Christus erlöst die Götter

Das Leipziger „Museum für bildende Künste“ hat in mehreren Jahren und mit viel Geld Max Klingers Gemälde „Christus im Olymp“ restauriert. Seit dem 18.Dezember 2008 kann man nun endlich wieder betrachten, wie der mit einem goldenen Gewand bekleidete Christus den Olymp (Wohnsitz der alten Götter) besucht. Vier bekleidete schön und ernst blickende Frauen (die Kardinaltugenden) tragen ihm das Kreuz nach – das Kreuz als Zeichen eines durch Schicksal bezwungenen Leidens. Die Furien fliehen, die antiken Göttinnen Athene, Artemis und Aphrodite gehen nackt in den Hintergrund. Zeus (der Göttervater) scheint in den steinernen Thron zurückweichen zu wollen. Die ganze Gesellschaft scheint nicht wirklich erfreut zu sein – über den bekleideten Gast.

Nur eine einzige Gestalt scheint von der Gegenwart Christi zu profitieren: Psyche, die nackte Seele. Klinger hat sie so gemalt, wie es ihr oft ums Herz ist. Sie wirft sich nieder und fleht um Befreiung von der verfluchten Bindung. Eros alias Cupido alias Amor, dem sie ihr Leben weihen mußte. Ein blaues Band (wunderschön von Klinger in der Farbe getroffen) verbindet nicht nur, sondern fesselt die Seele an ihn – „Befreie mich“!

Christus kommt also zu den Göttern und befreit dort die Seele von ihren göttlichen Fesseln. Spätestens seit diesem Monumentalgemälde, dass als Dauerleihgabe aus dem katholischen Wien bei uns im sächsischen Leipzig zu sehen ist, hat sich die törichte Rede von den „religiös gebundenen Christen“ als Gedankenlosigkeit überlebt. Da ist ja niemand gebunden. Im Gegenteil: Die Gegenwart Christi befreit von Fesseln – besonders von den religiösen.

Ein anderes großartiges Bild ist, wie nun auch der Olymp seinerseits zu Christus kam. Und zwar in den Stall seiner Geburt. Von den alten Planetengöttern geleitet, die auf Klingers Altargemälde zu sehen sind, kommen mehrere astrologisch ambitionierte „Könige“ aus dem Kompetenzzentrum der Sternenmagie zu dem Jesusknaben. Und so kommen auch sie mit ihrer Seele von allen alten Bindungen los. Sie lassen Gold, Weihrauch und Myrrhe zurück. Die drei Weisen neigen sich vor dem nackten Gotteskind. Die beiden Szenen korrespondieren miteinander. Die Götter im Stall / Christus im Olymp.

„Ihr habt mich damals doch besuchen lassen, als ich geboren ward! Nun komme ich selber zu euch, da ich erwachsen bin, euch zu erlösen – wenn ihr es wollt!“ Es ist sehr anrührend, wie die alte Welt des suchenden Heidentums von Christus gefunden und dadurch gewürdigt wird. Und wie die greisen magischen Könige im Stall einer jüdischen Herberge ihre imaginäre Welt des Schönen wirklich realisiert finden – und den Schein stehen lassen. Ganz ohne Zwang, nicht durch einen Tag des Zorns, nicht durch List. Der Anblick des nackten Lebens bedeutet ihnen mehr als Macht (Gold), Priesterlichkeit (Weihrauch) und Heilkunst (Myrrhe). Sie werden von den Begierden nach großer Bedeutung frei. Ihre Seele löst die blaue Fessel. Und sie kehren nach dem Besuch anders wieder zurück. Das ist das Thema der Epiphanias-Zeit. Das Göttliche erscheint – und befreit von falschen Bindungen an Fesseln. Und es führt in die Passionen.