der Herbst hat auch Blumen …

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Am nächsten Tag kamen wir an ein Feld mit Ackersenf, das blühte herrlich und breitete sich golden vor uns aus. Philippus bat den Meister anzuhalten und um eine kurze Rast. Bald lagerten wir friedlich am Feldrain und sahen, wie die Blütenköpfchen uns freundlich zunickten.

Und als wir lagen, und als wir schauten, da verwandelte sich ein jegliches Ding. Und jeder von uns meinte, das alles schon irgendwann einmal irgendwo erlebt zu haben. Und wir fragten unseren Meister danach. Er aber schaute in das weite Feld hinaus und sagte kein einziges Wort.

Da wurde uns noch seltsamer zu Mute. Als ob alles um uns herum völlig fremd würde. Wir kannten einer den anderen nicht mehr. Auch das Feld war ganz anders und die Sonne am Himmel tat so, als ob sie uns noch niemals geschienen hätte. Wir ächzten in großer Not.

Petrus biss sich tief in die Hand – bis auf das Blut. Das tat er immer, wenn etwas ihm hart zusetzte. Alsbald schob sich eine große dunkle Wolke am Himmel heran und kühler Windhauch kam auf. Uns fröstelte und der Sinn eines jeden Dinges war wie ausgetilgt von der Erde und aus unserem Gedächtnis. Schon wähnten wir das Erschallen der letzten Posaune nur noch Minuten von uns ferne, und dass der Himmel sich alsbald aufrollen müsse wie ein fahles Pergament, – da schob sich die Sonne hinter der Wolke wieder hervor und entflammte das Feld erneut zu lichtem Goldgelb.

Die Blüten nickten uns vertraut zu, als wollten sie sagen: „Sehet, so ist das. Nichts hat festen Bestand und hinter der Oberfläche dessen, was ihr seht, liegt ein unheimliches Land hingebreitet, in welchem ihr euch nicht auskennt.“ Und wir bestürmten den Meister in dieser Sache; er aber wiederholte nur sein altes Wort: „Ich bin das Licht der Welt. Folgt dem Licht. Und erinnert euch, wenn es finster wird an das Gelb dieser kleinen Blüten.“ Dann berührte er eine davon mit seinem göttlichen Mund und küsste die Blättchen. Wir wagten nicht, es ihm nachzutun.

Nichts hielt uns mehr und wir rannten von diesem Acker davon, bis wir ganz außer Atem waren.

(aus dem in Marzahna aufgefundenen Lazarusevangelium)

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