Hubertustag 3.November

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(aus den Sermonen des Kirchenvaters Pseudogregorius Thaumaturgos – über einen Vorläufer des Heiligen Hubertus)

Aktaion nun, Teuerste, ist nicht etwa nur irgendwer gewesen, sondern war ein Enkel des musenführenden Gottes Apollon und ein Vetter des großen Dionysos. Zuerst, wie wir alle noch ein unschuldiger Knabe, erleidet er am Ende seines Lebens trotzdem ein schlimmes Schicksal, – und dieses, ohne schuldig geworden zu sein. Denn welche Schuld lüde einer auf sich, der, um den Seinen Fleisch zu erjagen, mit Pfeil und Bogen oder der Armbrust durch die Wälder streift, wie Aktaion es eben tat. Keine Schuld trifft ihn seines Handwerks wegen, das die Jagd gewesen ist. Jedoch auf einen Umstand müssen wir doch unser Augenmerk legen: Denn Aktaion, der berühmte Jäger, jagte eigentlich nicht um der Erlegung des schmackhaften Wildbrets wegen, sondern um der Jagd selbst willen suchte er das Dickicht auf. So etwa, wie die Künstler der Götter halber ihre verschiedenen Tätigkeiten treiben, durch welche die selig Schreitenden dann dargestellt und vergegenwärtigt werden können, durch den Bildhauer etwa in hölzernen oder mehr noch steinernen Tempelstatuen, durch die Maler in trefflichen Ikonen, bei den Sängern mit unvergleichlichen Harmonien und im Reigen der Tänzerinnen vermittels deren überaus betrachtungswürdiger Anmut, – so also jagte Aktaion nach etwas, das sich vor dem Menschen, der die Wildnis verlassen musste, scheu verbirgt – das ist das Wild, jedes nach seiner Art. Er jagte um zu jagen. Und deshalb müssen wir sehen, wie Aktaion immer dann, wenn er jagte, in jenen tierhaften wilden Zustand zurückzufallen drohte, dem er als Mensch eigentlich doch bereits entronnen sein wollte. Dieser immer wieder geschehenden Rückkehr in etwas bereits Überwundenes wegen ist Aktaion dann selber zum Wild geworden. Auch hier wäre es falsch, von einem Fehler des Helden zu reden, – aber dass darüber geredet werden muss, ist den aufmerksam Lesenden sicherlich klar. Für solche gibt es eines Tages kein Halten mehr, – wie jeder von uns irgendwo und auf irgendeine Weise das verloren gegangene Paradies sucht, so auch unser unglücklicher Bruder Aktaion. Unglücklich deshalb, weil er zwar fand, was er in seinem dunklen Drang immer hatte finden wollen – nämlich die Göttin Artemis selbst, die bekanntlich dem Kreislauf von Zeugung, Geburt, Alter und Tod nicht unterworfen zu sein scheint, da sie doch, ewig jungfräulich bleibend, zusammen mit ihren Gespielinnen, hin und wieder auch in Gesellschaft treuer Hunde, durch die Fluren schweift, dabei mit Leoparden und Hindinnen spricht, mit Löwen und Hirschen Gemeinschaft hat – und sich beide, Gott und Tier nicht im mindesten Schaden zufügen, sondern sich aneinander stets erfreuen und gegenseitig achten. Diese Frau fand der Held, – was sage ich denn – diese Göttin fand er, – aber brachte es ihm Glück oder Unglück? Hört deshalb, Teuerste und Gefährten, welche Geschichte sich zutrug.
Als Aktaion auf der Suche nach der besonderen weißen Hirschin auf einer verschwiegenen Lichtung inmitten des Waldes anlangt, sieht er, wie dort unter einem gewaltigen Felsvorsprung sich im Laufe der Zeit ein Teich gebildet hat. Aber nicht nur das, sondern er sieht auch – “zufällig” wird man später einmal sagen, wir aber wissen, dass entweder ein missgünstiger Dämon oder aber der höhere Ratschluss der allesdurchwaltenden Moira unentrinnbar alles gefügt hat – sieht er also die im Teich badende Göttin Artemis, wie jene von ihm Verehrte ihren makellosen Leib im Schauer des über die Felsen wallenden Wasserfalls erfrischt. Da nun die Göttin ihrerseits den Jäger gewahrt, besprengt sie ihren unfreiwilligen Betrachter mit einigen Tropfen des Bergbaches und ruft ihm die geflügelten Worte zu: “Aktaion, lauf und erzähl den Gefährten, wen du gesehen. Wenn du es kannst!” Die weitere Geschichte ist allen bekannt, – noch im entsetzten Davonstürzen überzieht sich die Haut des Jünglings mit pelzigem Fell, aus der Stirn erwächst ihm das mächtige Geweih eines Waldbewohners, er sinkt auf die Hufe und eilt als jener Hirsch weiter, welchen er selber eben noch verfolgt hatte. Seine Hunde rufend, zwingt er den eigenen Untergang herbei, denn das bellende Rudel erkennt seinen Anführer schon nicht mehr, stürzt sich auf ihn, beißt und reißt. Und als der zum Tier Gewordene mit Hilfe der Sprache Einhalt gebieten und zur Ordnung rufen will, entrinnt sich der Kehle des Verwünschten kein einziges menschliches Wort mehr, nur das raue Brüllen eines Hirsches dringt daraus hervor und bringt die ehemaligen treuen vierpfotigen Begleiter nur noch mehr gegen sich auf. Aktaion stirbt.
