Ostern – immer wieder neu …

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Der Auferstandene bahnt sich seinen Weg durch die am Boden verstreut umherliegenden Waffen der besinnungslos gewordenen Wächter. Es kam einiges zusammen. AR15 und M16, Glocks aller Kaliber und ein paar undefinierbare Gegenstände, was die Leute eben alles so haben. Es tat ihm ein bisschen leid, dass er als Auferstandener sie zu Tode erschreckt hatte. Das war eigentlich nicht sein Stil. Aber Resurrectio ist eben ein besonderer Akt – und die Extremisten jedweder Art, Linke und Rechte, sind enorm schreckhaft. Das ist bekannt …

Die Sonne war fast am Aufgehen und er rief den Engel aus dem Stein, der auch sofort heraustrat und ihn anlächelte. Es hatte lange gedauert, ihm den etwas antiquiert anmutenden Spruch „Was befiehlt mein Gebieter?“ abzugewöhnen. Aber Zeit spielte ja keine Rolle mehr, seit die Ewigkeit angebrochen ist. Was war nun zu tun? Der neue Leib jedenfalls fühlte sich gut an, man konnte damit feste Gegenstände durchdringen, es gab dann jedesmal einen sanften Widerstand. Irgendwas mit autointelligenter  Quantenfluktuation wird das wohl sein … Es fühlte sich so an, wie es ist, wenn man früher mit den Zwölfen bis zur Hüfte am Ufer des Genezareth im Wasser gelaufen war, – aus reiner Freude am Leben. Die Wunden waren noch da, aber bluteten nicht mehr. Es hatte sich am Wundrand so eine Art Perinäum gebildet, kein harter Schorf. Die Haut war jedoch sehr empfindlich. Man musste halt noch ein bisschen vorsichtig sein.

Die Dinge, die vorgestern (komisches Wort, da es nun keine Zeit mehr gab) noch geredet hatten, blieben jetzt weite Strecken schweigsam. Aber alles, was Ding war, verströmte irgendwie eine große Grundsympathie. Es hatte eben zu nieseln begonnen und ein Regenbogen war am Himmel schon zu ahnen. Denn jetzt ging die Sonne tatsächlich auf und der Auferstandene hörte das eiserne Pförtchen sich in den Angeln drehen – da waren sie. Genauso wie er es eben geträumt hatte, als er noch tot war. Die Frauen mit den Salbenbüchsen nahten sich.

Unter den Schleiern sah man verheulte Gesichter. Der Auferstandene nahm sofort die Gestalt eines an Engel erinnernden Jünglings an, kehrte rasch ins Grab zurück und setzte sich mit dem richtigen Engel auf den steinernen Grabkasten. Die Waffen wurden durch einen kurzen Blick in alles Mögliche verwandelt – meistens in Blumen oder Zweige. Nur die Heckler&Koch sträubte sich ein wenig, nahm dann aber doch Aststückchengestalt an. Dann waren die Frauen heran – und natürlich entsetzt.

Der Tote war verschwunden und dafür saßen quicklebendig zwei knabenhafte Jünglinge auf dem Steintrog. Der Auferstandene verstellte seine Stimme ein wenig in´s Predigthafte und redete begütigend auf die Frauen ein, während diese vor Furcht und Zittern fast in Ohnmacht fielen. Und das hätte gerade noch gefehlt …

„Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Weit aufgerissene Augen. Aufgerissene Münder. Er muss es wiederholen: „Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch nach Galiläa voran. Erzählt es den anderen.“ Sie sagen immer noch nichts, aber er spürt, dass sie fragen wollen, ob sie Engel wären? Er will es nicht kompliziert machen – und wiegt seinen Kopf, was beides bedeuten kann. Auf jeden Fall deuten die beiden Frauen die Bewegung als „Ja“, denn die Angst weicht etwas aus ihren Gesichtern. Nun fallen sie zu Boden, und er – das heißt eigentlich sie beide helfen ihnen wieder auf. Und dann können sie schon nicht mehr gesehen werden, denn ER hat die Gestalt frischer Morgenluft und goldenen Lichtglanzes angenommen, die nun die Grabeshöhle ausfüllen, und der Engel ist in den Stein zurückgetreten. Die Frauen sprechen bei alledem keine einziges Wort. Sie stürzen auf und davon. Ach, – diese Menschen.

