Lazarus, komm heraus

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(Johannes 11 / Hebräer 10)

„Werft euer Vertrauen nicht weg – denn es lohnt sich zu vertrauen. Freilich, dazu ist etwas nötig, was wir Geduld nennen. Allein die Geduldigen werden das Verheißene einmal empfangen. Geduld, denn da ist eine Frist zwischen dem JETZT und demjenigen, was da noch KOMMEN soll … So deuten es schon die alten Texte an: „Die wahren Menschen leben von ihrem glaubenden Vertrauen“. Wir jedenfalls geben das nicht auf und gehen nicht unter, wir würden uns sonst verlieren. Unser Glauben besteht ja darin, dass das noch Zukünftige seine Kraft uns jetzt schon leiht“.

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… alles das bezieht sich auf die spannende Geschichte vom armen kranken Lazarus, der so früh gestorben ist. Von Jesus handelt es, der sich viel Zeit nimmt, – Zeit spielt für den Ewigen keine Rolle, – und um die weinenden Schwestern geht es – und von „den Leuten“ ist die Rede, die natürlich (wie immer) wieder mit dabei sind.

Von dem finsteren Grab hören wir und unsere Nasen erinnern sich vorsichtig an Spaziergänge durch feuchte Wälder, schattige Höhlen und lange nicht mehr gelüftete Räume. Wer in einem Krankenhaus gearbeitet hat, bzw. dort vor langen Jahren noch liegen musste, entsinnt sich vielleicht an den Verbandswagen mit dem Eimer für die Binden – halt an alle Gerüche der abgetanen Körpersubstanzen.

Das alles lässt der Evangelist Johannes, der ätherische esoterischste von den vieren aus der Heiligen Schrift, der Gnostiker und Liebling so vieler träumerischer Predigtverfasser und -hörer sehr dicht zueinander rücken.

Und es baut sich die ganze Rückseite des INCARNATUS EST, jener Besonderheit des christlichen Glaubens, dass nämlich das ewig göttlich leuchtende Sein sich eine Wohnung nahm in menschlicher und fleischlicher Vergangenheit, vor uns bildlich auf.

Die Inder verbrennen die Toten am Ufer des Ganges und waschen ihre Wäsche im selben Fluß und trinken auch daraus, – jener gewaltige Strom, der noch mehr von den Tränen und Hoffnungen der Menschen zu erzählen hat, als der andere Fluß ähnlicher Art, – der ägyptische Nil auf dem die Barken der Pharaonen zu den Totenstädten glitten – zusammen mit der noch lebenden aber schon totgeweihten Priesterschaft, die das alles stoisch ertrug, wenn wir der Geschichtsschreibung glauben wollen. Aber wem wollen wir wirklich Glauben schenken?

Am Ganges sitzen die Menschen in der Asche ihrer Verstorbenen, während die Hunde hier und da noch ein paar Knochenreste erjagen, wie Mark Twain berichtet. Alle von Westen hierher gereisten Stauner staunen über diesen Fluß und seinen Brauch. Alle glaubenslos gewordenen aufgeklärten Europäer, die seit den 60er Jahren gern hierher pilgerten, um in Asien zu suchen, was sie hier Europa und seiner sich wandelnden und sterbenden Religion nicht mehr abnehmen wollten – eben dort zu finden trachteten.

„Lazarus, komm heraus!“ Das ist der mächtige Ruf des Christus, für den Zeit keine Rolle spielte, der auf dem Weg zum todsterbenskranken Menschen zu bummeln scheint, wie wir es im Evangelium gehört haben. 2000 Jahre schon bummelt Christus mit seiner Wiederkunft herum – er geht irgendwo anders auf und ab – in anderen Welten vielleicht – zu uns kommt er nach wie vor nur in Worten, – aber in sehr guten Worten.

Wer die Geschichte vom Lazarus hört, denkt die ganze Zeit peinlich gespannt vielleicht daran, na, – sie werden doch nicht wagen, uns zuzumuten, einer Totenauferweckung Glauben zu schenken? Aber, dann geschieht gerade das doch! Mitten ins Gesicht der medizinisch gebildeten und gern aufgeklärt wirken wollenden Zeitgenossenschaft hinein. Und das, was der moderate Zeitgenosse aus seiner Privatgalerie der persönlichen Glaubwürdigkeiten vielleicht schon längst peu a peu verbannt hat, das wird jetzt in großartiger Breite ausgemalt:

Eine arme Gestalt kommt zurück – aus der Welt der stofflichen Zersetzung kehrt sie zurück in die Nähe der erschrockenen Noch-Lebenden.

Es ist dieser Text eine gute, wenn auch nicht gerade rücksichtsvolle und nicht jederzeit jedermann zuzumutende Einübung ins eigene Sterben.