Teuerste, warum wohl straft die Göttin ihren Verehrer dermaßen hart? Einige haben nun behauptet, das Aktaion die Göttin Diana gar nicht gesehen habe, sondern dass er, ermattet von der tagelangen rastlosen Jagd, wahnsinnig geworden und seinen Hunden befohlen habe, seinem rastlosen Treiben endlich, endlich ein Ende zu bereiten. Und jene vierbeinigen Freunde hätten ihrem Herrn gehorcht. Da dieser den Hirsch so überzeugend hatte nachahmen können, vermochten sie auch, ihn zu zerreißen. Viele ernstzunehmende Gelehrte der alten Zeit beachten diese Vermutung nun nicht sonderlich, sondern halten sie für Unfug. Trotzdem ist aber ein Fünkchen Wahrheit auch in jedem Unfug enthalten, wenn anders ja nichts existieren kann, ohne Anteil zu haben an der ewigen Wahrheit, am meisten aber der Unfug! Kann es nicht sein, so frage ich euch, Carissimi, dass unsere Leidenschaften, ohne die wir gar nicht sein können und auch nicht sein mögen, aus der Suche die Sucht werden lassen, und uns am Ende mehr oder weniger von der Erde fortnehmen heißen, indem sie den einen sanft entschweben lassen, den anderen grob dahinzufahren zwingen, wie Aktaion, wieder etliche einfach sich aus dem Gesichtskreis der Welt entfernen, ohne dass man sonderlich viel von ihnen noch erfährt? Aktaion jedenfalls ist nach seinem schauervollen Ende unter die Sterne entrückt worden, dafür sorgten seine göttlichen Verwandten. Von dort, dem Sternbild Canis Maioris, wo der helle Hundsstern Sirius erstrahlt, grüßt er alle diejenigen von uns, die ebenfalls wie er auf eine übermäßige Weise nach etwas suchen, forschen und jagen, indem er uns zuruft: “Seht zu, dass das, was ihr zu erjagen sucht, am Ende nicht euch selber überwindet!”
Einerlei, – lasst uns nunmehr, Teuerste, einen angenehmeren Schluss für die blutrote Szene dort draußen im wilden Walde ersinnen und sie in die Welt hinaus tragen. Ist doch die Antike von der freundlicheren Botschaft des Neuen Weges ihrerseits überwunden worden, aber nicht wie Aktaion von seinen Hunden, sondern wie der Tod von der Liebe Christi in seiner Auferstehung, die alles Mögliche zwar zulässt, nicht aber alles billigt, jedoch schließlich jedes auf ein Gutes zustreben lässt. Aktaion solle also, auf diese Weise würde sich alles ausgleichen, bei seiner rastlosen Suche nach dem weißen Hirsch denselben im Walde antreffen, so wie er plötzlich der Artemis gegenüberstand. Der Hirsch aber nähme dem Jäger nicht übel, von ihm betrachtet zu werden, er würde sich nämlich mit menschlicher Stimme gar bald an ihn wenden. Das Zusammentreffen zwischen dem rastlosen Jäger und dem göttlichen Tier wäre ein Anlass dafür, sich miteinander darüber zu verständigen, was angesichts der Tatsache, dass der eine noch wild ist (nämlich Aktaion), der andere aber nicht mehr nur wild zu sein braucht (der prächtige Hirsch), zu beginnen wäre. Etwa könnte eine Kapelle aus schimmerndem Marmorstein mitten im lichtgrünen Walde errichtet werden, in welchem Sakralbau die Suchenden Wichtiges fänden, indem sie zu sich selbst geführt würden. Was Aktaion dann übrigens auch ins Werk gesetzt hat, mit der Hilfe des Bildes vom herrlichen Hirsch, der ihm bei der Verrichtung des Opus voran schwebte wie ein Kreuz, das man auf die Stirne gezeichnet bekommen hat, welches Zeichen man zwar nicht sieht, aber es um so mehr immer spürt. Mit seinen Jagdgenossen und Gefährten kam Aktaion dann oft hierher in den kleinen Tempel und den ihn umgebenden Park, – um sich dort jene Geschichten zu erzählen, die nicht vergessen werden dürfen, weil sie uns bei aller Jagd nach so vielen Dingen, die wir brauchen, noch mehr aber eigentlich nicht brauchen, friedvoll stimmen und zugleich zum überlegten Handeln anstiften.

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