “V”, die 6 – die ganz unten stand – mit “VI”, aber die 9 mit “IX” und die 10 mit “X”. Ganz oben gab es die 12, die mit “XII” angegeben war. Man sagte mir, dass das “römische Ziffern” wären.
Auch gab es eine Art Finger, die nicht immer an die gleiche Stelle zeigten, sie bewegten sich so langsam, dass man es nicht sehen konnte. Der lange Finger ging in einer Stunde ganz herum, aber der kurze Finger brauchte seinerseits eben 12 Stunden, um ganz herum zu gehen. Er zeigte die vollen Stunden. Wenn der lange Finger oben war, zeigte er 12 aber denn schlug die Uhr meistens keine 12 Mal, – weil es eben immer genau nur diejenige Zahl schlug, welche von dem kleinen Finger angezeigt wurde …

Schon früh lernte ich, dass die Zeit bestimmte wichtige Momente haben kann. Weil mein Vater immer morgens früh zur Arbeit musste, ging er morgens gegen 8 ins Bett und schlief noch ein Weile. Wenn die Uhr 10 schlug – will ich hinauf in das Schlafzimmer und darf ihn wecken. Also sah ich immer schon vorher gespannt an die Uhr. Wenn der grosse und der kleine Finger beide auf X wiesen dauerte es nicht so lange mehr …

Später sah ich in der Stadt bei einem Uhrenladen, dass es sehr unterschiedliche Sorten gibt. Die schönsten und faszinierendsten waren goldfarbig unter Glas gestellt. Sie hatten vier Kugeln die abwechselnd linksum und rechtsum drehten, ein richtiges Wunder! Ich träumte davon, dass ich, erst eimal gross geworden, mir ganz bestimmt so eine Uhr kaufen würde. Aber das Leben hat sein eigen Lauf und geht manchmal einen ganz anderen Weg …

Am 15.02.2015 waren wir wieder einmal in Feldheim und das Wetter war nebelig. Wir gingen, es war ein Sonntag, im Pfarrhaus Leetza zur Kirche. Es war zehn Uhr und Pfarrer Schollmeyer stellte dort zwei kleine goldene Plastik-Uhren mit vier drehenden Kugeln auf den Tisch. Die eine drehte, aber die stand still. Immer auf zehn Uhr.
Da redete er über die Zeit und dass es da sehr bestimmte Momente gibt. Am Ende konnte man die Uhren mitnehmen. Um dann zu Hause ab und zu auf die Uhr zu gucken, wichtige oder auffällige Momente zu notieren, oder genauer zu beschreiben. Mir gab er die Uhr, die bisher nicht in Gang gebracht worden war. Wir waren um 12.15 Uhr zurück im ehemaligen Pfarrhaus Feldheim, wo wir wohnen. Da erwies es sich als sehr einfach, die Uhr zu reparieren. Und um 12.15 Uhr funktionierte sie und nach ein viertel Stunde war um 12.30 Uhr auf einmal die Sonne da! Die Uhr blieb in Feldheim auf dem Schrank und lief seitdem immer weiter, auch wenn wir nicht mehr da waren.

Am 10.04.2015, Tag der 70. Befreiung unsern Stadt Deventer, kamen wir wieder in Feldheim an und sahen sofort auf die Uhr, sie zeigte 18.30 Uhr.
Nachher guckten wir im Garten herum und fanden einen Dachziegel vom Haus unter der grossen roten Buche. Aber als wir hoch schauten, fanden wir kein Loch im Dach. Nur ganz oben, gleich unter der First, lag ein Dachziegel quer. Ein Loch fanden wir aber nicht. Bei genauerem Hinschauen erwies es sich, dass noch weitere Ziegel verschoben waren. Ursache war bestimmt der Sturm Nicklas gewesen.
Um 20.58 Uhr bedachte ich, dass die Zeit auf der Uhr noch Winterzeit anzeigte – und habe die Uhr umgestellt. Nun zeigt sie die Sommerzeit an. Der nächste Tag verriet mit Hilfe eines Lichtflecks auf dem Dachboden, wo der Dachziegel fehlte.

Weiter! Als wir am 12.06.2015 um 12.00 Uhr nach Feldheim kamen, herrschte schönes und trockenes Wetter mit 22Grad Celsius.

