… aber am vierten Tage …

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Maria, Jesus und Martha im Fenster
Das Chaos des Zufalls hatte auf der Fensterscheibe wochenlang sein großes Werk erstehen lassen. Entropie. Die Abbildung des Unendlichen im gläsernen Viereck dreißig mal dreißig. Millionen Regentropfen und die liebe Sonne, der schweifende Wind und der ewige Staub – also alle vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde ließen die Zeichen ihrer ewigen Präsenz auf dem Glas zurück. „Es ist doch tröstlich“, dachte Maria, „dass wir nicht allein sind. Diese vier Großen sind immerdar bei uns.“ Und sie versuchte, in dem Gewimmel der Formen und Flecken die edlen Gestalten des Adlers, des Stierkalbes, des Löwen und des zeitlos guten Engels zu entdecken. Tatsächlich – da waren sie. Der Stier für die Erde und den Staub der Erde, der da an der Scheibe haftete. Der Adler, der sich über der Flut der Wassertropfen der Ozeane erhebt und von Zeit zu Zeit herabstößt, um den Fisch zu ergattern. Dann dieser Engel, der in den Lüften schwebt und die Sphären durchmisst – von oben nach unten und von unten nach oben. Und noch der Löwe, dessen Mähne blitzt wie das Licht der Sonne, das durch den Staub zu uns herein blinzelt.
So etwa oder noch ein bisschen mehr dachte Maria, als der Meister Jesus gerade eben von der Schöpfung erzählte, beim vierten Tage war er angekommen, wo Gott die Sonne und den Mond schuf und die Sterne, welche Zeichen geben vom Himmel auf die Erde.

In der Küche poltert es laut. Martha kannte diese Jesus-Geschichten alle schon. Sie hatte in der Schule im Religionsunterricht lauter Einser bekommen. Ja, sie kannte alle Geschichten in und auswendig, konnte sie hererzählen und hatte sogar welche zusätzlich noch dazu erfunden. Kennt ihr die, wo Jesus am Schluss die Maria Magdalena bekommt und sie miteinander Kinder haben. Nein? Fritz und Franz! Und wo sie sich ein Wüstenrothäuschen bauen und der Jesus die Gattin nicht betrügt, sondern ihr einen Roadster schenkt – zwar gebraucht, aber immerhin? Und wie sie im Hauskreis schöne Lobpreislieder singen. Zur Gitarre wie Martin Luther? Weil sie schon alles weiß, ist sie in der Küche. Es gibt gleich das Essen und sie hat es gekocht. Noch die Töpfe wegräumen, damit hinterher man gemütlich einen Kaffee trinken kann und nicht gleich wieder in die Küche muss. Martha ist eine große Strategin, das schätzen alle an ihr. Sie kommt in das Zimmerchen, wo Jesus erzählt und Maria träumt und das Licht durch die Scheiben fällt. Martha sieht nicht den Löwen, den Adler, den Stier und nicht den Engel. Sie sieht nur Dreck und eine ungeputzte Scheibe. Da schämt sie sich und holt einen Lappen. Aber wenn sie jetzt putzt, wird das Essen kalt. Ratlos wirft sie den Lappen der Träumenden in den Schoß und fährt dabei Jesus eine Idee zu scharf an – „Meister, sage ihr doch, dass sie endlich die Fenster putzt. Man kann ja gar nichts mehr sehen!“ Eine peinliche Stille entsteht und Jesus löst die Situation, indem er das Tuch nimmt und die Scheibe blank reibt. Genial. Erst innen und dann außen. Jetzt sagt er: „Diese Scheibe ist wie Martha und Maria. Man kann von dieser oder jener Seite hindurchschauen. Man sieht immer Martha, wenn man durch Marias Seite blickt. Und umgekehrt, – Maria, wenn man es von der Marthaseite aus betrachtet.“ Alle lachen, wenn auch nicht alle alles verstanden haben Man muss nicht immer alles wirklich gleich verstehen. Die Zeit tut Wunder. Nun wird gegessen. Der Kaffee schmeckt auch. Und als am Abend Jesus sich verabschiedet, da sind die beiden jungen Frauen zufrieden. Jede auf ihre Art. Denn Jesus hat beim Abschied beide umarmt. Und dabei die Maria, so sagen manche, sogar geküsst.

Übrigens – es ist völlig egal, dass es zur Zeit Jesu noch keine Verbundglasscheibenfenster gab, genauso wenig wie Espressomaschinen.

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