Reformation.2017 – Projekt in Rahnsdorf (die Wiedergeburt Luthers aus dem Geiste Katharinas)

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ECCLESIA SEMPER RERFORMANDA. Das stimmt, denn die Kirche muss renoviert werden. An Haupt und Gliedern, von Grund auf bis hin zum Dach. Besonders in Rahnsdorf. Wir haben begonnen, das aus dem 13. Jahrhundert stammende Gebäude baulich in Ordnung zu bringen, wie die anderen neun Kirchen auch schon. Zehn Kirchen gibt es in unserem Pfarrbereich. Technisch gesehen ist Rahnsdorf wohl das anspruchsvollste Bauvorhaben, das teuerste sowieso – und wahrscheinlich auch das interessanteste: Katharina war nämlich hier. Welche Katharina? Sie hat ihre Spur hinterlassen. Eine feine Spur, die nicht jeder gleich sehen wird. Darum haben wir neben allen groben Renovierungsarbeiten am Bau zusätzlich damit begonnen, die Spur Katharinas in den Legenden, die von ihr erzählt werden und erzählt werden könnten, behutsam aufzuzeichnen und nachzuempfinden. Wir sammeln die Legenden um Katharina von Rahnsdorf und verhindern, dass ihre Geschichte der Vergessenheit anheim fällt … Oben sieht man ihr Bild: Eine spätgotische Schnitzfigur, gefunden im Juni 2016 auf dem Kirchenboden in Rahnsdorf. Ramponiert – und doch schön, wie am ersten Tag.

Katharina von Rahnsdorf

Zwei Kinder hütet der alte Priester –
Knabe und Mädchen.
Er selber waltet gemessenen Schrittes,
am Altar der Kirche zu Rahnsdorf in Sachsen.
Ein Weib, Marie, die Frau seines Bruders,
versorgt die Familie,
Ihr raubte den Gatten grimmiger Tod.

Schön ist der Flecken, wo man zu Hause,
die schützende Hütte dicht neben der Kirche.
Christen sind sie und ehren den Gott,
Jesus aus Nazareth, Heiler und Täter
großartiger Wunder beten sie an.

Wasser verwandelt der freundliche Gott,
Tote erweckt er und Sünder bekehrt er.
Sicherlich kennt ihr den Menschensohn,
der auch Euch alle Schulden erlässt?

Es gehen viele Jahre dahin.
Die Mutter Marie ein kundiges Weib,
geht in die Dörfer mit Kräutern und Sprüchen.
Wo sie gerufen, reicht sie den Leuten
Sud und Salbe, streicht und bespricht.

Alles das tut sie im Namen des Geistes,
den Gott ihr verliehen, Gabe ist es,
ganz ohne Lohn und Bezahlung.
Und doch ruft der Himmel, ruft sie, zu früh,
Traurig und weinend bleiben die Kindlein
zurück bei dem greisenden Schwager.
In Rahnsdorf – groß ist die Not.

Das Mädchen ererbte die Kunst ihrer Mutter,
der Knabe tritt in die Tapfen des Onkels.
Bald schon lernt er in Wittenberg Sprachen,
der Juden, der Griechen und auch das Latein.
Valentin lautet wohlklingend sein Name.
Marie Katharina heißt ihm die Schwester.
Von dem Magister Johann Jobst Schall
lesen wir Manches, dem Onkel der beiden.
Die Spur verläuft sich in späteren Zeiten
Denn aus dem Dorfe verschwand Katharina.

Eines Tages betrittst Du die Kirche.
Und an der Ostwand siehst Du nicht prangend
aus Lindenholz eine Heilige grüßen?
Trägt das zerschmetterte Rad in der Linken,
das Schwert in der Rechten.
Freundlich lächelt sie allen Betrachtern.
Das ist das Holzbild, aus Linde gefertigt.

Wo ist die Frau, aus Fleisch und aus Blut?
Hört, was sich zutrug …
Lest den Bericht.

Die Visitation
Als Martin Luther am 15.8.1530 mit Justus Jonas und Schultze noch einmal die Superintendentur in Zahna besuchte, führte der Weg die Kontrolleure erneut auch bis hinaus nach Rahnsdorf – eine fette Pfründe nördlich von Zahna gegen die Grenze zu Brandenburg hin gelegen. Man war in Zahna irgendwie doch recht schnell fertig geworden, alles lag dort zum Besten. Schon 1528 war man hier gewesen, es gab nur noch ein paar Angelegenheiten zu observieren. Es hatte sich in den zwei inzwischen vergangenen Jahren nichts geändert: Gelehrte Pfarrherren, intakte Gebäude und fleißige Lehrer, willige Kindlein und fromme Ackerbauern, keusche Weiber – sowohl jung als auch alt. Der Segen Gottes ruhte damals noch auf dem Städtchen. Nachdem die Reformatoren im Ratskeller ausreichend gespeist hatten, entschloss man sich, noch heute den Weg nach Rahnsdorf zu nehmen, eine halbe Stunde mit der Kutsche. Gesagt, getan. Man fuhr los, nicht beachtend, dass ein Gewitter aufzog am himmelischen Gezelt, – und Pferd und Mann als Unwetter überraschte. Mit Müh und Not und Peitschenknall erreichte man den Pfarrhof von dem alten Magister und jetzigen Emeritus Johann Schall und seinem Neffen Valentin, einem Melanchthonverehrer, der seit 1528 die Pfarrstelle führt – und spannte ab. Rettete sich ins Pfarrhaus, während draußen Blitzsturm und Donner niedergingen – fast so wie einstmals in Stotternheim.