Die Pharaonen wollten  dieser Welt würdig entfliehen, indem sie das Vergängliche konservieren ließen. Auch der Christus sollte so für die Ewigkeit mumifiziert werden. Und fast wäre dieses Werk der Liebe auch gelungen. Die Liebestat jener guten drei Frauen, die sich am Ostermorgen finanziell verausgabt weinend zur Königskammer aufgemacht hatten. Welche hat ihn wohl am meisten geliebt, fragen wir? …

Alle großen Erlösungsreligionen haben schließlich klein beigegeben und haben sich auf einen relativ unanfechtbaren Standpunkt der Vernunft und metaphysischen Mäßigung zurückgezogen. Die Seele, die der Körper bewohnt hatte, fällt nun zurück ins große All-Ewig-Eine des urgewaltigen Lichts. Sie wird als einzelne Seele ausgelöscht, indem sie im Flammenmeer der Gottheit nunmehr wieder ununterscheidbar mitlodert. Vielleicht hier und da noch einige Male zurückgeschleudert wird ins Rad der Wiedergeburten und in das Verhängnis des Lebens.

Die leibliche Existenz aber mit ihren Zahnschmerzen, den Bankschulden, den schlechten Schulzeugnissen und dem Liebeskummer (um nur das Wichtigste zu nennen)  werden als vorübergehend und als nicht wesentlich herabgestuft. Der weise Guru steigt halt auf den Scheiterhaufen, indem er Mantras singt. Und die fleißigen Märterer der Vorzeit priesen Gott in Verzückung, während die blühenden Frauen aus ihrer Mitte von hungrigen Bestien vor den Augen noch hungrigerer Menschen zerrissen wurden. Am Ziel des Lebens angekommen geschehe bitte die weise und einsichtige Ergebung ins Unvermeidliche. Der Tod erscheine als Freund und Erlöser. Sogar die Zeitungsannoncen der neuheidnischen DDR-Leute wartete stets mit solchen Plattitüden auf, – es ist so, als ob der Mensch sich seines Todes schäme und ihn deshalb wegerkläre. Und was solls, es ist da viel Wahres dran: in das unvermeidliche Schicksal fügt sich der Kluge und glaubt sogar, dass er damit das Rechte und Angemessene getan hat.

Jesus aber ruft: „Lazarus, komm heraus!“ Oder, die Christen lassen ihren Meister das rufen. Und so erzeugen sie und halten wach, dass es einen Weg geben muß, den Tod zu durchschreiten und zwar in beide Richtungen!

Die historisch kritische Bibelforschung hat Jesus, der solches gerufen hat oder haben soll, oft entschuldigen wollen. Es sind viele gutgemeinte Meinungen verbreitet worden, um die christliche Religion vor dem Vorwurf der Haltlosigkeit  zu schützen.

Aber gerade diese Geschichte vom Lazarus  ist besonders kostbar. Sie spielt auf einer sehr tief im Menschen eingezogenen Saite eine ganz besonders kostbare Melodie.

Es ist die Saite mit der Melodie der in alles eingesenkten Hoffnung auf das wahnwitzige „Trotzdem mit Gott“. Ob da nicht einer ist, der etwas rückgängig machen kann. Der das Leben also so genau erkennt, dass er es zurückrufen kann von jenem dunklen Fluß, zu dem alles wie von selbst hinstrebt, in den Selbstverbrauch, in das malmende Chaos. Ob nicht der Körper, der das Haus der göttlichen Seele ist, bleiben kann – solange bis er selber genug erkannt hat, dass es genug ist und man gespannt ist auf jenes MEHR, was durch diese irdische Existenz so nicht mehr möglich ist?

Lazarus, was hat er berichtet? Hat er geschwiegen oder hat er gesungen? Hat man ihn verstanden? Ist er das zweite Mal dann fröhlich gegangen? Hat er ein Gedicht gemacht über den Hades? „Als ich im Totenreiche war / das war genau vor einem Jahr / nein vor vier Tagen eben / da traf ich viele andere, die dort schon lange leben!“ Oder so ähnlich … So viele Fragen hätten wir an Lazarus!

Jesus jedenfalls ruft eine Seele zurück in die irdische Existenz. In einen leidenden Körper, bis der ganz erlöst ist, bis er also wirklich beseelt ist. Und nicht eher gehen wir hier fort, wollen wir uns vornehmen.

Die Kirche bekennt die Auferstehung des Fleisches, sie sagt: Das, was an unserem Leben so gut und schön war, dass es nicht WAR, sondern IST, – das soll wiederkommen. Es verdient (ohne Verdienstgedanken!!!) ewig zu sein.

Wer dieses jetzt nicht versteht (ist da wer?) mag diesen Gedanken nicht fortwerfen, sondern soll daran arbeiten, bis er etwas damit anfangen kann. Bis er aus der Höhlenwelt der gebundenen Glieder und der festgezurrten Gedanken neu in die Wirklichkeit taumelt und andere ihm helfen, die Binden abzutun. Eher wollen wir nicht fortgehn, eher nicht! Wir wollen versuchen hinauszugehen aus der Enge, wir sollten auslauschen nach den Echos der Melodie des Rufes „Lazarus, komm heraus!“ Es war nämlich wahrscheinlich eine Melodie. Ein Gesang, ein Lockruf. Kein Befehl – ein Akkord. Die Fülle dieses Wohlklangs gilt nicht irgendwelchen anderen Verstorbenen, sondern sie gilt je mir. Also auch dir. Jetzt. Amen.