Christrose und Edelweiss

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Das unendlich schöne und unüberbietbare Lied hier bei VIMEO „Christ, der Retter ist da“:

Als der kleine Gott geboren wurde,
von der blutjungen Frau in Bettelheim,
hatten die Menschen wohl keinen Platz,
für den Weltenkönig.
Aber die Tiere boten ihm an
das Stroh, das Heu, die Krippe
und ihren Stall.

„Christ, der Retter ist da“, knurrte der Wolf.
„einer, der wird uns losmachen, von der Kette böser Gerüchte!“

„Christ, der Erlöser ist da“ krähte der Hahn.
„Er wird die Grillwagen umstoßen!“

„Christ der Retter ist da“ grunzte die Sau.
„Er wird wiederherstellen die Würde des Schweins,
sie ist unantastbar.“

„Christ der Retter ist da“ bähte das Schaf.
„Er wird der Gute Hirte sein.“

„Christ der Retter ist da“, sang auch der Mensch und dann fasste er die Tiere fest ins Auge, hob seine Stimme etwas an und sagte ganz feierlich: „Und zwar nicht in erster Linie für Euch Tiere, sondern für uns Menschen ist der Retter geboren.“

Da schwiegen die Tiere für einen Augenblick und meinten: „Aber Ihr seid doch auch Tiere“.

Dieses hörte der Mensch nicht gern, obwohl er schon stolz darauf war, eines Tages gemerkt zu haben, wie er von den Vorfahren der Affen abstammte. Er erzählte das auch seinen Kindern immer wieder und kam sich dabei sehr, sehr gebildet und informiert vor.

Weil es aber Weihnachten war, zufällig war grade Weihnachten, nahmen die Tiere ihrem Menschenbruder es nicht übel, was er da gesagt hatte, und es nutzen die Tiere diesen fantastischen Tag. Sie nahmen Bruder Mensch bei der Hand und führten ihn mit sich fort. Wie Alice im Wunderland, Scrooge durch die drei Geister von Weihnachten, wie den Propheten Ezechiel führten sie ihn in die Welt der ewigen Bilder, wo alles herkommt und alles aufgehoben bleibt, wie sehr man auch dagegen wüten und lügen muss. Dort ist und bleibt die Wahrheit.

Und siehe, Bruder Mensch sah eine große Wiese, da stand ein Karussell und das begann sich eben zu drehen und Kinder stiegen darauf, Kinder des Menschen. Menschenkinder. „Aber das sind doch wir“, rief der Mensch. „Ja, das seid Ihr, wenn ihr noch ganz klein seid. Da setzt ihr euch gern auf Kühe und Schafe, – sieh doch einmal dort, das bist Du selbst vor 50 Jahren.
Und es staunte der Mensch, er saß auf einem kleinen Schwein, das drehte sich immerzu ihm Kreis und lächelte freundlich; er selber schrie und war begeistert und winkte seiner Mama zu, vom Rücken des Schweins herab. Und Papa machte ein Foto. Mit Blitz. Auch ein Hahn war dabei und ein Schaf und sogar der Wolf fehlte nicht.

Und „Friede auf Erden bei den Menschen – und den Tieren ein Wohlgefallen“, so ergänzen wir, so verbessern wir, so erfüllen wir die Schrift, sagten die Tiere.

Zweiter Anfang. Liebe Gemeinde, wir werden gleich versuchen, ein Edelweiß pflücken. Was wir dabei wissen müssen? Nur dies, dass es gefährlich und verboten ist. Aber in den Heimatfilmen der dreißiger bis fünfziger Jahre gab es immer noch diese Stelle, wo irgendein Leutnant, nennen wir ihn Gustl, der Sissy, ein Edelweiß pflücken will. Die beiden sind in den Bergen unterwegs. „Schau nur, Gustl“ sagt plötzlich die Sissy“, „da ist ja ein Edelweiß.“ – „Ja wart nur“, ruft der Gustl, „das hol ich Dir jetzt gewiss gleich herab!“ Und er klettert über den Felsvorsprung und beugt sich weit hinaus, um die kleine wunderbare Blume zu erlangen … „Tue es nicht, Gustl“ ruft die Sissy, „es war doch nicht so gemeint, ich lieb dich auch so!“ Aber da ist es schon zu spät, der Gustl lässt es drauf ankommen und will das Blümlein haben, von dem man nicht genau weiß, ob es ein Stern ist, ein Tier, eine Pflanze, ein verwunschener Mensch, ein Mythos oder ein Gott-Engel.

