… noli me tangere (Johannes 20)

Zum Grab schlich sich Maria früh in Trauer,
am Horizont ging auf das Morgenrot.
Der Wind weht kühl und macht ihr tausend Schauer,

denn Jesus, den sie liebte, starb am Tod.
Drei Tage ist es her, dass sie ihn schlugen
ans Kreuz. Und beide litten große Not.

Am Freitagabend kamen welche. Trugen
den kalten Leichnam fort in einem Tuch,
nachdem sie ihn vom harten Holze huben,

nun ist sie heute hier wie auf Besuch …
Zum Grab hinab! Hinein, um ihn zu sehen,
zur alten Erde. Adams Ort verflucht.

Der Schreck ist groß. Es reißt wie wilde Wehen,
der, den sie liebte, er ist nicht mehr hier!
Wer stahl ihn fort? Sie kann es nicht verstehen.

Erstarrt steht sie, die Hand am Elixier.
Und wieder aus dem Grab empor geklommen,
hockt sie am Eingang wie ein scheues Tier.

Durch Tränen sieht sie, wie Gestalten kommen,
verschwommen nur hat sie es wahrgenommen.

Das ist der HERR, doch bleibt es noch verborgen.
Sie denkt sich wohl, dass der ein Gärtner wär …
Und sieht und sieht ihn nicht vor lauter Sorgen.

Im Wahne dichtet sich das Hirn die Mär:
„Wenn du ihn fort nahmst, sage mir die Stelle –
dann hole ich ihn wieder ungefähr.“

Da ruft er sie von seines Grabes Schwelle
Den Namen sagt er der aus Magdala.
Ihr Name hebt sie an wie eine Welle

und greift nach ihr. Und nun, weil sie ihn sah,
ruft sie erlöst: „Rabbuni, lass dich rühren!“
Wie dicht rückt hier das Weib dem Gotte nah.

„Du willst das Unbegreifbare berühren?
Dich ihm vereinigen mit holdem Tanz?
Weißt du denn auch, wohin dich das wird führen?

Vollende erst dein Erdenleben ganz.
Du darfst mit deiner Hand, der schönen blassen,
erst später greifen in der Sterne Glanz.“

So schieden beide denn an dieser Straßen,
auch ohne ihre Leiber zu umfassen.