IS(S)T

20130310-100456.jpg

Er isst das Brot.
Sie isst das Brot.
Es ist das Brot,
das alles ist.

ESSE – dies und das
ist Eines.
Sein – Brot,
Er ist es!

Identitas …

Im Reigen der Fiktionen, von denen die Menschen sich gern umtanzt sehen, fällt deren eine in besonderer Weise auf. Mehr als auf den anderen Gestalten im Tanzkreise ruht unser Auge bei ihr etwas länger aus, und deutlicher als die meisten anderen erregt diese einzige Figur unser besonderes Interesse. Wer ist das, der dort so hingebungsvoll seine Schritte setzt?
Bekanntlich lenkt der Kreis jener tanzenden Gedankenschöpfungen unseren Blick eine gewisse Zeit lang von der Unendlichkeit ab, die sich hinter der Choreographie ihrer anmutig bewegten Darstellerinnen unweigerlich auftut. Der leere und sinnentblößte Raum schwiege uns von dort draußen unheimlich an, wären da nicht diese Fiktionen in ihren manchmal bunten, manchmal grauen Kostümen, die uns, wenn wir das wollen, den Blick ins gähnende Nichts ein wenig verstellen und erschweren. Zu diesem Zwecke haben wir uns freundliche Phantome selber erschaffen dürfen. Und sie sind Teil des Immunsystems Religion, welche an den Grenzen ganz weit draußen in Philosophie umschlägt.
Jene Gestalt, auf die unsere Aufmerksamkeit sich immer wieder einigermaßen fassungslos, aber zugleich positiv berührt, richtet, – ist die inzwischen nicht nur literarisch gebliebene Konstruktion eines Menschenfreundes, der hinter die Sterne versetzt worden ist, nachdem er unter uns (denen allen er hatte Freund sein wollen) viel erleben sollte und auch erleiden musste. Es geht natürlich um Jesus von Nazareth, dessen Bildnis die christliche Kirche zum Messias und kosmischen König entworfen, später ausgebaut hat und an dieser ihrer großartigsten Konstruktion immer noch gestaltet. Und das ist ja auch die Aufgabe, dem alten Bild immer wieder eine aktuelle Gestalt zu geben.
Es heißt da zum Beispiel, dieser eine hätte gesagt, er sei so etwas wie Brot. Und er ist nicht nur das Brot, sondern er isst auch das Boot mit allen. Er leidet den Tod, er ist das Od, er dringt in unsere Welt ein als ultimatives Lot. Und sein Blut ist nicht etwa blau, sondern rot, wie der Erdboden in Palästina.
So, wie diese Liste von hingeworfenen Reimen erst einmal unsere seltsames Aufmerken hervorruft, reimt sich in den Geschichten des Jesus fast alles zusammen, was Menschen jemals gedacht, befürchtet und erhofft haben. Er ist der Reim für das, was Gewicht hat und deshalb vieles leichter macht. Und dieses Alles lässt sich am besten in dem kleinen Wort “Brot” zusammenfassen.

Wenn Johannes, der Evangelist, am Beginn seines Evangeliums davon redet, wie eigenartig das Wort am Anfang steht, und der Mann, der das Wort sein soll ab irgendwann an dann auch selber das Brot auch sein will, in Brothausen geboren wird (was die Hebräer kurzerhand Bethlehem nennen), wenn der Teufel ihn als Teilhaber eines großen Jointventure gewinnen möchte, bei dem aus Steinen Brot gemacht werden könnte, wenn er selber am Ende oder Ziel an einer die Brote zerteilenden Geste erkannt wird, wenn er Tausende satt macht mit einer Tüte Brot, wenn er bitten lässt “Unser tägliches Brot gib uns heute”, wenn er jene alte Geschichte zitiert, in welcher einer geflohenen Bande von Freiheitsflüchtlingen in der Wüste Brot vom Himmel fällt – von dem doch bekanntlich sonst nur kein Keinregen, Zuvielregen, Heuschrecken oder Blitze und immer das Auge der Unendlichkeit zu fallen scheinen -, dann sagt das alles doch, wie es wahrscheinlich um nichts anderes geht – als immer wieder nur um Brot, um Brot und noch einmal um Brot.
Doch er will nicht nur das Brot sein, sondern auch das Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben, darüber hinaus noch der Weinstock, die Tür und der Gute Hirte. Es ist klar, dass man diesen Multifunktionsträger schlussendlich dann ebenfalls sagen lassen muss, er und der Vater seien eins: “Ich und der Vater sind eins” (Johannes 10,30). An dieser Stelle steigen viele aus und verlassen den rausch der Bildwelt umd ihren freundlichen Geist. Und der Vorwurf der Gotteslästerung traf den Zimmermannssohn früher, heute das Gelächter derer, die unser Botschaft als unnötige Laberei verstehen wollen.