Der Gustl stürzt natürlich ab. Und darüber triumphiert die alte „Heimat“, denn sie hat nun den Gustl und die Sissy, die untröstlich ist, auseinander gebracht. So wie es eben sein muss. Genau an der Stelle nun, wo der Gustl abstürzt, ist aber auch der Film abgestürzt. Denn man weiß ja im Voraus schon immer, dass der Gustl abstürzen muss, und wenn er dann im Film tatsächlich abstürzt, ist der Film eigentlich schlecht.

Leutnant Gustl kann abstürzen, der DAX kann abstürzen, und eine Predigt kann abstürzen, – mitten zur halben Nacht am Weihnachtsabend. Denn auch die Weihnachtspredigt lehnt sich immer sehr, sehr weit hinaus, muss das tun. Für die Sissy, für die Leute, für uns, für die Seele, für die Tiere auch, für den, der alles retten soll, – eben aber nicht ohne unsere Hilfe es können werden kann – deshalb lehnt sich der Gustl soweit raus. Er lehnt sich aus der alten Heimat hinaus in ein unbekanntes Land hinein, das größer ist als das Erzgebirge, die Zillertaler Alpen, größer als der Weihnachtsmarkt von Wittenberg und größer als das, was wir alle verstanden zu haben glauben und deshalb bisher „Heimat“ nennen. Das ist die alte Heimat, die eine große Macht über uns hat. Wer eine Weihnachtspredigt hört, gleicht einem, der sich weit über den letzten Zacken, den allerletzten Grat des Bekannten hinauslehnt, wie Leutnant Gustl, der das Edelweiß für die Sissy pflücken will. Der schaut in die Tiefe der Tiefen. Christ der Retter ist das Edelweiß, das man nicht haben muss, aber wenigstens pflücken wollen sollte, zu dem man sich hinauslehnen müsste, in eine Art andere oder neue Heimat hinein, die auch die alte mit umfasst, aber weiter ist als sie …

Nach den zwei Anfängen, die beide irgendwie fast abgestürzt sind, jetzt der Hauptteil.
Die neue Heimat über der alten Tiefe ist, dass der Gott nicht Mensch wird, wie es oft beschönigend und philologisch unkorrekt heißt, – sondern der Gott wird Fleisch. Und das ist prinzipiell verschieden. Es geht nicht nur um den Menschenfrieden, sondern um den Tiermenschenfrieden. Gott wird nicht nur Mensch, er wird auch Schwein, und der Gott wird Hähnchen, und der Gott wird Schaf, und der Gott wird auch Wolf. Und nur insofern das Göttliche eben auch Tier wurde, wurde dem Menschenvieh Gelegenheit eingeräumt, gottebenbildlich, also gottähnlicher Mensch zu werden.
An dieser Stelle merken Sie, wie weit wir uns hinausgelehnt haben, und uns hält eigentlich nichts mehr, nur das Edelweiß, das wir gleich gepflückt hätten, wenn wir es könnten, – aber was hält uns dann, wenn wir diesen letzten Halt gepflückt haben? Nichts hält uns mehr – aber es ist auch nicht sicher, ob wir abstürzen. Wir tun das ja alles nur für die Sissy, und es ist auch nicht nur ein Heimatfilm, sondern es ist die Wirklichkeit. Und die Sissy ist ja unsere Seele. Der pflückende, sich ins Unmögliche hinauslehnende, Mensch ist doch nicht allein, sondern er hat eine Seele – und zwar nicht die platonische, im Geisterreich der Imagination schwebende des Philosophen, sondern die wirkliche Seele – die atmende Gurgel, ein mentales Wesen, die NäFäSCH, sehr verwandt mit den Tieren, so verwandt, dass die Vierbeiner es merken, wenn der Zweibeiner einen Teil (die Hälfte) des Bodens unter den Füßen verloren hat und es ihm dadurch oft so schlecht geht.

