die Lehre von der Leere – Finden und Erfinden

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(Taufschale in Bülzig / die zwei Kundschafter aus 4.Mose 13)

Das alte Bundesvolk führt im Schatze seiner vielen Geschichten, in denen allen vom kommenden Heil erzählt wird, einen sonderlichen Bericht zwölf Kundschafter betreffend, welche ausgesendet worden waren, das verheißene Land zu erforschen.
Wollten wir Heutigen nun selber sagen, was das für ein Land sein müsste, damit auch wir dasselbe für Wert hielten, Worte darüber zu verlieren, würden wir sofort einwerfen, es möge jenes Land sein, wo auch der Tod besiegt worden sein wird, dieser ärgste Feind all derer, die irgendwann einmal das Geschenk des Lebens empfangen haben, denen es aber durch den Tod wieder geraubt werden wird.

Nun wurden also, so geht die Sage, zwölf Kundschafter ausgeschickt. Zehn von ihnen kehrten bald zurück, und beklagten das, was sie gesehen hatten. Obwohl ihre Augen die Pracht kaum aushielten, ihren Ohren der Singsang ganz neuer Töne geschenkt wurde und ihre Gaumen völlig unbekannte Speisen und Spezereien kosten durften, lehnten sie die neue Welt ab und berichteten von ihr auf eine Weise, die den Zuhörenden Furcht und Schrecken einjagte, so dass sie sich solchen Berichts wegen nicht mehr getrauten, selber nach dem Lande aufzubrechen und zu ihm unterwegs zu sein.
Warum gaben sie solcher Art Bericht ab? Warum lassen sich auch die Wächter am Grabe Christi zu sagen verführen, der Leichnam des Auferstandenen sei von seinen Jüngern gestohlen worden? Ist es nur die Macht der Münzen, mit denen man sie bestochen hatte? Das sei ferne! Manche beantworten diese Frage, indem sie sagten, jene Kundschafter und Wächter schämten sich, so wie Adam und Eva sich beschämten, als sie gewahr wurden, wie lange sie nackt im Garten gespielt hatten. Andere wiederum meinen, sie gönnten ihren Gefährten die Freuden dieses Landes nicht, weil sie dachten, seine Herrlichkeit reiche nicht für alle aus. Wer will es wissen?

Was aber ist aus den beiden übrigen Kundschaftern geworden? Diese zwei Abenteurer kehrten gar nicht zurück, sondern erst nach langer Zeit ließen sie wieder etwas von sich hören, und erst, als man nach ihnen geforscht hatte. Es stellte sich dann aber heraus, dass die zwei gar nicht in dem bezeichneten Lande gewesen, sondern zu Hause geblieben waren. In ihrer Phantasie aber erfanden sie das Land; im Geiste sahen sie das, was es noch gar nicht gab. So fanden sie etwas, indem sie es erfanden. Denn, Geliebte im Herrn, ein Mensch kann nur das erfinden, was er zuvor gefunden hat. Und das Gefundene muss auffindbar gewesen sein, weil es sonst nicht hätte gefunden werden können. Über diese ihre Erfindungen gaben sie nun freiwillig und treuherzig Bericht. Nicht hatten sie etwas wirklich gesehen, so etwa, wie ihr den Rauch dort hinten am Gangesstrom seht, wo die Brahmanen die Leichname ihrer gestorbenen Brüder bekanntlich von Feuer verzehren lassen, sondern es hatte sich ihnen dauerhaft eingezeichnet, der Art gleich, wie ihr die Schatten der Grabeswächter in Jerusalem ja auch noch betrachten könnt, denn die Flamme des Engels, als dieser mit einem Blitz herabkam und jenen Stein wegwälzte, auf dem die erschrockenen Gestalten der Soldaten jäh abgeblendet worden waren – indem sie sich nämlich in die Netzhaut des Steines eingebrannt hatten, – genauso war den beiden Kundschaftern ihre Erfindung nunmehr unvergesslich geworden, hatte das Geschehene verewigt. Nichts mussten sie sofort sehen, sondern alles durften sie neu erfinden, denn das Gefundene wollte sich von ihrer Phantasie finden lassen.
Da saßen sie nun und kleideten alles in Bilder ein, denn was wir erkennen, will nicht nackt bleiben, sondern würdevoll in ein Größeres eingefügt werden. Und so erdachten sie also diese wunderbare Weintraube, welche man nur zu zweit tragen kann. Manche nun schenkten dieser Erzählung Glauben und sind deshalb unterwegs, hin zu dem Land ohne Tod. Das sind die Erfindenden und die Findenden, die alles aufspüren, was es gibt oder einmal geben könnte. Es sind die, welche zu suchen versuchen.
Jene zehn anderen aber, wo sind sie geblieben? Ihre Namen sind vergessen und keiner erinnert sich an ihren Weg.

Geliebte im Herrn! Die Geschichte vom leeren Grab ist erfunden worden, weil sie aufgefunden werden wollte. Wir finden uns in dieser Höhle alle von Zeit zu Zeit immer wieder ein, um die Schatten zu bewundern, die der Blitz des Engels auf der Netzhaut hinterließ. Schwankende und niederstürzende Wächter des Todes. Und diesen Befund tragen wir heute von dannen, wie eine große Traube, aus welcher die Hoffnung aller lebendigen Wesen gekeltert werden wird. Keiner kann uns diese Frucht rauben, denn wir haben von ihr gehört.

(Gregorius Thaumaturgos Sermone XIII, 4)

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