zum Ewigkeitssonntag


Kurfürst Friedrich der Weise hat jede Menge Reliquien gesammelt. Da war ein Büchlein mit allen diesen Dingen gedruckt worden. Und so kamen die Menschen – jahrzehntelang. Der Reliquien und des Heiltumbüchleins wegen.

Endlich ist nun auch Kurt Globnich gekommen. In seinem 92. Lebensjahr (2016) wagt er die Reise nach Wittenberg. Er hatte zwar schon viel erlebt, aber das alles wollte sich bisher nicht zur Erfahrung ordnen … 

Schlosskirche Wittenberg. Es riecht nach frischer Farbe. Von den Säulen herab staunen die fortschrittlichsten Katholiken, welche das 16. Jahrhundert aufzubieten hatte. Würdig blicken sie als Steinfiguren in das Kirchenschiff hinab, von wo aus die Leute zu ihnen empor staunen. Auch Kurt Globnich. Aus seinem Rollstuhl. Eine Frau kommt auf ihn zu. „Kann ich Ihnen helfen?“ Globnich verlangt das Büchlein. Die Frau: „Welches Büchlein?“ Globnich: „Um dessentwillen alle kommen“. Sie erschrocken: „Dass kann ich ihnen nicht reichen! Es liegt vorn auf dem Altar für den Gottesdienst.“ Globnich: „Jetzt ist Gottesdienst!“ Die Frau weigert sich. Globnich: „Wenn Sie es nicht herbringen, mach ich Geschrei!“ Er reckt sich in seinem Rollstuhl so gut es eben noch geht. „Ich bin am Todestag Friedrich des Weisen geboren. Nur 400 Jahre später am 5.5.1925 – und will jetzt sein Büchlein berühren. In meinem hohen Alter reiste ich her. Um des Buches willen. Werden Sie erst mal 91. Wie alt sind sie denn überhaupt?“ Die Frau antwortet verdattert „Fünfundsechzig.“ – „Her mit dem Büchlein, junges Ding!“ Die Frau berät sich mit dem Küster. Dann bringt sie das auf dem Altar aufgeschlagene Buch zu Globnich. Kein Büchlein, sondern ein richtig schweres Buch. Legt es ihm auf die Knie. Globnich liest. „Alles hat seine Zeit.“ Er murmelt: „Das kenne ich. Das haben die Puhdys gesungen.“ Blättert weiter. Und liest. Und blättert. Die Frau wird nervös, Touristen haben bereits einen Kreis gebildet. Um Globnich, den Leser, und sie, die die Verantwortung trägt. „Geben Sie´s zurück. Sie hatten Ihren Willen.“ Globnich nickt. „Nur das noch: ‚Und er wird Tränen abwischen von ihren Augen, der Tod wird nicht mehr sein, kein Leid, kein Geschrei.‘“ Globnich nickt. Sehen Sie, junge Frau, nun habe ich es berührt! So war ich Kurt Globnich heiße – man muss im Leben das Wesentliche berührt haben. Dann kann man auch getröstet sterben.“

Ihr Kommentar (Name, Mailadresse und Webseite können leer bleiben)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s