Novembergedanken

Preset Style = Travelogue Format = 6

Als es jetzt ans Sterben ging, ging Globnich ins Hospiz. Der Tod hatte ihm vor einigen Jahren schon die Frau genommen, der Sohn Friedrich hatte sich jahrzehntelang nicht gemeldet und die alten Genossen waren längst tot. Dass es so weh tun würde, hätte Kurt Globnich aber nicht gedacht. Dass Materie so weh tun kann!

Globnich hatte alles kennengelernt. Hitlerjugend, danach FDJ, Mitglied in der SED, wieder ausgetreten – Busrentnerreisen. Ganz früher war er auch Ministrant – in Oberschlesien. „Geheimnis des Glaubens – kling klang …“ Das war schön gewesen. Dann die Vertreibung. Flüchtling und ausgelacht. Wegen der Sprache. Mit der Kirche hatte er gebrochen. War es sein Name oder das Schicksal oder freier Wille? Kurt Globnich glaubte nicht, dass er etwas glaube. Er wusste aber, dass er sterben würde. Die Befunde, die Röntgenbilder. Mit in das Hospiz nahm er ein Hochzeitsfoto, das Foto vom Elternhaus und sein kleines Lieblingsheftchen aus dem Dietzverlag. „Anteil der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen.“
Wenige Tage blieben ihm noch, und immer wieder las er gern in dem Heftchen des Fabrikantensohnes Friedrich Engels, der mit ihm am 28.November Geburtstag feierte, und dessen Vornamen er seinem Sohn gegeben hatte. Friedrich.
Es ging am Anfang der kleinen Schrift um die Physiologie der Hand und um die Hände sowieso. Die Affen schleudern zwar Steine nach ihren Feinden, aber sie vermögen nicht, mit ihren Händen Werkzeuge herzustellen, wie die Menschen es tun, wenn sie arbeiten. Globnich lag in seinem Bett, das Heftchen in den alt gewordenen zitternden Händen.
Eine Palliativschwester kommt. Dunkles Gesicht, dunkle Augen, ganz lange, dunkle schwarze Haare. Fremde Sprache. Andere Kultur. Sie nimmt die rechte Hand Globnichs in ihre Rechte. Sitzt einfach da. Summt irgendein Lied. Fremd. Wer ist das? „Friedrich?“ Im Gegenlicht schimmert die hohe Gestalt wie aus einer anderen Welt. Er hört: “My name is Frederique”. Englisch … Das Grün von Draußen und das Braun der Haut und das Gold des Lichts. Sie kommt sieben Tage lang – und hält Kurts Hand und summt das Lied. Das ist wohl ihre Arbeit … Denkt Globnich.
Dass es so gut tun könnte, hatte er nicht gedacht. Bewusstsein hilft der Materie! „Geheimnis des Glaubens – kling klang“.

Am achten Tag früh morgens kommt sie das letzte Mal. „Das glob ich nicht“ wollte Kurt gerade noch sagen, aber er kam nur bis „das glob ich …“ Genau in diesem Augenblick nahmen die Engel seine Seele aus der Hand der Fremden. Weil er ja zum Schluss deutlich gesagt hatte, „das glaube ich“ (wenn auch im Dialekt) führen sie ihn im Gesang der Frau zu den Himmeln. Das Wort „Nicht“ aus dem Satz Globnichs war zu Boden gefallen. Und wurde am Morgen von einer Putzfrau weggewischt. Am Himmelstor stand zwar nicht Petrus (das ist alles Quatsch). Das Tor ist offen. Aber ein Schild hängt dort. Darauf steht: „Willkommen Kurt!“ Und was geschrieben steht, steht geschrieben.

Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

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