dicht bei Endor (1.Samuel 28,4-25)

bildschirmfoto-2017-01-28-um-10-27-41

„Wir müssen nun“, so sagte bang mein Bote,
„zur Ebene, die Sterblichen meist fremd.
Du lernst sie kennen als Bereich, wo Tote

inständig hoffen, dass man sie noch kennt.
Hier ist der Lagerplatz für jene, die schon waren,
und die das Sein noch ungeboren nennt.“

Ich blickte auf und sah unendlich Scharen
von Wesen, angetan mit langem Kleid.
Die wandelten und oben schwebten Aaren,

und einer wacht für jeden allezeit.
„Das sind wir Engel“ sagte mir mein Führer,
„und ich bin jener, der für dich bereit!

Wir sind Geleitende und wache Spürer.
Bewahren eure Seelen vor dem Geist.
Tritt jemand an des Lebens offne Tür, er

sieht niemals gleich, dass auch von uns zumeist
sich einer aufmacht in die Weltensphären,
geleitend durch das Leben. Das beweist:

Wir werden jeder Wandernden gewähren,
Trost, Hilfe auch in ihres Seins Gefähren.

Genau das aber bleibt den Allermeisten
verhüllt. Doch ist auch Möglichkeit zu schau´n.
Diejenigen, die mutig hierher reisten,

sie blieben oft gefangen wie im Traum.
Es gibt dort eine Spalte in den Mauern,
wer durchblickt, kann dem Sehen nicht mehr trau´n.

Ich warne dich, durchaus auch mit Bedauern:
Vor einem Weib im fernen Land Endor.
Sie hat die Unglücklichen aufzulauern,

und sie ist klug, mit List zieht sie hervor,
was uns verborgen blieb dank Gottes Gnade:
Das Wissen von der Zukunft offnem Tor.

Da, schau! Schon nahet sich auf krummen Pfaden
ein Suchender. Kennst du den König Saul?
Sie wird ihm helfen! Doch zum großen Schaden.

Schon schreckensbleich erschlafft dem Mann das Maul.
Denn sieh, ihn traf der Größte von den Sehern.
Er stürzt vor Samuel hin mit Gejaul.

So geht´s nicht selten neugierigen Spähern,
der Hexe wegen, der wir uns jetzt nähern.

Wir stiegen über den Bedauernswerten,
ich frage, wo das Weib zu Endor sei?
Er schaut mich an, wie einer der Gelehrten,

ein buntes Büchlein hat er mit dabei.
Drin wies er mir viel krause Charaktere.
Und spricht mit angenehmer Stimme zweierlei:

„Der Ort Endor liegt jenseits aller Meere
und birgt in jedes Menschen Seele schief
sich ein. Dass er das Leben nicht beschwere,

der Schöpfer selbst den Ort zur Ordnung rief.
Damit er aber noch im Sein verbliebe,
fügt Gott der Zeit ihn ein als Wunde tief.

Die Wunde schließt er zu mit sanftem Hiebe –
das Weib zu Endor reißt sie wieder auf.
Sie zwingt die Ewigkeit in wilder Liebe,

und zerrt das Niegeschehene herauf.“
Ich rief: „Lass uns den Spalt alsbald verschließen!“
So bat den Engel ich leicht obenauf.

Er aber gab mir Antwort zum Verdrießen:
Ein Festmahl ist mit Salz nur zu genießen …

Endor bedeutet „ohne alle Zeiten“.
EN – das ist „nicht“ – und DOR „Generation“.
Es gibt dort auch kein Nacheinanderschreiten,

der Vater ist der Enkel, ist der Sohn.
Die Frau ist Mann, die Menschen sind die Tiere –
und wer was sagt, vergisst es dadurch schon.

Der, wer vergisst, wird sofort zum Scharniere,
denn alles Wissen kommt ihm gleich sofort.
Und keiner ist, der diesen Zwang blockiere.

Doch, Katharina, fürchte nicht den Ort.
Betrachte ihn getrost im rechten Lichte,
schau durch das Glas aus Christi gutem Wort.

Und als er´s sagte, führt er zum Gesichte
mir eine Linse, wie in Rohren sind,
dass man auf Schiffen sie zu Fernen richte,

und Kurs gehalten werden kann im Wind.
Ich aber geb nicht nach mit vielem Fragen.
Da sagt er sanft zu mir: „Kind, bist du blind?

Du selbst sollst sein das Weib in diesen Tagen.
Das Bibelwort dein Glas. Nun lass das Zagen.