Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8)

Und als er lehrte in dem Heiligtume
da ward geschleppt vor ihn ein junges Weib.
Sehr schön war die, gleich einer Dotterblume,

doch hart gefesselt hatte man den Leib.
„Wir konnten sie beim Ehebruch erfassen.
Gesteinigt muss sie sein zum Schuldvertreib!

So hat uns Mose immer machen lassen.
Was sagst denn, Jesus, zu der Strafe du?“
Er spürt der Menge abgrundtiefes Hassen,

als Meister schweigt er und sagt nichts dazu.
Er nimmt sich Zeit, studiert die frechen Fressen,
und lässt sich nieder dann in Seelenruh.

Sie selber alle hätten gern besessen
das Weib für sich und sind erfüllt von Neid.
Der Meister sitzt, sie stehen unterdessen,

und in der Mitte kauert die im Kleid.
Da nimmt der Herr in seine heilgen Hände,
ob wohl ein Weg sich fände aus dem Leid,

ein Zweiglein, das vom Baume fiel als Spende,
und malte Zeichen dort in das Gesände.

„Was schmiert er hier, wo wir doch wissen müssen,
ob man zu Tode werfe sie noch diesen Tag?
Wo gibts denn so was, fremde Männer küssen!

Nun, großer Meister, rede du und sag,
wie wär in diesem Falle zu verfahren?“
Sie schreien laut und holen aus zum Schlag.

Er überschaut der blinden Eifrer Scharen
und spricht: „So hebe auf den ersten Stein,
wer schuldlos blieb bisher in seinen Jahren.“

Dann kniet er nieder dort im Sonnenschein
und zeichnet wieder in dem Staub des Sandes.
Die Schriftgelehrten aber schlichen heim.

Der HERR dem Weib, als jene außer Landes:
„Hat keiner einen Stein geworfen, Frau?“
„Wir sind“ meint die „des gleichen Sündenstandes!“

Und er zu ihr: „Du sagst es ganz genau!
Sie schlichen fort. Ich will dich auch nicht strafen.
Nun sündige hinfort nicht mehr. Doch schau,

was mit dem Zweig durch meine Hand geschehen.
Im Staub ein Bild, wer könnte es verwehen …“