Judas und Jesus

Sankt Marie-Madeleine (Vézelay)

Schon eilte Judas zu den Gartenbäumen,
die noch zur Nacht gehört, wie Jesus schrie.
Und steigt empor ins Astwerk ohne Säumen,

weil er sich den Verrat wohl nicht verzieh.
Ein kurzer Blick, die alten Sterne droben –
er springt und hängt verröchelnd wie ein Vieh.

Als früh den Tag die Sonnenstrahlen loben,
ward so, weil Christus starb am dürren Holz,
auch dem Verräter noch das Haupt erhoben,

des‘ Kummer groß, doch größer noch sein Stolz.
Auf ihrem Wege nun zu Hades´ Tiefen
begegnen sich die zwei – das Schicksal wollt´s.

Zwei Seelen reisen hin. Als Schatten liefen
ein Meister und der Schüler, der verriet.
Die Worte hört, die beide dabei riefen:

„Ich bitt´dich Meister, dich, der alles sieht:
Vergib mir meiner Torheit schlimme Taten,
vernimm mein Armesündersreuelied.“

Und Jesus sagt, als sie den Fluss durchwaten,
„Stets denen ich vergebe, die mich baten!“

Sie klopfen beide an vor schwarzem Throne,
des Totenwächter Plutons grausem Sitz.
Hier werden ausgezahlt die wahren Lohne,

Persephonai naht leichten Trippelschritts.
Ihr Hündchen Cerberus birgt sie am Mieder,
laut mault es aus des Rachens Dreierschlitz.

Christ zwingt dem Biest die frechen Blicke nieder
und spricht „Wir kamen in des Hades Raum,
weil uns des Todes Werke sind zuwider.

Zum Ende komme heut der böse Traum.
Freund Judas ist mein Jünger und wird bleiben.
Ich aber mach mich auf zum Lebensbaum.

Er mag den Leuten hier die Zeit vertreiben,
das Evangelium verkündend Wort für Wort.
Betrachtend tief hier unten euer Treiben,

zu spenden Hoffnung diesem düstren Ort.
Zum Vater in die Himmel muss ich fahren,
du, Judas, aber führe alles fort.

Doch vorher werd´ ich dir den Leib bewahren –
zur frohen Auferstehung einst in Jahren.