Reformationsdekade 2014 „Religion und Macht“ – Musik für eine arme Frau –

IMG_2497.JPG

Da gibt es doch diesen naiv anmutenden kleinen Schlager: „Wir wollen Freunde sein, für’s ganze Leben … “

Wir wollen Freunde sein für’s ganze Leben.
Wie schön das Leben für uns dann fällt.
Wir wollen Freunde sein in schönen Stunden.
In trüben Stunden aber noch viel mehr.

Freunde sind sie am Ende wohl sicher nicht geworden. Denn die Frau verbrennt auf dem Scheiterhaufen – und der Mann verschwindet im Dunkel der sogenannten Geschichte. Ob sie sich wiedergetroffen haben? Und, – was ist vorher zwischen den beiden gewesen? Gemeint sind Thomas Flietz aus Zahna und die Bäuerin Agnisa aus Bülzig. Es ist Krieg, Dreissigjähriger Krieg, man schreibt das Jahr 1637. Von der Agnisa wissen wir, dass sie am 18.8.1637 in Wittenberg zum Feuertod verurteilt wird. Jedoch von dem, der sie ausgeliefert hat, dem Pfarrer Thomas Flietz, wissen wir fast nichts. Visitationsakten beschreiben ihn als einen gelehrten Mann mit starken Ambitionen der Lehre Luthers gegenüber. Seine Amtszeit in Bülzig dauert von 1602 bis 1637. Das sind 35 lange Jahre. Und eben in sein letztes Amtsjahr fällt der Prozess gegen Agnisa – wegen Zauberei. Die Frau soll den Feuertod erleiden – und der Ort Bülzig, an dem sie gewohnt hat, liegt danach reichliche 30 Jahre wüst. Keiner kann oder will dort mehr wohnen. Schon angesichts der ihr gezeigten Folterinstrumente gesteht die arme Frau alles, was man ihr vorgeworfen hatte, malt minutiös aus und gibt zu Protokoll, was tausende andere Frauen ebenfalls ausgesagt haben, nachdem es ihnen vorgesprochen und im kollektiven Unbewussten als Urangst versenkt worden ist. Unter anderem, bestimmten Leuten schaden gewollt zu haben, auch dem Pfarrer Thomas Flietz, der in den Gerichtsakten bis in alle Ewigkeit nun als Denunziant vermerkt ist. Diese Akten gibt es heute immer noch, denn so was wird nicht weggeschmissen, darüber wachen die Archivare der alten Bibliotheken. So kann man den erschütternden Bericht lesen. Der Diplomhistoriker Hans Jochen Seidel aus Wittenberg hat den alten Text transkribiert. Wie andere in diesen Jahren vor dem Reformationsjubiläum ebenfalls befragte Kirchengemeinden meinen auch wir, es ist nicht falsch, sich an diesen unglaublichen Unsinn zu erinnern, der damals Sinn gewesen sein soll: Menschen bei lebendigem Leib zu verbrennen, weil sie – und nun kommt der schlimme Vorwurf – mit dem Teufel im Bunde gewesen sein sollen. Heller Wahnsinn! Aber so veraltet ist dieser Vorwurf ja gar nicht. Ab und zu taucht er in der Geschichte immer mal wieder auf. Wer ihn erhebt, bestätigt damit den Satz Adornos: „Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerls.“ Und gehört damit selbst zu diesen dummen Kerls. In unseren Tagen wird der Teufelsanbeter-Vorwurf z.B. den Jesiden gemacht – und zwar von sunnitischen Isis-Kämpfern. Dumme und brutale Kerls. (Nachrichten und Internet geben für Interessierte mehr Information).
Es ist eine starke Beziehung zwischen Tätern und Opfern. Immer! Die Täter vernichten in den Opfern den besseren Teil von sich selbst. Die Täter versuchen, in ihren Opfern dasjenige zu bannen, vor dem sie Angst haben. An ihren Opfern hätten die Täter wachsen können. Aber, indem sie sie vernichten, scheitern sie an sich selbst! In den Tätern erkennen sich die Opfer oft überraschend wieder, nur von der anderen Seite – und zum letzten Mal. Opfer und Täter … Von Judas hören wir, dass er sich nach dem Tode Jesu erhängt habe. Der Evangelist Matthäus beschreibt uns auf diese Weise den bekannten Sachverhalt, wie es nämlich den Denunzianten ergeht – und gibt dabei in erster Linie nicht dem eigenen Rachegelüst Raum, sondern vielmehr den Hinweis, dass Judas es eben nicht geschafft hat, mit der Schuld weiterzuleben, jemanden dem Tode ausgeliefert zu haben. Die Kirche des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts hat u.a. auch diesen Schandfleck im Stammbuch, dass eine gewisse Anzahl ihrer Amtsträger Menschen aus unglaublichen Gründen der weltlichen Gerichtsbarkeit und dem Halsgericht ausgeliefert haben.
Thomas Flietz, der gebürtige Zahnaer, der in Bülzig Pfarrer sein wollte, was ist aus ihm geworden? Agnisa, die Bäuerin von Bülzig ist aus den Flammen auf dem Wittenberger Marktplatz durch einen freundlichen Gott in allerletzter Sekunde entrafft und hinter die Sterne versetzt worden. Von dort aus wirkt sie nun zusammen mit der Heiligen Notburga und Walburga für die Wohlfahrt des Viehs und die Feldfrucht. Aber das ist natürlich erdichtet, es wäre zu schön, wenn es sich so zugetragen hätte. Nein, sie ist als Menschin von Menschen verbrannt worden. Agnisas Tag ist jedenfalls der 21. Januar (Heilige Agnes). Und der Tag des gelehrten Thomas ist der 28. Januar. Eine Woche später. Sie sollten Freunde sein, das ganze Leben …

Wir wollen Freunde sein für’s ganze Leben.
Wie schön das Leben für uns dann fällt.
Wir wollen Freunde sein in schönen Stunden.
In trüben Stunden aber noch viel mehr.

Wenn wir zusammensteh’n, dann kann uns nichts entgeh’n,
dann ist die Welt so schön als ob es Frühling wär‘.

Wir wollen Freunde sein für’s ganze Leben.
Wie schön das Leben für uns zwei dann fällt.

Ihr Kommentar (Name, Mailadresse und Webseite können leer bleiben)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s