Schließlich, am 21.05.2015 fanden wir in Luckenwalde eine lang gesuchte neue alte Tür. Die Tür soll wieder das grosse Zimmer im alten Feldheimer Pfarrhaus mit dem Gartenzimmer verbinden. Die Tür soll Glasöffnungen kriegen, auf denen das Licht der untergehenden Sonne durch die Gartentür auch in das große Zimmer herein gebracht wird. Im Sommer ist es da nämlich immer sehr dunkel, der großen schönen roten Buche wegen. Aber mit dieser Tür wird das bestimmt viel schöner und heller werden.

Zu Hause habe ich beim Bett eine moderne Uhr, die nur rote digitale Ziffern kennt. Am 18.06.2015 war ich lange noch wach und hörte mir eine CD mit den Brandenburgische Konzerten von J.S.Bach an. Ich dachte an die neue Glastür im alten Pfarrhaus und sann über die Art des Glases nach, die ich für die Feldheimer Tür nutzen möchte. Es war mir noch nicht alles klar – indessen spielten die Nummern 11 und 12 der CD.
Um 23.32 Uhr aber war es auf einmal klar und die Idee war geboren! Die vier Paneelen, die ich mit Glas besetzen möchte, sollen in Bleiverglasung ausgeführt und die Verglasung soll geteilt werden, damit es im grossen Zimmer aussieht, als ob das Holz dazwischen frei vor einem großen Fenster steht. So, als wäre es ein Christuskreuz im Licht.

Die Randstreifen unten, links und rechts sollen rot und weiß sein. Wie die Farben der Stadt Deventer und des Bischofs von Utrecht. In die Ecken unten die beide Adler der Städte Nimwegen (zweiköpfig) und Deventer (einköpfig). In einer Urkunde vom Jahr 952 von König Otto I wurde Deventer erstmals als Stadt erwähnt.

In die Ecken oben sollen die beide Kronen der Ottonischen Kaiser Otto III als Referenz an den Friedensauftrag, den seine Mutter, die Armenische Princess Theophanu aus Byzanz Europa entgegen gebracht hatte. Theophanu, Frau von Kaiser Otto II ., war am 15.06.991 in Nimwegen verstorben. Ihr Sohn Kaiser Otto III war Jun/July 980 im Reichswald bei Nimwegen geboren, seit Mitte 996 der Kinderzeit entwachsen, schlug er in seiner Stadt Deventer die ersten silberen Münzen mit “Daventria”. Er starb 23/24.01.1002 in Rom. Die oberen Streifen sollen weiß und gelb sein – als Referenz der Unschuld und dem göttlichen Licht gegenüber …

Zeit-Spielerei
„Alles hat seine Zeit“:
die Urzeit und die Steinzeit
und auch die Zwischenzeit.
Gab es einen Zeitplan von der Frühzeit an?
Lerntest auch du Zeitleisten, früher?
Zeit der Renaissance und des Barock,
Goethezeit und Biedermeier z. B.?
„Zeitlos“ ist nicht!

Nur:
die Blütezeit der Herbstzeitlose.
Sie ist zur Unzeit, ein Gutschein auf Zeit sozusagen! –

Weißt du, der Zeitgenosse aus Zeithain
braucht eine Auszeit,
mal ohne Uhrzeit und Zeitschriften
(auch nicht „Die Zeit“) –
ganz ohne Zeitplan,
nur mit der Sternzeit und dem Gang der Gezeiten.
Dann kann er seine Zeitreise reisen,
nicht weit, nicht bis zur Zeitenwende,
nur bis zur Wendezeit.
Alles weitere wäre Zeitverschwendung – für ihn.

PS: Noch eine Frage:
Bist du mir noch gleichzeitig,
zeitnah – irgendwie?
Oder ist alles schon Zeitgeschichte?
Zeitweilig kommt’s mir so vor!

Der Traum von der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab.
Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. … Über mir hört’ ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermesslichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Misstönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. … Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. … Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen. Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«Er antwortete: »Es ist keiner.« Der Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt. Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schaute in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert. … Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«
Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte – und die Ringe fielen nieder, und sie umfasste das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um die Natur – und quetschte die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles wurde eng, düster, bang – und ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern…. als ich erwachte.
Meine Seele weinete vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.

aus: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, kurz Siebenkäs, Berlin 1796

