Häng Deinen Karren an den Stern

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Christuskirche Kleinwittenberg


Und es wird Zeichen geben
an Sonne Mond und den Sternen.
Auf Erden wird allen Völkern
bange, sie werden verzagen,
wogend brausen die Meere.
Die Menschen werden vergehen –
erwarten mit Furcht die Dinge,
die kommen sollen allüberall…
Denn die Gesetze der Sphären
werden taumeln und wanken.
Man wird?
…den Menschensohn kommen sehen
mit einer Wolke voll Kraft
in großer Herrlichkeit.
Wenn es beginnt schon!
Schaut auf.
Erhebt eure Häupter.
Erlösung!

(Lukasevangelium 21,25-33)

Als die Christuskirche vor einigen Jahrzehnten ihr östliches Fenster schließen musste, ließen Menschen, denen die Sterne (Lichter des vierten Schöpfungstages) etwas bedeuteten, zwölf Öffnungen stehen. Zwölf Wächter des Lichts, Apostel der Klarheit, zwölf Zeichen hat der Tierkreis, auf dem die Mutter Gottes, Annas Maria, steht. Zwölf, die sich als Weg der Sonne und des Mondes wie eine Krone um das Haupt der Himmelskönigin winden in Luthers Stadt.

Es wurden in die schützende Mauer Behälter des Lichts eingebaut – in Form von leeren Flaschen. Und genialer geht es nicht. Der Bezug zur Eucharistie ist in dieser Kirche nicht mehr wegzudenken. Wer es kann, mag sich in das damals entstandene schlichte Signet eines energiegeladenen Tieres „Hinein-Medi-Tieren. Mit stolz erhobenem Haupt springt dieses Geschöpf dahin – ich tippe auf so etwas Ähnliches wie Steinbock. Wer es sehen will, muss selber sein Haupt erheben. Wer immerzu auf den Boden schaut, blickt auf die Toten, – wer dagegen nach oben schaut, blickt auf das, was kommen könnte. Wenn dermal einst das Fenster wieder in Ordnung gebracht wird (erhebt Eure Häupter!), wird man vielleicht an den Stellen, wo die Flaschen waren, die Scheiben ein wenig tönen, damit das Bild bleibt für die, die darum wissen, wie es doch unbedingt nötig ist, dann, wenn die Kräfte wanken, nicht voller Angst fortzulaufen, sondern die wankenden Kräfte für sich selbst schwanken zu lassen. Weil, – sie wollen uns ja einladen mitzuschwingen – eben nicht zur Kapitulation. Christus birgt sich in der Wolke von Licht. Und wir sind seine schwankenden Sterne. Das müssen wir wissen. Aber das ist Zukunftsmusik und steht in den Sternen, wie man sagt. Und darum geht es – um die Zukunft, immer.

Das großartige Firmament der Gestirne also und das kleine Gewissen in der menschlichen Seele. Unendlicher Glanz auf der einen und sehr, sehr begrenzte (aber doch auch) Klarheit auf der anderen Seite. Dazwischen geht der Weg durch und den suchen wir. Jesus soll vom Gewissen und den Sternen in einem Atemzug geredet haben, – lange vor Kant? Lukas schrieb es auf, und wir lesen vor. Sterne und Seele, – das sind die beiden Säulen, auf denen unser Tun und Lassen ruht. Die Sterne nun würden ins Wanken geraten, soll Jesus gesagt haben. Die Sphären, Dimensionen auch. Und dann würde unser Gewissen sich rühren und uns würde bange werden. Ja, sagen wir, das haben wir schon hier und da erlebt, es besteht eine Verbindung von Großereignissen da draußen und Gewissen hier drinnen.

Exkurs: Ein paar ungewohnte, aber sehr interessante Gedanken: Das Gewissen ist so eine Art Parasit, der ganz dicht bei unserer Seele sitzt. Der feiert immer mit, – der Parasit sitzt fest und lässt sich nicht vertreiben. In der Erzählung von Pinocchio erfahren wir, wie eine kleine Holzpuppe in die Welt hinauszieht, um ein richtiger Junge zu werden. Und da bekommt er einen Gefährten mit auf den Weg, – und zwar ein Würmchen – Holzwürmchen.

