Gebet einer Silvesterrakete

 

Allherrschende Gottheit,
den Dingen gebietend,
Gib, dass ich brenne.
Nicht, dass ich versage.
Am höchsten Punkt meiner nächtlichen Flugbahn
elend noch scheitere.

Heut kauft mich ein Herr.
In grüngoldener Schachtel –
da liege ich stolz.
Er trägt mich zum Block,
wo er haust mit den Seinen.

Und morgen zur Nacht –
da werd ich zerschellen,
am Himmel zerschellen.
Will Farben und Licht
in das Dunkel Euch senden.
Da singet, Ihr Menschen.

Doch fürcht´ ich die Stunde.
Bin nur Salpeter, bin Schwefel, bin Kohle.
Aus Strontium, Magnesium, Kalium und Leim.
Lass doch, du Höchster,
lass es gelingen –
wenn ich in krachendem Schallen
am Firmament oben zerstiebe,
den Menschen unten Vergnügen bereitend.

Und gib, dass mein Körper friedlich und leise
und ohne Feuer und Schaden zu stiften,
sanft aufschlägt demütig am Rücken der Erde.
Und sende die fröhlichen Kinder herbei.
Zu finden mein früh.

Die basteln aus Stöckchen und Hülse was Feines.
O Gottheit der Dinge!
Ich preise und danke, dass es mich gab.
Lobpreisung für alles!
Im Schaufenster lag ich
mit Schwestern und Brüdern.

Der Mann kam und kaufte –
nur mich erwarb er mit sinnender Mine.
Er trug mich ganz achtsam.
Und seine Kindlein bestaunten
den glänzenden Körper.

Sie riefen „O Vater! Gleich jetzt!
Lass´ fliegen, entzünde“!
Doch „Nein“, sagt der Mann.
„Erst morgen – Silvester,
wenn Zeiten sich scheiden.

Dann lasst uns mit Wünschen
Raketen beladen.
Ein Streichholz entfachen
dem Himmel sie senden,
der schwärzlichen Sphäre,
die über uns abrollt seit Menschengedenken.

Da schrieben sie bald die wagenden Worte:
„Arbeit für Vater,
Gesundheit für Mutter,
Geld auf das Konto.
Die Prüfung zu schaffen.“

Sie schrieben auf Zettel,
die mir am Halse.
Da hängen sie sichtbar,
da hängen sie deutlich.
Und stehet geschrieben:

„Dass Nachbarn nicht saufen
den Hund nicht verprügeln.
Der Bruder nach Haus kommt
die Schule im Ort bleibt
die Kirche nicht einstürzt.

Wir uns verstehen
und der Opa im Himmel“
Ich, die Rakete, ich fürchte die Stunde
und will doch die Wünsche,
die zahlreichen guten,
zum Himmel Euch tragen.

Da oben spreng ich mein enges Gefängnis,
nach siegreicher Tat
zum Boden ich stürze,
wo spielende Kinder
neuwordenen Jahres
mich finden.

Lass doch die uralten Sterne,
lass die Götter es dulden,
Du, – ihr unnennbar Gebietendes.
Uns aber segne beim Tun
und beim Lassen .
Gib, dass es werde,
schenk, dass es daure
hilf, dass es glücke.

Amen um Amen …

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