Magdalena war nicht dabei? Sonderbar. Da merkt er, wie seine Gestalt wieder Formen annimmt und sichtbar wird für die Augen der Kreatur. Ein Vogel hat ihn bereits entdeckt, schüttelt in die Richtung des Auferstandenen buntes Gefieder und stimmt die Dur-Tonleitern an. Und da schreitet er aus dem Grab wieder hinaus, so wie Lazarus es ihm vorgemacht hatte – erfreut sich gleich an den Rhododendren. Ja – das ist hier so eine Art Friedhof, die Leute haben Blumen gepflanzt und alles schön geharkt. Das Passafest ist noch nicht vorüber – und jetzt kommt doch noch jemand angerannt? Das ist sie. Seine Magdalena. Allein. Er stellt sich abseits zu einem Häuschen, wo sie diese und jene Geräte verstauen und guckt, was nun wird. Die Frau betritt das Grab und kommt nach einer halben Minute unschlüssig hinaus und weint. Sie hat den Toten gesucht – und nicht gefunden. Aber jetzt sieht sie ihn plötzlich – und spricht ihn an. Mutig war sie schon immer, diese Magdalena. Aber die Erinnerungen an die schrecklichen letzten Tage bewirken, dass sie ihn nicht erkennt, obwohl sie mit ihm spricht. Das Hirn reimt sich ja immer irgendwas zusammen – und so denkt sie, dass er der Grünflächenverantwortliche sein muss. „Haben Sie ihn weggetragen, meinen Liebsten? Dann sagen Sie mir doch wo er liegt. Dass ich ihn noch einmal sehen kann.“

Jetzt also auch noch Sie … Deshalb sagt er (schon ein bisschen vorwurfsvoll): „Aber Maria!“ Und sie erkennt ihn!!! Wie er den Namen sagt, so kann ihn keiner sonst sagen. Sie stürzt auf ihn zu – und durch ihn hindurch. Sie kann ihn nicht haben, kann nicht seine Füße umfassen, und er kann sie nicht halten. Denn er ist zwar wirklich und kein Phantasma, aber sein Körper ist anders, er ist aus Licht und aus Geist. So ist das Ganze für Maria Magdalena zwar ein frohes Wiedersehen, aber zugleich auch ein trauriges. Sie kann ihn nicht haben, denn er ist auferstanden. Sie tut ihm leid, weil sie nun wieder weint. Er sieht ihre Haut an. Wie ist sie in diesen drei Tagen um Jahre gealtert! Er sieht die Falten, die Zähne. Die zitternden Finger mit dem Schmutz des Karfreitags noch unter den Nägeln, als sie sich abwechselnd die Haare raufte und die Erde damit durchgrub – vor Verzweiflung. Und obwohl es ihn schmerzt das zu sagen, sagt er jetzt die berühmten Worte: „Versuche nicht, mich zu berühren, denn du kannst es nicht mehr. Und bin noch nicht aufgefahren zu unserem Schöpfer. Du wirst hier bleiben. Aber berichte meinen Brüdern von unserer Begegnung. Auf diese Weise kannst du mich dann doch haben, – wenn du von heute erzählst!“ Und dann schiebt er sie sachte auf den Weg, den sie gehen muss. Berühren aber geht nicht. So lenkt er sie mit einem Lächeln seiner Augen. Und sie folgt ihm, indem sie geht – zurück in die Stadt.

Als er wieder allein im Garten ist, nimmt er sich vor, seinen Jüngern zu verbieten, von der Auferstehung genauer zu berichten. Das würde dann doch die ganze Welt durcheinander bringen. Man musste noch ein bisschen vorsichtig sein mit dieser Botschaft. Nur Anzeichen soll man geben, das reicht ja aus. Und ja keine Beweise vom ewigen Leben. Das wäre tödlich für den Glauben. Und ohne Glauben gibt es keine Auferstehung.

von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)
 

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