Von der Zeit und den Uhren
Zeit als solche gibt es vielleicht gar nicht? Womöglich sind wir es selbst, die den Dingen Zeit anhängen – das ist es! Und nicht nur das, sondern zugleich ein Problem. Denn damit, dass wir den Dingen Zeit anhängen, machen wir sie schwerer. Irgendwie schon … Wer keine Uhr mehr hat, hat irgendwann wieder mehr Zeit. Da bin ich ganz sicher. Und nicht nur ich. Und wenn es sich tatsächlich so verhält, warum denn entstand dann eigentlich dieses dichte Netz von Stunden, Minuten und Sekunden, mit denen wie seit Jahrtausenden die Dinge codieren? Hat es nicht ausgereicht, dass früh Helligkeit und abends das Dunkle kam, und sich damit ein einigermaßen geregeltes Leben quasi fast wie von selbst ergab? „Es wurde Abend und Morgen – ein Tag“ sagt die Bibel. Wozu also noch 24 Stunden – ein Tag. Warum 60 Minuten – eine Stunde? Weshalb 60 Sekunden – eine Minute. Und dann noch das ganze Gesindel von Zehntel- und Hundertstelsekunden …

Die immer kleiner werdende Einteilung des Tages in Zeitfetzen hatte etwas bewirkt, was man nicht mehr missen wollte. Es war nämlich möglich geworden, effizienter zu arbeiten. Der Zeit-Mensch konnte seine Ziele verlässlich(er) erreichen. Eines Tages aber wandte sich das neue Zeitwerkzeug gegen die Erfinder und begann damit, seine Erschaffer über Gebühr anzutreiben. Dagegen half dann auch der Sabbath nicht mehr viel. Die Beschleunigung hatte auch die Ruhenden bald in erbarmungslosem Griff.
Die Zeit selber blieb zwar immer gleich langsam. Aber nur auf dem Papier und immer raffinierter werdenden Zifferblättern. Doch die Menschen beschleunigten ihr Handeln enorm. Und sie traten darin miteinander in Wettbewerb, dann zueinander, – und schließlich gegeneinander. „Zerschlagt die Uhren!“ lautete bald der verzweifelte Ruf derer, denen dämmerte, wie sie zu Sklaven der Zeitmessung geworden waren, ohne es recht zu bemerken! „Schafft die Zeit ab!“ lautet wahrscheinlich ein Programm, wenn erst einmal alle Uhren vernichtet sein werden sind. Und „was nun?“ wird man die bange Frage flüstern, wenn die Zeit verschwunden ist …

Jean Paul ersann zu diesem Thema eine sonderbare Geschichte, die im Hintergrund gestanden hat, als wir die Woltersdorfer Zifferblätter neu entworfen haben. Der Traum von einer Rede Christi, als er auf der Spitze des Weltgebäude steht, und gefragt wird, ob es einen Gott gebe – und damit auch einen Sinn. Nicht nur in der Zeit, sondern auch jenseits der Zeit. In diesem Traum blicken alle gespannt nach jener großen besonderen Uhr, die keine Zahlen hat, und deren Zeiger zugleich das Zifferblatt ist. Ist das nicht der Sternenhimmel, der sich dreht und dreht?Oder – der so aussieht, als ob er sich dreht.

Am Ende ist es (Gott sei Dank) eben nur ein Traum, den der Träumer (so lautet der Entschluss Jean Pauls) sich selbst immer dann zu erinnern vornimmt, wenn er wieder einmal vergessen haben sollte, dass unsere Welt in ein Meer aus ordnendem Sinn eingebettet ist. Und dass es jenseits dieses innerweltlichen Sinn-Meeres mindestens noch einen anderen übergeordnete Sinn tatsächlich gibt, den man dann überweltlich, oder außerirdisch oder jenseitig nennen könnte, – wenn man solche Begriffe mag.

Hier schnell ein paar Überlegungen zum Problem der sogenannten Messung. Die Messung ist ein absichtlich provozierter Sonderfall des Alltäglichen. Wer etwas misst, und das gilt auch für die Zeit, vergleicht zwei Dinge oder Sachverhalte miteinander. Messen ist immer vergleichen. Wir messen etwa, wie viel wir an einem Tag essen und trinken können. Wenn nun z.B. Erde, Sonne und Mond sich schneller drehen würden, würden wir trotzdem noch genauso viel essen und trinken wie vorher. Aber wir würden sagen: „Ich esse irgendwie weniger am Tag.“ Denn der Tag wäre schneller vergangen: „Ich habe in den vergangenen drei Tagen so wenig gegessen, wie sonst an einem einzigen Tag.“ Drehten sich die Himmelskörper dagegen ab morgen langsamer, würden wir sagen: „Ich esse jetzt dreimal so viel wie vorher.“ Das ist nur ein kleines Beispiel, um zu zeigen, wie das, was wir gemessene Zeit nennen, eigentlich erst durch unser Messen entsteht. Und es kommt deshalb darauf an, womit wir was messend vergleichen.

