zum Erntedankfest

Einer der besonderen Texte der Bibel ist der 104. Psalm: „Du, Ewiger, bist mit Hoheit bekleidet. Hüllst dich in Licht wie in ein Kleid, spannst aus den Himmel wie ein Zelt. Sturmwind dein Bote, Feuer dein Diener. Du lässt die Quellen sprudeln in den Tälern. Tieren des Feldes spenden sie Trank. In den Bäumen wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. Du formtest den Mond, Maß für die Zeiten. Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde!“
Die Welt wird als Schöpfung beschrieben. „Schöpfung“ meint immer die Korrespondenz zwischen Schöpfmaß und geschöpftem Maß. Die Welt ist kein chaotisch bleibendes Wuchergebilde, sondern ein in die offene Sphäre der Möglichkeiten ausgegossenes Projekt sich selbst treu bleibender Ordnung. Mit anderen Worten: Es ist nicht unvernünftig, einen Sinn hinter allem Sinn zu vermuten. Den Sinn des Sinns. Anders gesagt: Es gibt hinter den vielen schönen Dinge, die wir geerntet haben, Rüben, Kartoffeln, Getreide, Pflaumen und Beeren einen unbekannt bleibenden letzten Verursacher, der selber nicht verursacht ist, sondern alles verursacht. Gewöhnlicherweise kommt dem Nachdenken und Fragen an dieser Stelle der Name Gottes in die Quere. Das Nachdenken schlägt fröhlich um – in Danken, Bitten und Singen. Die klassischen Gottesbeweise haben diese Struktur aufgewiesen: Aus Denken wird Danken. Interesse wird Begeisterung. Aus Reden wird anbetende Stille. Die alten Gottesbeweise fallen heute bescheidener aus – und nennen sich nicht mehr Beweis. Das hat aber auf morgige Gottesdienste in unseren Kirchen keinerlei Einfluss. Die Kirchen duften nach Birnen und Äpfeln. Denn wir feiern Erntedankfest. Man darf die Hände auf dem Traktor falten … Immer noch! Und das ist der Beweis.