von Abraham und Isaak, dem HERRN, von Gott und dem Versucher

Geliebte in dem Herrn, die Schrift mutet uns mit der Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak etwas zu, was Eltern nur mit allergrößtem Zittern und Beben zu buchstabieren vermögen. Noch zumal, wenn sie diese Geschichte ihren lauschenden Kindlein vorlesen, fällt es besonders schwer und wird kaum unmöglich sein, ohne Tränen in den Augen und Schluchzen der Stimme bis zu jener Stelle vorzudringen, wo der Knabe Isaak seinen Vater nach dem Aufenthalt des Opfertier fragt, das er nicht sehen kann – aber selber sein soll …

Eine schlimme Geschichte? Ja und Nein. Denn es sind schon Generationen von Geschlechtern an dieser Geschichte nicht gescheitert, sondern im Gegenteil innerlich gewachsen und es hat sich der Begriff von dem Gotte der Juden und Christen recht eigentlich nur vermittels dieses unerhörten Berichts vom Berge Moria erst entwickeln können. Entfalten können bis hin zu jenen Höhen, auf deren Gipfeln der Begriff nun angekommen ist und hier auch seitdem hat verbleiben dürfen. Denn Petrus und die Donnersöhne durften damals auf Tabor keine Hütten errichten. Aber der kirchlichen Lehre, wo dieselbe von dem Gotte der wirklich Erlösten handelt, wurde gestattet, in den lichten Wolken knapp unter der Feste des Himmels ein ewigliches Zelt aufzuschlagen. Und von hieraus überschaut unsere Kirche seitdem die Fläche des gesamten Erdkreises und alle Theorien von Gott, Göttern und dem Höchsten, Wahren, dem Schönen und Guten.

Wir nun nahen uns von Zeit zu Zeit dieser bescheiden aussehenden Hütte, die doch aber den Palast des Sinns des Sinnes überhaupt darstellt – und wir knien gern vor und manches Mal auch zitternd in dem Zelte. Von hierher empfangen wir, nachdem uns Wissen und Kenntnis zugekommen ist, den Trost und Zuversicht, die aus dem Verständnis der heiligen Schriftdinge sich von selbst ableiten.

Richten wir nun aber unsere Aufmerksamkeit auf den Text jener unsäglichen Geschichte, die am Anfang so grausam anmutet, am Ziel jedoch ein gutes Ende hat, über das man sogar lachen kann, wie es ja auch der Bedeutung des namens Isaak voll und ganz zukommt. Gott, so heißt es da, hätte dem Abraham den Auftrag gegeben, seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie gut, dass an dieser Stelle der Griffel nicht den Namen des HERRN als Auftraggeber verzeichnet, sondern den Namen der Elohim niederschreiben musste. Warum sage ich das, Geliebte in dem HERRN?Elohim ist ganz ohne Frage einer der großen Würdenamen, welcher Unendliches meint und Edles bezeichnet. Aber diesem Namen haftet doch auch das Schillern und Gleisnerische der Schlange an, jener nackten und deshalb listigen Kreatur, die der wirkliche und einzige Gott (den wir lieber den HERRN nennen wollen) kurz vor dem Menschen am sechsten Tage noch erschuf, so wie jedes Rad eine Nabe braucht, um die es kreist und jeder Brunnen ein tiefes Loch, in den der Eimer fällt, um das köstliche Nass emporzuschaffen. Der Text von den Opferung Isaaks und Abrahams kennt freilich auch das Tetragrammaton. Ganz am Schluss der Geschichte hören wir, wie der HERR Abraham dafür belobigt, dass er diesem schrecklichen Irrtum habe verfallen können. Der Irrtum war der, er, der HERR, könne tatsächlich das Liebste zu opfern fordern.

