Terminator an der Krippe – Predigt vom Heiligen Abend 2014 Zahna und Zallmsdorf

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Sven hat zu Weihnachten einen Terminator geschenkt bekommen. Vom Patenonkel Bernd. Der Terminator leistet Unglaubliches. Er tötet alle Bösen und rettet das Leben der Guten. „Tui, Tui, Tui“ tönt es in einem fort. Schier unerschöpflich sind Munitions- und Energievorrat des Terminators: Laufen, Fliehen, Werfen und sich gleichzeitig Umdrehen, Schießen und Treffen.

Natürlich ist es ein lieber Terminator, ohne schädliche Weichmacher und zwanzig Zentimeter groß. So hatte es Sven auf den Wunschzettel geschrieben: Einen lieben Terminator. Und der Weihnachtsmann ist artig gewesen. Während nun Sven, sechs Jahre alt und Einzelkind, mit seinem neuen Freund alles Leben rund um den Christbaum terminiert, das ist: auslöscht, „Tui, Tui, Tui“ kommen seine Eltern mit Onkel Bernd ins Gespräch. Sylvia und Tobi waren eigentlich gegen den Kauf des Terminators gewesen, hatten dann aber doch eingewilligt, denn Bernd konnte sie von der Nützlichkeit des Erwerbs eines solchen Gegenstands überzeugen. Er fragte: „Was ist eigentlich ein Terminator? Da stellen wir uns ganz dumm, und sagen so. Ein Terminator ist so ein Ding, von dem man eine Menge lernen kann!“ Bernd studiert Kulturwissenschaften und Anthropologie, und der Terminator stammt von einem Flohmarkt in Dresden. „Tui, Tui,Tui“ macht es immer wieder. Dann hört man Sven, wie er ruft: „Du bist Jesus!“ – „Wer ist Jesus?“ fragt jetzt Sylvia. Sie war eigentlich eine fromme Frau und trug an Festtagen körperbetonende Kleidung, war darin dem Terminator nicht ganz unähnlich, obwohl sie noch niemanden terminiert hatte. Außer vielleicht die Vorgänger ihres Ehemanns Tobi. Tobi ist der Vater von Sven, der seinen „Termi“ jetzt Jesus genannt hatte. Sie, also Sylvia, sagt zu Sven: „Der Jesus war doch kein Terminator!“ Sven: „Aber mein Termi heißt Jesus“. Dagegen ist nun schwer etwas zu sagen und es entspinnt sich ein gutes Gespräch über Terminatoren, Propheten und eben den Jesus. Die Weihnachtspyramide dreht sich dabei und wirft ihre geordnet kreisenden Schatten an die Zimmerdecke.

„Es gab einmal eine Zeit“ erzählt Bernd und steckt sich eine Maria Mancini an, die Sylvia ihm jedes Jahr zum Fest schenkt (Tobi raucht nicht), da standen wir Menschen noch ganz im Banne von Stiefmütterchen Natur und waren eigentlich, bei Licht besehen, nur ängstlich fliehende Affen. Wir flohen vor der unbarmherzigen Natur, den anderen Tieren, unseren Fressfeinden und Konkurrenten. Wir waren Gefahren-Flüchter. Mit der Zeit wurden immer besser im Fortrennen. Durch Flucht schufen wir Raum zwischen uns und dem Feind. Immer mehr Raum, indem wir immer besser flohen. Doch dann lernten wir zusätzlich, den Raum zwischen uns und den anderen schlagartig zu verkleinern, indem wir Dinge nach dem Feind warfen. Äste, Steine, – später Pfeile. Wir flohen, drehten uns um und schleuderten dem Verfolger etwas an den Kopf und töteten ihn auf diese Weise, – terminierten ihn sozusagen. Wir übten dieses Werfen und wurden darin immer besser. Wir zielten – und löschten den anderen aus, weil wir trafen. Wo vorher noch einer war, war dann keiner mehr. Nur wir. Aus dem flüchtenden Laufen als „Raumerzeugung und Selbsterhaltung“ wurde Werfen und Treffen als „Raumverkleinerung und Vernichtung des Anderen“. Gefahren-Flüchter wurden dadurch sogar zu Gefahren-Suchern.“

„Tui, Tui,Tui“ erschallt es aus der Richtung des Weihnachtsbaumes. „Genauso!“ sagt Bernd. Sylvia und Tobi haben gespannt zugehört. „Ferne erzeugen durch Flucht und Nicht-Sein erzeugen durch Wurf. Raumveränderung durch Bewegung im Raum. Überallgleichzeitig sein und in Sicherheit durch Schuss. „Es klingt so philosophisch, dass man kaum noch merkt, wie dabei immer einer ausgelöscht wird“ haucht Sylvia und bekommt wieder ihren Blick. „Ja“ sagt Bernd, „zuerst die feindlichen Tiere, dann die feindlichen Clans, dann die lästigen Mitbewerber! Es entstanden auf diese Weise Machtzentren in solchen Menschen, die sich des Werfens während des Rennens besonders geschickt erwiesen. Das sind die Krieger. Der Terminator oder seine moderneren Brüder, die Transformer, sind Spielzeuge, die den heranwachsenden Knaben“ (er blickt zu Sven) an die Schwelle der menschlichen Existenz zurückführen. An jene Stelle, an der die sogenannte Hominisation stattfand. Homo, hominis, homini, hominem – der Mensch – und seine geglückte Losreißung von Stiefmütterchen Natur. Dieses Laufen und Werfen, Fliehen und dabei Treffen waren enorm wichtig im Prozess der Entwicklung. Der Mensch entstand sozusagen aus dem Geiste des Gegenangriffs auf der Flucht.“

