Macht hoch die Tür …

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„Komm, wie machen uns was vor … “

In Verbindung mit dem oben stehenden Bild vom Jahrmarkt erscheint der Ruf „Kommt, wir machen uns was vor!“ nur denen infam, die sich vormachen, es gäbe die Möglichkeit, sich nichts vorzumachen. Aber bitte, – ehe wir uns über Sinn und Unsinn des Satzes Gedanken machen, soll das Bild zu uns sprechen. Was ist zu sehen …

Eine kleine Puppenbühne ist auf dem Weihnachtsmarkt der Kleinstadt X aufgebaut. Eben werden einige Kinder durch ein Handpuppenspiel erfreut. Die Puppenspieler sind hinter der Spielleiste verschwunden, sie lassen nur die Puppen sehen, – sich selbst verbergen sie. Die Illusion eines ganz normalen Belustigungsevents.
Aber da geschieht etwas zuerst nicht geplantes und Unerwartetes. Jemand aus der Zuschauermenge betritt von der Seite her die Bühne und schaut ins Innere des Gehäuses, wo die Spieler hinter der Brüstung knien und die Puppen führen. Wobei das Knien im Sinne der Unsichtbarkeit unbequem und knieschädigend sein dürfte. Der Neuankömmling ruft den Verborgenbleibenwollenden etwas zu: „He, ich habe auch ein Püppchen, darf ich mitspielen?“ Indem der Neue das ruft, gehört er nun auf besondere Weise mit zur Vorstellung. Das Hauptaugenmerk gilt auf einmal ihm, dem „Störer“! Es wird den betrachtenden Kindern deutlich, dass da welche sind, die etwas vormachen – und einer hat diese Vormacherei durchschaut. Doch geißelt er das von der Seite aus Beobachtete nicht als Betrug, auch prangert er die Freude am Schein nicht an, sondern im Gegenteil – er will mitmachen. Und das alles tut er nicht heimlich, sondern alle sollen es zu sehen bekommen. Sein „Ansinnen beim Vormachen mitzumachen“ beginnt zur Vorstellung mit dazu zu gehören, oder wird zum Eigentlichen.

Damit es alle wissen! Es kommt darauf an, eine Seitentür offen zu halten. Denn durch diese Öffnung gehen die „Vormachenden“ ein und aus, – und auch jene, welchen etwas vorgemacht werden soll, können prinzipiell von dort aus hineinkontrollieren. Der Blick um die Ecke muss möglich bleiben. Warum? Um zu erkennen, wie es zugeht, wenn man sich etwas vormachen lässt. Dass vorher immer erst etwas zum Verschwinden gebracht wird. Meistens sind es die Spielenden, die sich verstecken. Unnötig ist dieses Verstecken. Tür auf, Laden hoch. Macht hoch die Tür.

Damit ist nun eigentlich schon alles gesagt, und es bedarf weiterer Worte nicht viel mehr. Unnütz zu sagen, dass wir in einer Zeit leben, in der die „Vormacher“ längst sichtbar geworden sind und sogar selber inzwischen sichtbar bleiben wollen, deshalb immer sichtbarer werden. Die Einladung zum Mitspielen an alle ist ausgesprochen. Und die „offene Tür, die niemand mehr schließen kann“ (Apoc.3,8), erinnert daran, dass und wie es nicht nur erlaubt, sondern von großer Notwendigkeit ist und geboten bleibt, hinter die Kulissen zu blicken, die ab sofort keine mehr sind.

In diesem Zusammenhang, – Weihnachten ist in ganz besonderer und rührender Weise der gesamtgesellschaftliche Großversuch, sich miteinander etwas prinzipiell Gutes vorzumachen. Ohne dieses Fest stürbe ein Großteil dessen, was uns Menschen im Winter ermöglicht, mit der Depression besser zurechtzukommen. Kinder werden beschenkt. Kindern wird ein Horizont aufgebaut, der nicht gleich die unheimliche Unendlichkeit durchschimmern lässt. Frauen schminken sich und legen Schmuck an. Männer fliehen nicht in die fremden Kneipen, sondern bleiben daheim im Stall. Man versucht es wieder einmal miteinander: Familie eher als Team, weniger als Schlachtfeld zu erleben. Und auch, wenn es nicht harmonisch bleibt, war doch der Versuch, Harmonie zu inszenieren, nicht unnütz. Man hat sich gemeinsam über schwierige Wegpassagen bewegt und ab Epiphanias geht es langsam wieder bergauf. Das Weihnachtstheater bleibt wichtig.
Es ist notwendig, sich miteinander etwas Gutes vorzumachen. Und Freude daran zu haben, dass alle wissen, wie wir da gemeinsam ein Theater probieren, in dem wir selber die Puppen als auch die in und mit ihnen Agierenden sind. Es darf unklar bleiben, ob die Puppen uns führen oder wir sie bewegen. Vielleicht waltet zwischen uns das Mysterium InterFace . Mit allen Wirkungen, die gutes Theater oft hat.

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