die beiden Frauen … (Markus 5)

Im Dunkel tiefer Wälder wohnen Quellen –
als  unsichtbare Rätsel. Hörbar nur …
Weit draußen rinnen Bäche, deren Wellen

die Wiesen tränken, Weiden und die Flur.
Dann fallen diese Bäche in die Flüsse –
und weiter führt des Wassers alte Spur,

bis eines Tages alle nassen Güsse
sich einigen am blauen Ocean.
Dort heben alter Bäume Wurzelfüße

im Nebeldunst dem Himmel es hinan.
Im Leib der Pflanzen, Menschen und der Tiere
vollendet dann das Wasser seine Bahn.

Im Blute treibt es an die Kraft der Stiere,
dein Leben endet ohne seinen Saft.
Es strömt dir treu durch Lunge, Herz und Niere.

Wenn´s nicht mehr strömt, gilt man als hingerafft.
Nun hört, was einst geschah in unsern Tagen –
ein Weib war krank. Zwölf Jahre Dauerhaft.

Ihr Schoß litt viele tausend schlimme Plagen –
und war mit Blut und Ausfluss hart geschlagen.

Zwei Dinge hört sie. Jesus kommt zur Stätte,
ein Mädchen läg zu Tod, gerad zwölf Jahr …
Fast scheint ihr, dass sie die als Schwester hätte;

mit schwarzem noch, sie selbst schon graues Haar.
Das kleine Ding, es soll wohl nicht mehr leben.
Sie selbst will auch nicht mehr, das wird ihr klar …

Viel Hab und Gut an Ärzte fortgegeben,
und niemand teilt mit ihr das Schlafgemach.
Zum Meister hin sieht sie die Leute streben;

Erinnerungen werden in ihr wach.
Sie denkt, wenn ich nur wagte jetzt zu rühren …
mit meiner Hand an seine hellen Kleider, ach –

das würde doch mein Blut zum Ziele führen:
Vorbei soll gehn die Scham, vorbei der Tod.
Ganz offen stünden mir des Lebens Türen.

Und seht, sie geht zu ihm in großer Not.
Und wähnt von fern, er könnt es nicht bemerken,
Da wendet er sich um – und sie wird rot.

Die Gottheit rief sie her, in ihr zu werken?
Gebt acht, nun kennt des Leibes schlimme Stärken.

Als Jesus und das Weib dort im Gedränge
von Angesicht zu Angesicht sich sehn,
schwoll an zum Chor der Menschen große Menge,

und himmelwärts des Trubels Wogen gehn.
Der Meister ruft hinein in Lärm und Tosen:
„Wer griff mir an´s Gewand, was ist geschehn?“

Die Jünger tadeln: „Herr, man wird gestoßen,
zu viele drängten her, der Platz ist voll!
Denn schau, grad starb die Schönste aller Rosen,

wir wissen nicht, was deine Frage soll!“
Das Weib jedoch zu Boden ist gesunken –
und ihre Antwort öffentlich erscholl.

Inmitten einer Straße, wonnetrunken,
berichtet nun die Frau, was ihr geschah.
Vorbei die Scham, gezündet hat der Funken,

sie wird des Blutens Stillstand froh gewahr.
Dicht neben ihr setzt ab man hart die Bahre,
das Mädchen liegt darauf – so fern, so nah.

Der Meister sagt das einzig wirklich Wahre:
„Nur großes Glück löst aus des Todes Starre.“

Wie damals schon, als Gott am ersten Tage
mit dem „Es werde Licht!“ die Schöpfung rief,
legt Jesus beide Frauen auf die Waage,

die eine lebt, die andere entschlief.
Zwölf Jahre ist die Junge alt geworden,
zwölf Jahr das Blut der alten Frau zerlief.

Die beiden Zahlen eint er nun dem Orden
der vierundzwanzig Engel. Und ihr Heer,
mit sieben, fünf und drei und zwei Akkorden

gestaltend, schwebt es überm blauen Meer.
Der Drache muss das Mädchen wiedergeben:
„Talitha Kumi!“ lockte sie der gute HERR.

Da wacht sie auf – und in ein neues Leben,
zurück ließ sie der Krankheit leeres Bett.
Drauf Lobgesänge hört man sich erheben:

„O grauser Tod! Wo ist dein Bajonett?
Doch Jesus mahnt: „Gebt beiden was zu essen!“
Darauf begann für alle ein Bankett.

Ich habe zu berühren wohl vergessen
den Meister oft. Und litt infolgedessen …