Mit dem Hilfsmittel der Zeit vergleichen wir verschiedene Abläufe miteinander und nehmen Entsprechungen, die sich regelmäßig immer wieder erneut und sich wiederholend zu ergeben scheinen, zur Kenntnis – und dann gewöhnen wir uns an die beobachteten Wiederholungen. Das Hirn blendet sie bald aus – und dadurch beginnen die ausgeblendeten Zusammenhänge aus dem Hintergrund alles Übrige bestimmend zu dominieren. Auf diese Weise entstehen inhaltlich aufeinander abgestimmte Ereignishorizonte, in die wir dann einzelne Erlebnisse eingliedern und zu Teilen traditioneller Ereignis-Ablaufschleifen mit biographischen Besonderheiten machen. Die jeweilige Ablaufschleife kann dann manches Ereignis zwar nicht aufnehmen (weil seine Maschen und Raster zu klein sind, seine Ketten zu kurz und seine Muster nur noch für das Gewöhnliche brauchbar). Das Nicht-Einzuordnende – das sind dann die großen Erfahrungen, von denen wir sagen, sie seien Schicksal, Gnade, Fügung, Zufall usw. Sie stellen das Alltags-Zeit-Empfinden in Frage.

Wenn wir unsere persönlichen Normal-Zeit-Abläufe als Kurzgeschichten möglicher Ereignisse verstehen, werden wir bemerken, wie wir uns das Alltags-Geschehen ziemlich immer diktieren lassen – und zwar von jenen ausgeblendeten Hintergrund-Modellen. Diese lassen vieles nicht zu, können aber anderes dafür sehr geschwind erklären. Solange wir mit diesen Erklärungen zu frieden sind. Deshalb käme es darauf an, andere Geschichten als die üblich gewordenen a u c h zu erzählen. Geschichten, in denen singuläre Phänomene leben können, ohne durch gewohnte Zeitzuordnungen zermessen zu werden.

Aus diesen Gründen haben wir am Woltersdorfer Kirchturm drei verschiedene Zifferblätter angebracht. Eine Sonnenuhr, eine normale Zeigeruhr, und eine Uhr – die nach dem Mond geht. Jede Uhr erzählt eine andere Geschichte zur Zeit und zur Möglichkeit, die Zeit in unterschiedlichen und vergleichenden Geschichten als etwas sehr Großzügiges kennenzulernen – sie nicht als knappes Gut zu messen, sondern als Entfaltung von Möglichkeiten entstehen zu lassen. Denn Zeit vergeht nicht – sie füllt sich und erfüllt die, die sich von ihr beschenken lassen …

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1. Die Sonnenuhr
„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur!“ Dieser gutgemeinte Rat ist bekannt und wird nicht selten scherzend zitiert. Auf Karten gedruckt schenken manche Leute sich diesen Spruch zum Geburtstag. „Herzlichen Glückwunsch. Wie gehts?“ – „Muss!“ Solche tiefsinnigen Gesprächs-Kurzformeln begleiten die Überreichung der Glückwunschkarte. Zusammen mit dem Spruch: „Hauptsache Gesundheit!“ (der unzweifelhaft der wichtigste Spruch ist, – zugleich das salomonische Bittgebet, denn es geht dem Wünschenden ja nicht nur um die Gesundheit des Körpers, sondern auch um die der Seele und des Geistes). Auch in Poesiealben findet sich der heitere Satz über die Sonnenuhr, gleich nach dem von der Rose, vom Veilchen und Goethes „Edel sei der Mensch, – hilfreich usw.“
Heitere Stunden? In der Tat, – wir merken uns zu oft die düsteren Stunden. Man weiß, womit das zusammenhängt. Unser altes Primatenhirn unter der Schädelplatte und die Amygdala. Das schlechte Unheitere, das uns umbringt, macht uns zurecht Angst. Wir lernten von Anfang an, dem Unheiteren auszuweichen. Deshalb müssen wir es uns zumindest unbewusst merken. Es bleibt abgespeichert bis in alle Ewigkeit.