Was war geschehen? Antwort, Teuerste, will ich euch jetzt geben: Ihn, den HERRN, können wir Sterblichen nicht als den erkennen, der er ist. Wir vermögen allenfalls seiner Herrlichkeit hinterher zu blicken. Das bedeutet, um Gott als den HERRN zu erkennen, muss Gott uns selber als der HERR zu Hilfe kommen. So schickt er seinen Engel und lässt ihn zu Abraham sprechen. Dieser Engel ist nicht der Engel Gottes, sondern er ist der Engel des HERRN, der dem verzweifelten Vater in den Arm fällt. Und es war auch nicht der HERR aller Engel, der Abraham aufforderte, seinen Sohn zu schlachten und zu verbrennen, sondern es war jener andere eine Engel, der klüger blieb als alle anderen auf dem Felde. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass Gott oft nur der als Gott verkleidete Satan in seiner zwingenden Pracht war, dem wir dachten folgen zu müssen. Der Böse vermag sich ja bekanntlich in alles zu verleiden – nur nicht in den HERRN. Oft ist also das, was Menschen als Gott benennen, nur eine neue und bisher unbekannte Verkleidung dieses Engels, der sein eigener Herr und Gott sein will. Das ist der Satan, kein anderer! Einer alten Tradition nach habe der Satan – denn kein anderer war es, der versuchte Abraham zum Kindesmord anzustiften – dem von ihm angestifteten blutigen Ereignis beiwohnen wollen und sich deshalb in einen Widder verwandelt. In unmittelbarer Nähe versteckte er sich in einem Gestrüppe, in einem Dornbusch. Es war derselbe Dornbusch, in dem sich später auch der Name des HERRN dem Mose offenbaren wollte. Daselbst nun möchte sich der Satan wohl verstecken? Dort, wo die Wahrheit wohnen wollen wird? Was ihm auch gelang – und dann doch nicht zum Guten ausschlug. Abraham nämlich, nach dem Ruf des rettenden Engels, und befreit von der großen Last der Sorge um sein gottgefälliges Handeln, Abraham also, noch im Banne der Ansicht, ein blutiges Opfer vollziehen zu müssen, entdeckte den Satan im Dornbusch der Offenbarung, die einst Mose sollte zuteil werden, der Gott in seinem ewigen Namen entdecken wird. Der Arm, der den Sohn Isaak hatte eben gerade fahren gelassen, griff sich, noch mit dem Schwung des Gehorsams versehen, griff jenen als Widder verkleideten gefallenen Engel und führte sauber den Schnitt durch die Kehle des Verführers und Imitator Gottes. So war Satan also Beobachter einer Opferhandlung, die dadurch gelang, dass der Beobachter selber jenes Opfer wurde, zu dem er Isaak hatte werden lassen wollen. Und auf diese Weise war Satan vorausschauend bereits Zeuge seiner später durch Christus endgültig bewirkten Niederlage.

Geliebte in dem HERRN. Ja, so will ich euch nennen. Nicht Geliebte Gottes, sondern Geliebte in dem HERRN. Denn in und unter dem Namen Gottes verbirgt sich oft, wie wir in dieser Geschichte vorgeführt bekommen, nichts anderes als der böse Feind des Menschen, welcher keine Gelegenheit auslässt, uns gerade mit und an demjenigen, was uns am meisten heilig ist, zu täuschen. Geliebte, Abraham lernte an jenem Tage oben auf dem Berge, dass der Herr nicht Gott ist. Aber der HERR ist der HERR, – er ist das SEIN und sein ist das Sein. Und der Begriff Gottes ist mit der Geschichte von Isaak, dem Widder, dem Engel, dem Berg, der Wüste und Gottes des HERRN für die nächsten Äonen neu definiert worden. Gott aber, wo er nicht der HERR (also nicht Gott) ist, hat sich herausgestellt als der Satan … So ist also doch noch alles gut geworden. Was der Text so ausdrückt, dass er uns den Berg vorstellt als Ort, wo der HERR sieht! Und wir wollen, wenn wir hören, dass da wieder ein Gott angeblich etwas gesagt oder gar gewollt und von uns gefordert hätte, abwarten, was der Engel des HERRN dazu sagen wird. Und wollen die Dornenhecken um uns herum dabei wohl in Acht nehmen …

(Pseudogregorius / de veritate omnium XIII)