Der Turm zu Babel (Genesis)

Der Engel rührte mit den Blätterzweigen
erst an die Ohren mir, dann an das Hirn.
Da wurde es, als ob wir beide steigen

bis an des Turmes Ragen höchste Stirn.
Mein Führer rief: „Es wird sich noch beweisen,
den Bauenden, wohin sie sich verirr´n.“

Dort oben war der goldnen Sonnen Kreisen
und Monde geh´n auf feiner Silberbahn.
Es war ein Kommen und ein Geh´n der Reisen

und, allem über, wir Betrachter sahn,
wie Gott, der HERR, in seinem Sitze thronte,
hinabschaut auf der Menschen Schaffenswahn,

doch sie und ihrer Werke milde schonte.
Hört, wie er fragt, ob man hinunter steigt?
Zu schauen, ob der Turm zu etwas lohnte.

Die Engel zeigen sich dem Ruf geneigt,
man fährt hinab wie tausendfache Bäche
und keiner ist, der noch im Himmel bleibt.

Es fährt der HERR zur Erdenoberfläche,
dass er mit seinen Menschen ernsthaft spräche …

Wir zwei indes verweilen an der Spitze
des Babelturmes weiter unverwandt.
Erspähen durch die kleine Wolkenritze

des Turmes Fundament im Wüstensand.
Sieh da, der Zwerge, kaum noch auszumachen,
Gestreite hören wir, das heiß entbrannt.

Der eine plant mit irrwitzigem Lachen,
ein anderer zerreißt mit Hass den Plan.
Hier drohen Lastenträger zu verschwachen,

gleich schlägt ein Dritter neue Pläne an.
Zwei sind im Streit, man sieht sie heftig hadern,
denn dieser misst, was jenem gilt als Wahn.

Mein Engel steht mit mir ob allen Quadern
und sagt: „Dort in der Mitte, das ist Gott.
Schau, wie er redet zu den Steinabladern,

die Loren schieben müssen stets im Trott.
Er schenkte ihnen Zauberzahlenzeichen,
um frei zu machen sie von Hüh und Hott.

Jedoch nur stärker greifen sie die Speichen,
und wollen nicht der argen Fron entweichen.

Es ward der HERR von uns, den Engeln allen,
noch vor dem ersten Schöpfungswort vermahnt.
Sein Menschenmachen konnte kaum gefallen.

Wir, seine Diener, haben gleich geahnt:
Es wird nichts werden mit den Gotteskindern,
zwar gut gemeint, doch völlig falsch geplant.

Die Kraft der Freiheit würde es verhindern,
dass er, der Mensch, das Glück des Seins genießt.
Er wird sich rechnen zu den schlimmsten Sündern,

und wollen müssen, was ihn bald verdrießt.
Nun aber er, Gott, will uns das nicht glauben.
Wir flehten ihm, dass er es nicht beschließt!

Doch schon hinaus flog es wie frohe Tauben.
Drei große Worte: „Fruchtbar! Mehret euch!“
Gott wollte ihnen „Gott zu sein“ erlauben.

O Freundin, hörst du dieses Baugeräusch?
Sie wollen sich den Namen selber schaffen,
den längst er ihnen schenkte! Das enttäuscht.

Und wurden täglich alberner als Affen,
die sich im Spiegel ständig selbst begaffen …

Wir standen lange noch und hör´n von unten,
wie Gott im Turm die Menschenkinder lehrt.
Dann aber schließlich ist er doch verschwunden.

Und niemand mehr, der ihrem Wahnsinn wehrt.
Die frommen Zahlen eins bis sechs und sieben
ließ er in ihrer Hand. Jedoch verkehrt

stell´n sie sich an. Sie halten nicht. Sie lieben
das Werk, das niemals aufhört, nimmer hält.
Sie heben, tragen, senken, schaffen, schieben.

Darum zerschellt durch eignes Tun die Welt.
Der Schöpfer kehrt zurück. In tiefer Trauer
setzt er sich auf den Thron, der Vorhang fällt.

Bald zwischen hier und dort wächst nun die Mauer.
Die Wand, die Gott vor Menschen deckt und schützt,
und sein Geheimnis hütet auf die Dauer.

Der Turm blieb unvollendet und er nützt
den Suchenden als Mahnmal für ihr Fragen.
In seine Krone fiel der Zeichen Blitz:

Nur Reste sind es, die nach oben ragen
und der Geschichte große Rätsel klagen …

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