Die Sonnenuhr nun zeigt nur dann die Zeit an, wenn die Sonne scheint. Dann erst werfen die Dinge ihre Schatten. Und mit diesen Schatten wird die Zeit gemessen. Bzw. es stellt sich vermittels der Schatten heraus, dass die Sonne scheint – ihr aber etwas im Wege steht. Das nämlich steht ihrem Lichte im Weg, was persönliche Schatten wirft. Mit diesem Wechselspiel von Schatten und Licht orientieren wir uns – so funktioniert die Licht-Schatten-Uhr.

Die Licht-Schatten-Uhr (oder Sonnenuhr) hat also mit ihrer Wirkungsweise das metaphysisch bedeutsame Prinzip des Gegensatzes funktional verarbeitet. Weil die Dinge Schatten werfen, können sich die Menschen bei Licht besehen in den Zeitabläufen orientieren – und diese Orientierung geschieht tatsächlich immer in Beziehung zum Zentralgestirn des grandiosen bewegten Massesystems, in dem wir als Erdlinge untergebracht worden sind (die sogenannte Heimat im Sonnensystem). Auch hier findet also der oben schon genannte problematische Vergleich statt. Wir klären nämlich unsere Position zum Ausstrahlungsort des Lichtes, – damit messen wir Zeit. Entgegen dem kleinen Spruch von den heiteren Stunden ist dabei zusätzlich zu bemerken, wie die Sonnenuhr gerade dann versagt, wenn wir sie am nötigsten hätten. In den strahlungsarmen Zeiten lässt sie uns allein …
Was dann? Alles sich in der Zeit orientierende Leben scheint erstarrt zu sein. Helios verbirgt sein Antlitz. Die Menschen versinken im Grau der Schatten. Die Welt des Wolkendunstes ohne messende abgegrenzte Schatten, jene vom Wolkendunst verborgene Ober-Welt breitet sich zeitweilig hier unten aus, – der Hades, wo die Schatten wohnen, greift über die Erdoberfläche. Dann hilft nur noch der Spruch, der unabhängig von Licht und Schatten gilt: „Bete und Arbeite trotzdem“. Kein Befehl, – eher ein Ratschlag, eine Empfehlung, ein Tipp für alle, die sich nicht mit der Willkür von Licht und Schatten, Wolken und Himmelsklarheit zufrieden geben.

In der lateinischen Sprache, welche zugleich die der europäischen Gelehrsamkeit als auch ihrer klösterlichen Spiritualität war und nach wie vor geblieben ist, bedeutet das ORA ET LABORA viel mehr als das BETE UND ARBEITE auf den ersten Blick vermuten lassen. Klingt ORA nicht fast wie HORA? Und hora ist die Stunde. Nicht nur die Dauer des Verlaufs von 60 Minuten, sondern hora ist die heilige Stunde, das Fenster zur Sphärenwelt und zu deren von Engeln verantworteten ungeahnten Vielfalt. Zahlreiche Gebete stehen als Begriffsfahrzeuge bereit, sich mit und auf ihren geflügelten Gesängen in die Ferne wunderträchtiger Dimensionen hinauszuwagen. Und diese Fahrt ist dann auch schon die Arbeit – LABORA. Jener Ort aber, an dem solche Experimente provoziert werden, wäre das Labor als heiliger Raum (orare – vocare meint auch besonders das Hervorrufen).
Wenn sich dann zum Zeitpunkt besonderer Erkenntnisse die Sonne hinter den Wolken urplötzlich hervor schiebt und der Schatten des Gnommon (der Licht/Schattenstab) irgendwo auf das Ziffern-Band der Zahlen fällt, sind das dann nur irgendwelche berechenbaren Schatten, oder nicht auch zugleich die überirdischen Winke der Gnade?
Vielleicht nicht heitere. Auf jeden Fall bedeutsame. Das Entstehen des Schattens auf und im Kelch der Ziffernzeichen, das ist es. Der Zeitgral, Schriftband und Gefäß zugleich, kann die Sonne zwar nicht einfangen aber doch hin und wieder stiehlt er über den Kunstgriff des Schattens etwas vom flüchtigen Sakrament des Lichts. Diebstahl für die Gegenwart von etwas Größerem im je Kleineren.

