Passionen – der Gott im Schaufenster

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Legionen (Markus 5,1-15)

… Dann sagte er: „Willste das wirklich wissen? Ich habe das selten jemandem erzählt. Gerd,- noch´n Bier. Und für Pasta auch eins …

Also, – schon Dieters Vater war eine richtig arme Sau. Er schuftete wöchentlich fünfzig bis sechzig Stunden in der Mastanlage. Fuhr den Mist hin und her und säuberte die verstopften Güllefilter. Seine Frau Marianne war gestorben, als wir Kinder achtzehn geworden waren. Dieter war nicht unser wirklicher Vater, er hat uns aber nie im Stich gelassen. Als Marianne gestorben war, da ist Dieter depressiv geworden, verstehste? Er schuftete nun noch mehr als sonst und da hat das mit der Trinkerei angefangen. Er trank nicht nur – er soff. Das hatte er von seinem Vater! Den kannten wir aber gar nicht. Er war auch früh gestorben …

Bei uns zuhause gab es dieses komische alte Buch. Niemand wußte, wo es einmal hergekommen war. Es war eben einfach da. Genauso wie die zweitausend Schweine, – Luftlinie zweihundert Meter in der Anlage.

Und in diesem Buch war eine verrückte Geschichte zu lesen. Ein Mann, irgendwie krank und völlig fertig, wußte nicht mehr recht, wer er war. Rannte sinnlos rum, ritzte sich mit spitzen Steinen, fügte sich Wunden zu und so. Er hang den ganzen lieben Tag auf dem Friedhof rum und erzählte dummes Zeug. So berichtet das Buch.

Dann kam aber ein anderer Mann vorbei und zauberte diese zweizweitausend Schweine weg. Oder anders, – er machte, daß die Gedanken des kranken irren Mannes wie Schweine aussahen – und aus dem Mann rauskamen – es ist schwer auszudrücken, ich weiß nicht ob du das überhaupt verstehst?

Da waren also zweitausend Schweine zufällig auf der Wiese – natürlich nicht zufällig, denn Schweine sind nie zufällig, die haben da rumgewühlt und gelebt, so wie heute auch – da drüben in der Anlage.

Und der andere Mann, also jetzt nicht der Wahnsinnige, – den Namen habe ich aber vergessen – irgendwas mit weichem Jott – Jens oder so? hat irgendwas gemacht, damit die Schweine einen Abgrund heruntergesprungen sind – alle tot.

Aber jetzt kommt das wichtigste: Der verrückte Typ war von diesem Moment an gesund geworden. Also, denke ich mir, – müssen doch die Schweine irgendwie (vorher?) in ihm drin gewesen sein, oder was?

Noch viele andere ähnliche Geschichten standen in dem Buch. Aber die mit den Schweinen war die beste. Dieter hatte eine alte Rechnung in das Buch gelegt, – dorthin, wo die Seite ist, wo die Schweinegeschichte anfängt.

Das Buch stand in der Schrankwand immer hinter den Fotoalben unserer Familie. Dieter hatte gesagt, daß das Buch immer hinten stehen muß, denn es war ein verbotenes Buch. Und dann auch nach der Wende, wo ja gar nichts mehr verboten war, mußte es hinten stehen, weil – da gehörte es nun einmal hin.

Vorne in dem Buch war ein altes Bild, da kam dieser Mann aus dem Hintergrund auf einen zu. Ist das eine Frau? dachte ich erst. Nein, – es war ein Mann, denn er hatte einen Bart. Aber auch ein Kleid an, – na wie von ganz früher. So antik … Er hatte kaputte Hände und Füße und einen Kopfputz, so wie Indianer, – nur ohne Federn, sondern mit Lichtstrahlen.

Als unser Pflegevater – Dieter – selber gestorben war, hat meine Schwester Mandy den Haushalt aufgelöst und wir haben fast alles weggeschmissen und sind dann fortgezogen in die Stadt. Aber das Buch haben wir nicht fortgeworfen, sondern in einen Laden gebracht, wo andere alte Bücher sind.

Fünf Euros haben wir dafür bekommen. So ein Buch schmeißt man ja nicht weg, – oder etwa?

Der Antiquar, so nennt man doch die Leute mit alten Sachen? – er hat das Teil dann ins Schaufenster gestellt, so daß man den Indianer sehen konnte. Irgendwie gemein finde ich es schon, er wollte damals dafür fünfundvierzig Euros haben. Da hätte er uns wenigstens dreißig geben können.

Der Mann mit dem Indianerschmuck steht nun in der Mitte des Schaufensters, aber keiner kauft es ihm ab. Und wir hätten ihn auch nicht verkaufen sollen …

Sonntags, wenn wir frei haben – wir arbeiten in Schichten, müssen Sie wissen – dann gehen wir regelmäßig zu dem Geschäft und gucken von draußen, ob unser Indianer noch da ist. Und man kann kommen, wann man will – er ist immer da.

Unsern Kindern, Mandy und Jaqueline, haben wir diese Geschichte erzählt. Mandy sagt, das ist eine blöde Geschichte, weil, – der Mann hätte für die Schweine lieber einen großen Stall zaubern sollen und dem Verrückten einen Arbeitsplatz in dem Stall. So ist sie eben, unsere Mandy. Immer will sie sich für andere einsetzen, das gute Kind! Sie ist jetzt fünfundzwanzig und wir sind genau fünfzig. Die Hälfte also.

Was aber die Jaqueline ist, die sieht das anders. Die findet die Geschichte noch schlimmer als Mandy. Sie sagt, keiner kann zaubern und es kommt drauf an, damit jeder sein Schicksal selber in die Hand nehmen muß. Der Verrückte hätte eben eine Therapie machen sollen!

Das gab es aber damals nicht in der Sklavenhaltergesellschaft bei den Ausbeutern und so. Jaqueline will später mal Therapeutin werden. Sie ist siebzehn und will das schon immer. Sie ist oft düster, weint dann viel und hat komplizierte Gedanken, – sie kommt sehr, vom Wesen her, meine ich, nach Dieter ihrem Großvater. Aber eigentlich ist der ja nicht ihr richtiger Großvater, weil er nicht unser leiblicher Vater ist, verstehste Pasta?

Aber jetzt muss ich dich noch was erzählen! Neulich war ich bei einer anderen Beerdigung. Eine alte Tante von Bernd, was ein Freund von mir gewesen ist. Die war gestorben – also, damit sie jetzt tot ist. Die Frau war aber schon sehr alt, so alt, daß sie auch noch in der Kirche war. Entschuldigung, das ist jetzt nicht böse gemeint, Pasta. Sie haben da ja doch Bräuche von früher, ich weiß nicht viel von solchen Sachen.

Und was soll ich sagen? Der Mann vorne, der andere Pasta, hatte so wie du auch eine schwarze Kutte mit weißem Kragen – und er las aus dem Buch von Dieter vor.

Ich habe das gleich an dem Indianerbild erkannt. Noch am selben Tag bin ich hin zu dem Antiquariat, weil ich dachte, jetzt hat der Kerl unser Buch – geklaut vielleicht nicht gerade, aber eben abgekauft, wo es ja doch eigentlich unseres ist, weeste?

Aber nix da. Der Indianer war nicht weg. Er ist dagewesen. Und kostet jetzt nur noch dreißig Euros. Mal sehen … Vielleicht schlagen wir eines Tages zu und holen ihn uns zurück“.

Dann rief er: „Gerd, – zahl´n!“ und wir gingen hinaus. Draußen roch es deutlich nach Anlage.

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