Vor dem Abgrund tanzen die von uns selbsterschaffenen Gestalten, damit wir nicht den Abgrund immerzu sehen und vor ihm erschauern müssen.
Aushalten, dass man nicht dahinter kommt, warum alles so ist, wie es ist. Das ist eine Möglichkeit, mit der Unendlichkeit fertig zu werden. Die Aufgeklärten Atheisten rühmen sich ihrer. Eine zweite wäre, sich allerlei Priesterbetrügereien auszutüfteln, wie man andere Leute glauben machen kann, dass einige Erwählte doch dahinter gekommen sind und das Wissen erlangt haben, das da erleuchtet macht. Ihnen müsse man dann folgen, weil sie etwas besitzen, was ich nicht besitze. Und wenn solche Gutgläubigen dann genügend vorhanden sind, dann glauben solche „Glaubenmacher“ am Ende selber noch daran, dass sie da tatsächlich etwas besitzen, was andere ohne sie nicht finden können.
Die Geschichte ist alt und schon oft erzählt worden. Und immer dreht es sich um Gedanken-Gestalten, die wir weit, weit draußen um uns aufgestellt haben, damit sie ihre Wächterkreise ziehen und uns den Blick auf das Nichts verstellen könnten, wären da nicht Viele dahinter gekommen, dass es Fiktionen sind, die wir selber erfunden haben. Und diese Erkenntnis stört uns offenbar irgendwie. Wir wollen das Echte und nicht nur „Erfundenes“.

Aber dort inmitten der erfundenen Gestalten ist eine, die ist gefunden – diese eine seltsame Gestalt des Lichtbrotweinstocktürwegwahrheitlebenhirten. Ist sie nicht anders? Sie macht keinen Hehl daraus, erfunden worden zu sein, sie speist sich großzügig aus unterschiedlichsten Quellen und hat damit alles in sich aufgesogen, was jemals durch wache Menschen Schönes gedacht, gewünscht und phantasiert worden ist. Diese Gestalt zeigt den Abgrund und will ihn nicht verschwinden machen. Sie leugnet ihn nicht, feiert ihm auch nicht zum Trotz, sondern lädt ihn ein, mitzutanzen und zugleich sich dabei zugleich selbst und sehr bewusst anzuschauen. Der konstruierte Gott, der zugleich Mensch ist, ist der konstruierte Mensch, der zugleich nicht mehr Gott sein zu braucht. Die fixe Idee von der Ewigkeit verwandelt sich beim ihm in schmackhaftes Brot, das unter gleichberechtigte Sterbliche ausgeteilt wird. Und niemand muss mehr Hunger leiden, alle werden endlich satt, auch muss sich niemand mehr überfressen. Kleiner Tipp am Rande, man vergesse endlich das große Missverständnis, dass demjenigen, was als konstruierte Fiktion bekannt gemacht worden ist, weniger Wahrheitsberechtigung zukommt als dem anderen, das in seinem Fiktionscharakter aus verschiedenen Gründen noch nicht allen gleichermaßen aufgefallen ist …

Angesichts dieses Ergebnisses wird der Zuruf letztverbliebene Kritiker, es sei das ja nur eine fiktive Konstruktion, ungehört beim Klappern der Messer und Gabeln, der Löffel und froh ausgebrachten Trinksprüche auf das Sein im Nichts verhallen. Miesmacher, Spielverderber, religiöse Hungerkünstler aller Couleur haben kaum eine realistische Chance mehr. Diese Fiktion, nämlich so zu leben, als wäre Gott in Menschengestalt bei uns als wirklich sättigendes Brot in einer knisternden Tüte angekommen, lässt die Substanzmetaphysik inclusive ihrer Kritik verklungener Jahrtausende auf sich beruhen und rückt dem letzten Zweifler einen bequemen Stuhl an den großen Tisch. „Iss mit uns und schau ihn dir an. Dort draußen war er an der Grenze zum Nichts, und nun sitzt er bei uns als Kopf an der Stirnseite der Tafel und reicht dir das Brot. Lebe, als ob es Gott gäbe … und als ob er das Brot ist, das du brauchst.“

Ihr Kommentar (Name, Mailadresse und Webseite können leer bleiben)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s