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2. Die mechanische Zeigeruhr
Wem das alles nichts sagt, wer es im Gegensatz zur Klarheit ganz genau und präzise wissen will, schaue auf die mechanische Zeigeruhr. Die mechanischen Uhren zerreißen die Zeit in gleiche Teilchen und setzen sie dann wieder zusammen. Jedes Intervall hat das gleiche Recht. Besonderes dagegen hätte irgendwie Unrecht. Gesteigert wurden die mechanischen Minutenuhren nur noch durch die Digitaluhren. Hier kreist nichts mehr – sondern alles läuft gleichmäßig nach nirgendwohin – und stetig davon. Man hat gesagt, die Uhrensynchronisation beginnt im 19. Jahrhundert mit der Erfindung der Eisenbahn und mit der Notwendigkeit, Fahrpläne zu verlässlichen Zeitgebern einzurichten. Die Ortszeiten der Sonnenuhren verschwinden aus Mitteleuropa. Es ist nicht mehr dann um zwölf, wenn der Schatten am kleinsten ist, sondern eben 11.55 Uhr oder 12.10 Uhr. Zeit hängt bald nicht mehr hauptsächlich mit der Sonne und dem Zenit des Himmels zusammen, sondern mit konstruierten Zeitfenstern, die für auf festgelegten Eisenschienen bald hin und her rasenden Zügen künstlich geschaffen werden müssen.
Die Krankenschwestern maßen mit kleinen Sanduhren noch den Puls, später auch mit Armbanduhren. Sechzig Mal in der Minute, sonst stimmt etwas nicht mit dir … Die Tagesschau nicht verpassen, – wenn der Zeiger auf der zehn steht, musst du los, sonst schaffst du es nicht mehr bis 20 Uhr. Zeit wird zum knappen Gut. Die mechanische Zeigeruhr hat auch Sprüche aufgeschrieben bekommen: „Eine wird deine letzte sein“, „Nutze den Tag“, „Die Zeit flieht“ und was es da sonst noch so alles gibt.

Es ist eine gute Frage, warum wir trotz vieler Mühe, ein gutes Leben zu haben, meistens doch kein solches haben (Hartmut Rosa). Sind wir selber daran schuld oder wieder die anderen, die uns tyrannisieren? Wenn man nicht ausgesprochen übelwollend ist, wird man bestätigen, dass zumindest in den Ländern deutscher Zunge die großen Tyrannen fortgejagt worden sind. Kein Saddams mehr bei uns, kein Gadaffis, auch kein Putin – die sind entweder alle schon im Himmel oder relativ weit weg (mindestens zwei Wochen von Kiew entfernt, wie der Lebendige unter den eben Aufgeführten vor einigen Monaten beruhigend zu Protokoll gab). Tyrannen hat es früher gegeben. Wir erinnern uns fast alle auch noch an die kleineren Bösewichter, die nach den großen das Erbe antraten. Die Ulbrichts, Honeckers und Mielkes sind nun fast alle schon im Himmel – und können uns nicht wirklich etwas tun. Trotzdem fühlen wir manchmal kein gutes Leben, sondern irgendeine Tyrannei. Haben wir einen wichtigen Tyrannen übersehen?

Tyrannen kann man ermorden, oder auf friedliche Weise abwählen, – beides ist nicht unbedingt einfach, aber möglich. Das lehrt die Geschichte, das lehrt die Zeit. Aber halt, – da haben wir sie entdeckt! Der Tyrann ist eine Tyrannin und die ist die Zeit, wo sie in die mechanischen Zeigeruhren gezwängt wird und sich dort notgedrungenermaßen breit macht. Also nicht die Zeit an sich, sondern die beschleunigte Zeit, wo sie sich mit Wettbewerb und Wachstum unentwirrbar verwirrt. Dann ist sie die gnadenlose Gebieterin, welche als Mechanismus, als totes Modell, als Wiederholungszwang zum inneren Motor der Gesellschaft wird. Und uns mit der erbarmungslosen Peitsche einer Galeerenaufseherin aus dem Roman „Die Elenden“ unbarmherzig antreibt. Wir brauchen zur Zeit ein anderes Verhältnis zur Zeit.