„Tui, Tui, Tui“ macht der Terminator. „Genial“ haucht Sylvia mit dem Blick. Tobi schweigt. Bernd nimmt sich eine Marzipankugel und betrachtet sie scharf, wobei er den Rauch der Mancini auf die Kugel bläst. Dann sagt er: „Es kommt aber nun darauf an, dass wir endlich von der Menschwerdung weitergehen zur Gottwerdung. Und da spielt der Jesus eine nicht unbedeutende Rolle.“ Jetzt wurde es Tobi wohl zu bunt: „Wie jetzt“ meinte er, „wir sind doch Menschen und das reicht!“ Bernd: „Reicht eben nicht. Schau sie dir doch an – wie sie alle voreinander fliehen, sich verstellen und täuschen, aufeinander werfen, sich verwunden und treffen – mit Worten, mit Waffen, und sich auslöschen. Wie alte Hominiden. Stichwort Ukraine, Nigeria, Syrien, Irak.“

Sven hat eben den Terminator zur Weihnachtskrippe gestellt – direkt zwischen die Engel. Komisch, dass Engel nie Bärte haben. Haben sie einfach nicht, genauso wenig wie Arnold und James. Der Schatten des Terminators fällt geheimnisvoll auf die Krippe, in der ein Baby drin liegt, das Jesus sein soll. Bernd fährt fort zu dozieren: „Weihnachten nun – es hat auch viel mit Raum zu tun. Nur, dass da keiner mehr wegrennt, um Raum zwischen sich und den Feind zu bringen. Sondern nun rennen alle hin zu einem einzigen besonderen Raumpunkt, um sich dort einander zu ergeben. Der Stall in Betlehem. Man sucht nicht mehr Ferne zum Feind, sondern dichte Nähe zu einem Kind. Und sie werfen auch nicht mehr, sondern legen nieder – brauchbare und wertvolle Dinge. Es gibt keine Sanktionen sondern Subventionen. Dieses Weihnachten ist ein positiver Kommunikationsraum innerhalb der Weltgeschichte. Wo vorher nichts war, soll nun etwas werden. Wo Angst voreinander herrschte, soll Verantwortung füreinander wachsen. Und genau an dieser Stelle beginnt die Humanisierung des alten Flucht-Werfers zum Friedens-Bringer. Man trifft zwar den anderen immer noch, aber nun nicht mehr tödlich, sondern als Freund an. Wo die Hominisation des alten Fluchtwerfers in die Humanisierung als Friedensbringer einmündet, verwirklicht sich die Apotheose des Homo Sapiens, also seine Vergottung.“

Die Maria Mancini glüht auf und Sven tritt zu den Erwachsenen. „Ich habe Vergottung gehört. Das klingt lustig“ sagt er. „Aber hier, mein Termi funktioniert nicht mehr. Die Batterien sind vielleicht alle. Er macht nicht mehr ‚Tui, Tui, Tui‘.“ – „Gib ihm neue Worte“ sagt Bernd, „am besten deine eigenen! ‚Tui, Tui, Tui‘ ist eines Menschen unwürdig. ‚Schalom‘ ist gut. Und ‚Friede sei mit euch‘. Diese Vokabeln gibt es in jeder Sprache, auch in russisch. Der alte Pole Woityla brachte Stunden seines Lebens damit zu, den Leuten „Frieden“ in ihrer eigenen Muttersprache zuzurufen. Nicht Fliehen, Täuschen, Werfen und Treffen, sondern Zueinanderfinden und Schenken. Darauf kommt es an. Wo die Hominisation in die Humanisierung einmündet, dort geschieht die Apotheose (Vergöttlichung) des Menschen und die Metamorphose der Welt, – ich meine ihre Verwandlung. Verdammte Fremdworte. Aber sie bringen es halt auf den Punkt. Weihnachten ist d a s Fest! Weil die Menschen etwas zu feiern versuchen. Dass der Gott Mensch wurde, damit die Menschen das Fliehen und Werfen lassen lernen.“

Sven drückt noch mal auf den Knopf des Terminators. Aber der macht nur ganz schwach ein einziges Mal „Tui.“ Es klingt eher wie „Du“. Und das wäre das kleine Wunder dieses Weihnachtsfestes.

Amen …

Amen …

Ein Gedanke zu “Terminator an der Krippe – Predigt vom Heiligen Abend 2014 Zahna und Zallmsdorf

  1. Danke. Interessante Gedanken zu Weihnachten und Verbindungen zur Gegenwart! Vielleicht könnte man auch sagen, der „Terminator Jesus“ schaltet die Furcht aus vor den anderen. Und die Schuld…Vielleicht steckt noch eine Karfreitagspredigt drin. Ich habe mal eine Weihnachtspredigt zu dem Zeichentrickfilm „The Incredibles“ gehalten. Die populäre Kultur schenkt uns immer wieder Anknüpfungspunkte.

    Markus, aus Edmonton, AB, Kanada

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