Man könnte nun sagen, dass die Seele einen Gehilfen hat und das ist der Sternenhimmel, mit aller seiner Wucht. Wenn der ins Wanken gerät, was dann? Dann wird auch das Gewissen erschüttert. Wir erinnern uns noch an einige große Katastrophen, den Tsunami 2004 am Weihnachtsfest, an das Erdbeben in Lissabon, an den Kometen 1524 und einige von uns vielleicht sogar noch an den Urknall der eigenen Wiedergeburt. An den Mauerfall und den Fall der Twin-Towers vom 11.9.2001. Zu vermuten ist, dass da noch manche Großereignisse kosmischen Ausmaßes unser Seelengewissen zu ängstigen versuchen werden.

Manche behaupten nun, solche Zeichen in der äußeren Welt seien das Werk eines Gottes, welcher die Menschen mit irgendwelchen Geheimzeichen auf irgendetwas hinweisen will. Die Welt ist voller Verschwörungstheorien. Denkfiguren, so alt wie die Wachtürme, auf denen die Menschen in Babylon Ausschau hielten oder am Wittenberger Bahnhof Heftchen verteilen. Aber es steht ja Gott sei Dank geschrieben: „Erhebt eure Häupter“, der Kosmos ist sehr stabil. Da geht nicht viel kaputt. Der Textzusammenhang dieses Sonntags ist gerade so konstruiert, dass in einem grandiosen Akt der Furchtlosigkeit die kosmischen Verhältnisse betrachtbar werden. Das Zittern der Galaxien wird für den Felgaufschwung des Mutes benutzt. Für den Klimmzug des Glaubens, der sagt: Das Engagement für das Gute wird zwar nicht belohnt, vor allem nicht gleich, aber nach langen Umlaufzeiten bewirkt es wichtige Schwankungen im Althergebrachten. Ein alter Spruch lautet: „Hänge deinen Karren an einen Stern!“ Das meint, wir sollten unsere irdischen Bewerbchen nicht losgekoppelt vom Ganzen zu bestreiten antreten, sondern wir sollen sie an die Zahlen anlehnen, also an die letzten tiefgründigen Muster der Realität, an die Matrix der Wirklichkeit, wie diese in den Tagen der Schöpfung fixiert worden ist. Diese vibrierende Matrix nennt die Theologie den Logos, das Wort Gottes.

Es ist ein Wesenszug protestantischer Frömmigkeit, wenn es denn sowas überhaupt geben muss oder geben kann, das Wanken, das Schwanken, das Schwingen und Singen in den ewigen Gesetzen für den Einsatz zu nehmen, den der Dirigent je mir zuwinkt, doch nun auch meine eigene Stimme einzuflechten in den zwölfstimmigen Gesang des uralten Madrigals, dessen Partitur in Zahlenschrift am uns umgebenden Himmel komponiert, das heißt zusammengestellt worden ist – für alle Zeiten.

Wartet nicht auf die Katastrophe, denn sie ist schon lange dabei sich zu ereignen. Nichts geht unter in dieser Welt – nur wir und zwar ganz langsam. Zaudert nicht – Christus kommt nämlich nicht wieder, sondern er ist längst wirklich da. Verhüllt in einer riesigen Wolke von Primzahlen bietet er uns an: „Lehne dich hinaus, immer ein kleines Stückchen zu weit, so dass es mir Freude macht, deinen freien Fall einzuordnen in das freien Spiel der Wunder, die sich sowieso immer schon ereignen. Denn alles schwankt, alles wankt, nichts ist beständig. Die Dimensionen der Himmel sind Variablen für intelligente Zufälle des HERRN … Bitteschön, – auf diese oder ähnliche Weise käme darauf an, das eigene Glaubensleben mit dem Leben da draußen in Verbindung zu bringen. Da draußen meint nicht nur die Dessauer Straße, sondern das System der geistigen und materiellen Supergalaxien. Der Predigttext weitet die Welt auf – bis ins Unendliche.

Laudetur Jesus Christus

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