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4. Die Monduhr
„Ihre Uhr geht wohl nach dem Mond?“ Ja, – Gott sei Dank. Die Monduhr geht nach dem Mond. Sie hat mit dem Mond zu tun. Die Woltersdorfer Uhr auf der Nordseite des Turmes, wo nie ein Sonnenstrahl direkt hinreicht, lässt ihre zwei Zeiger etwas anders kreisen. Die runde Labyrinth-Scheibe, die zugleich ein Teil des Zifferblattes ist, bezeichnet mit ihrem zeigerförmigen Eingang jenen Punkt der Ekliptik, welcher im Osten gerade eben aufgeht, – in der Sprache der alten Sternen-Wissenschaft also den Aszendenten des Tierkreises, auf dem die Sonne mit ihren Planeten und dem Mond zu wandeln gehalten sind. Der große Zeigerstab dagegen zeigt die Stellung des Mondes in den zwölf Tierkreiszeichen der Ekliptik an. Ihre Zeichen sind auf dem Zifferblatt so angeordnet wie die Zahlen einer ganz normalen Uhr. Der Widder ist die 1, der Stier die 2 usw. Die zwölf Zeichen haben bekanntlich jedes 30 Grad. Das Zeichen ist immer bei der Hälfte des jeweiligen Tierkreisabschnitts platziert worden (15 Grad). Die drei steht also bei 15 Grad Zwilling, die zehn bei 15 Grad Steinbock. Zwischen der zwölf und der eins liegt der Frühlingspunkt 0 Grad Widder.

Während nun die Zahlen 1 bis 12 auf der normalen bürgerlichen Gebrauchsuhr keinen besonderen Inhalt anzeigen, sondern nur im Kreis herumhetzen und den Betrachter mahnen, dass die Zeit vergeht und damit auch der Betrachter, sagen die beiden Punkte der astronomischen Uhr mehr. Sie erzählen die Geschichte vom Kreislauf der Themen und ihrer Verwandlung auseinander und ineinander. Jedes Tierkreiszeichen hat bekanntlich seine Einbettung in einen universalen Mythenkanon. Zwei dieser Punkte nehmen miteinander Fühlung auf (die beiden Punkte, an denen die Zeiger stehen). Der Aszendent und die Mondstellung. Jemand, der diese 360 Punkte kennt, kann die Leiter, von der die Bibel schreibt, dass sie auf und niedersteigen lässt und an deren Spitze der steht, der als unbeweglich gilt, im Geiste auf und abklimmen. Für solche Liebhaber des Traums von der Himmelleiter entsteht erfüllte Zeit. Denn die Zeit vergeht nicht quantitativ, solange sie im Gegenteil inhaltlich qualifiziert und dadurch immer mehr erfüllt wird. Indem sie jeden einzelnen Punkt erfüllt, den sie mit den Himmelskörpern erwandert.
Am Tag der Einweihung des Zifferblattes (2.8.2015 um 10 Uhr MESZ in Woltersdorf hatten wir einen Aszendenten von 25 Grad Jungfrau und den Mond auf 6 Grad Fische. Man muss nun nicht unbedingt an die aus dem Jahr 1925 stammenden sogenannten sabischen Symbole denken. Die beiden Astrologen Jones und Rudhyar fanden bzw. ließen für jeden Grad des Tierkreises eine archetypische Bilderszene erfinden. Aber man kann!
Für 25 Grad Jungfrau wäre das folgender Text: „Ein Knabe mit einem Weihrauchgefäß dient dem Priester am Altar.“ Und für die 6 Grad Fische: „Beleuchtet durch einen Lichtstrahl ruht auf Felsen ein großes Kreuz, umgeben vom Küstennebel.“ Man könnte nun aus diesen beiden Bildern ein einziges Bild machen. Demnach würde in einem Tempel das beleuchtete Felsenkreuz zelebriert, eine Art Anker? Nebel und Weihrauch würden verschmelzen – Kühles und Heißes miteinander vereint. So etwa – oder anders …

Bei diesen Sinn-Konstruktionen geht es bestimmt nicht um festgeschriebene Wahrheiten, sondern um zwei Hilfs-Säulen, zwischen die man sich stellt – und dann in das zeitlose Reich der sogenannten ewigen Wahrheiten hinaus schreitet – und aus welchem Reich man immer anders wieder herauskommt, als man hineingegangen ist.

Auf diese Weise entstünde Zeit. Der Aszendent (Zeiger der Labyrinthscheibe) sei dabei immer dasjenige Thema, um welches es geht. Und der Mond mit seiner Stellung (großer Zeigerstab) gäbe die besondere Aufgabe an, wie dieses Thema gegenwärtig anzufühlen wäre. Man bedenke dabei, der Mond uns das Licht der Sonne widerspiegelt. In unserem Falle (2.8.2015 um 10 Uhr) gälte es, ein penibel gegliedertes Jungfrau-Thema (Aszendent) in seiner unendlichen Grenzenlosigkeit (Fische) zu erspüren. Freilich, – man muss sich an den alten Bildern freuen wollen können. Wer in diese Richtung zu gehen nicht mehr geübt ist und in sie auch partout nicht mehr einschwenken will (sei es auch nur experimentell), bleibe wenigstens andachtsähnlich vor der mechanischen Uhr stehen – und von ihr fasziniert. Und zum Trost noch diese Bemerkung: Auch der Zwang zur Verneinung des Schönen hat (s)eine gewisse Faszination und gibt für schwache Geister ausreichend Sicherheit und Orientierung.