„Christ, der Retter ist da“ haben wir vorhin gesungen. Wenn der Retter da ist, ist das gut. Aber wen wollte er in erster Linie retten? Wir denken immer an uns, die Menschen. Aber die Engel kommen zu den Herden der Schafe, und auch zu den paar Hirten, die dabei waren. Die Schafe hören den Lobgesang der Engel genauso, wie die Menschen.

Leutnant Gustl hat es schwer. Er hat das Edelweiß der Sissy gebracht. Aber nun sagt sie, „schieß mir doch die Gams da oben von dem Gratl herab, bitte Gustl, sei doch nicht so.“ Oder sie stimmt im Gemeinderat für die Schweinemastanlage, oder setzt sich ein – gegen die Ansiedlung der Wölfe. Was kann denn der Gustl machen gegen die Sissy, die ja seine Seele ist?

Aber vielleicht wird doch noch alles, alles gut. Weil die Menschen lernen ja – und irgendwo zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren gehen die jungen Menschen durch die vegetarisch-vegane Phase. Da kommt viel ins Rollen im Denken, zum Umbruch, und die alte Geistheimat muss aufpassen, dass wir ihr nicht Ade sagen und eine andere suchen, eine, wo alle eine Chance haben und keiner von uns in Käfigen Eier legen, oder auf Betonspalten stehen muss, bis der Bolzen kracht. Tiermenschenfrieden, Menschentierfrieden, Friedenstiermensch, das göttliche Friedensmenschentier Christus.

Der für die Menschen spricht ist auch der, der mit dem Wolf tanzt, ist der Frauenflüsterer und der große Nichtblonde mit den Sandalen, der für die armen Schweine am Kreuz betet und die Tempelanlagen der Legebatterien umstößt. „Das Krippenkind aus Bettelheim“, sagt Olaf Schubert zu ihm. Er kommt immer in dem Moment, wenn Leutnant Gustl den Halt zu verlieren droht und sagen will, „Sorry, ich kann doch net ranlangen – und es ist ja heuer auch verboten!“ Und wenn die Sissy sagt: „Dann komm halt zurück, ich nehme die Absicht für die Tat!“ Und wenn der Gustl zurückkommt, dann merkt er halt irgendwie, wie die Sissy, seine Seele, ihn ein bisschen schon auch verachtet. Dafür, dass er sich nicht weit genug hinausgelehnt hat, verachtet sie ihn, die Seele ihren Menschen, der nicht das Unmögliche zum Alltäglichen zu machen sich getraut. In dem Augenblick – da kommt der Gott vorbei.
Warum hat der Gustl, das ist der Mensch, denn Angst? Der Blick der armen Schweine, der Blick der Milliarden Vögel hätte ihn doch gehalten, dort oben in der dünnen Luft. Aber er hätte eben die Heimat wechseln müssen, übergehen müssen zu einer artgerechten Haltung seiner selbst. Zu einer Haltungsänderung hätte er sich entschließen müssen. Und er wollte nicht abstürzen, – da ist er lieber eingeknickt. Wir fühlen mit ihm.

Christus ist das Edelweiß. Er ist der Stern, er ist der Gott, der Mensch und ein Heiliges Tier. Wenn Du sein Edelweiß siehst, lehn dich hinaus. Wenn Du von Schweinen hörst, sage: „Die Würde des Schweins ist unantastbar“. Bemerkst Du irgendwo einen Hahn, – erinnere Dich, er begrüßte den Tag und zeigt das leuchtende Morgenrot an. Siehst Du ein Lamm, – wisse, es trägt die Last der ganzen Welt. Liest Du von einem Wolf, wisse er dient Dir – als Hund. Und siehst Du einen Menschen, erbarme dich über ihn. Siehst Du gar einen Gott, – erinnere dich: Ohne, dass die Nüstern von Stalltieren ihn gewärmt hätten, würde er nicht überlebt haben.
Siehst Du ein Edelweiß, lehne dich hinaus für die Weltseele, sie hält dich. Christus, geboren von einer blutenden Frau und unter das Gesetz der Sterblichkeit getan. Ein Menschenfreund, kein Veganer – aber wir können ihn uns nicht vorstellen als Fleischfresser. Deshalb sagen wir, mit den Tieren: „Christ der Retter ist da.“
Amen …

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