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Die vierte Uhr – das Christusbild
Im Inneren der Woltersdorfer Kirche gibt es nun noch ein weiteres Zifferblatt. Gemeint ist das Altarbild, das der aus Dahme stammende Maler F.A. Nitzsche 1851 für die Kirche in Zahna gemalt hat. Von Zahna aus kam das Bild dann irgendwann in die Woltersdorfer Kirche. Zu sehen ist eine Kopie des von F.W. Schadow für Schulpforta gemalten Christus. Christus selbst steht zwischen zwei korinthischen Säulen – hält locker ein kreuzförmiges Siegesfähnlein in der Linken, und erhebt die segnende Rechte. Durch diese Haltung, vor allem der beiden Arme, wird eine Uhrzeit simuliert. Zentrum der lebendigen Christusuhr ist die Stelle am Körper, wo die Alten den Sitz des Thymos definierten – hinter dem Brustbein, Sitz der Seele. Auf dem Schadow-Nitzsche-Bild ist durch die Körperhaltung des Gottessohnes Christus sozusagen dauerhaft die Zeit um etwa 10.25 Uhr festgehalten. Das wäre jener Zeitpunkt, zu dem in der Regel während des Gottesdienstes die Predigt beginnt. Auf die astronomische Uhr an der Nordseite des Turmes bezogen, bezeichnet die linke Hand Christi den 15 Grad-Löwe-Punkt. In den sabischen Symbolen lesen wir dazu folgenden Text:

„Ein Festzug mit vielen prächtigen, Aufsehen erregenden Wagen bewegt sich durch eine Straße, die von fröhlichen Menschen gesäumt ist.“

Die rechte Hand dagegen zeigt so ziemlich genau auf die Mitte zwischen Zehn und Elf Uhr. Gemeint ist also der Grad, mit dem das Wassermannzeichen beginnt (0 Grad Wassermann). Dazu lesen wir den Symboltext:

„Eine alte, aus Lehmziegeln gebaute Missionsstation in Kalifornien.“

Es bleibt nun der Phantasie der Leserinnen und Leser anheimgestellt, beide Bilder miteinander zu verbinden – und dadurch zu einem einzigen Bild zu machen, wie ja auch großer Zeiger und kleiner Zeiger der Uhr eine einzige Uhrzeit ergeben, die auf thematische Inhalte hinweisen wird, welche sich jetzt gerade ereignen. Die beobachtete Zeit wird in diesem Fall mit einem speziellen Inhalt verbunden. Dabei wird deutlich, wie Zeit also nicht (nur) vergeht, sondern entsteht, indem sie mit Inhalt erfüllt wird. Solche Zeiterfüllung wird völlig anders wahrgenommen als das meist negativ konnotierte „Vergehen“ der Zeit. Im Blick auf die Betrachtung des Woltersdorfer Altarbildes ist die Erfüllung der Zeit mit zu eigen gemachtem Inhalt natürlich auch ohne Orientierung auf die sabischen Symbole möglich. Etwa so:Das Thema der Trennung und Zusammengehörigkeit der Dinge an der kritisch verbindenden Stelle (Zeichen Wassermann – rechte Hand) … soll beherzt angenommen und durch persönlichen Einsatz gestaltet werden. Die Bewegung vom Himmel herab geht durch die Person hindurch (Corpus) und langt unter Zuhilfenahme eines speziellen Hilfsmittels (Kreuzfähnchen) auf der Erde an (Zeichen Löwe – linke Hand).

Damit ist deutlich geworden, worauf es vor Altar-Bildern generell ankommt: Die Phantasie ordnet den messbaren Zeitpunkten und Zeitfenstern thematische Inhalte zu. Dafür ist auf jeden Fall Phantasie hilfreich und der Glaube daran, auf diese relativ einfache Weise im Rahmen eines traditionellen Zusammenhangs (biblische Überlieferung, Mythen, Ideen- und Wissenschaftsgeschichte) die Zeit und ihren Raum erfüllen zu können. Mit Sinn …

Woltersdorf im Sommer 2015

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