Als der Rauch sich dann verzog, schaut man hinaus und sieht die Linden stehen in nebeldampfender Pracht; sie umsäumen das liebliche Haus. Der alte Pfarrer Schall lädt die Brüder auf einen Trunk hinaus in den Hof ein. Dort legt er auch schon mal seine Aufzeichnungen vor, die er mit eigener Hand alle selber führt, mit fein säuberlicher Schrift täglich einschreibt. Tag und Uhrzeit und Planetenstand bei den Taufen, denn er ist ein Verehrer der astrologischen Kunst und darin Gefolgsmann Melanchthons, was Luther nicht schätzt. Ursachen und Begebenheiten der Tode mit medizinischen Bemerkungen, ganz wie es bei gelehrten und allen Pfarrern später dann noch lange Sitte und Pflicht sein wird – bis auch das als nicht mehr schätzenswert von den Verwaltungsbütteln der Reformation und ihren Epigonen abgeschafft und sogar verboten wird. Zur Erinnerung an den geneigten Leser: Der dreißigjährige Krieg hatte sich ab 1618 vandalisch durch die Lande zu wälzen begonnen – und nach dem Schock des Westfälischen Friedens kam kein Kunstsinn und keine rechte Frömmigkeit wieder auf. Der Christenglaube hatte sich für einhundert Jahre endgültig von den Wissenschaften gelöst. Und erst in der Aufklärung finden sich Leute, die neu zu verbinden suchen. Aber zurück zum Thema!

Es ist Freitag, der 15. August 1530 – und die Uhr zeigt ein Viertel nach Vier. Pastor Schall, der Ältere, hat eine Sonnenuhr an der Südseite seiner Scheune anbringen lassen, weil er mit der Zeit lebt und von der Zeit begeistert ist. Er will eben den Eislebener Wittenberger in ein philosophisches Gespräch über die Zeit verwickeln, da geht das Türlein im Tor des Gebäudes urplötzlich auf und Katharina, die Nichte des alten Rahnsdorfer Pfarrherrn und Halbschwester des jetzigen jungen, Valentin Schalls, tritt heraus, sie hat die Röcke geschürzt und trägt im Tuch Körner für die Hühner, Enten – und den Hahn. Ihre Schenkel sind zwar nicht direkt sichtbar, aber die Waden schon. Da, – die hohen Herren aus Wittenberg sehen es. Und sie bemerkt, wie sie gesehen wird, und, erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit den gelehrten Gästen aus der Stadt, lässt sie ihre Röcke fahren – so dass Körner und Blumen auf den Boden fallen – alsbald kommen Hühner, Enten – und Hahn – herbeigerannt und machen sich über die leckere Speise her. Und sie, Katharina, steht unschlüssig inmitten der pickenden Schar. Ihr schwarzes Haar schimmert in der Nachmittagssonne. Denn das Gewitter hat sich inzwischen völlig verzogen und über der Scheune erglänzt ein göttlicher Regenbogen. Die Nichte des Pfarrers rafft nun ihren Kräuterbuschen auf, der auch mit zu Boden gefallen ist, und schreitet barfuß über das Hofpflaster zum Wohnhaus, an den Herren vorbei. Luther frägt, indem sie vorübergeht, „Schönes Maidlin, was ist Euer Name, bei dem Ihr getauft seid?“ Sie: „Marie Katharinan, wie meine Mutter!“ Artig, denkt Schultze – und schaut auf Luther, der zu erröten scheint. Der denkt: „Sie wird leicht bei 20 Jahren zählen“. Er ist schon 47.

Heute ist Mariae Himmelfahrt, was man in Wittenberg nicht mehr feiert. Hier draußen auf dem Lande auch nicht mehr – seit die Visitationen angefangen haben. Aber die Kräuter weiht man noch. Heimlich. Denn es ist Reformation. Maria ist abgesetzt worden. Christus regiert allein mit dem Vater und dem Heiligen Geist.
Man sitzt im Garten und man hört dem eifrig vortragenden Schall nur mit halbem Ohr zu, denn Schultze will nach Hause, er ist 1530 bereits ein alter kränkelnder Mann. Und Justus Jonas hat in Wittenberg noch einige Sachen auf dem Pult liegen – er denkt an seine Schrift „Das siebend capitel Danielis von des Türcken Gotteslesterung und schrecklicher Morderey“, die er in zweiter Auflage bei Hans Lufft drucken lassen will. Da sind noch einige Stellen, wo er es den Mohammetisten noch besser zeigen will, wie der trinitarische Gott dem unitarischen doch bei Weitem vorzuziehen wäre. Darum kann er sich nicht recht auf die Auslassungen Schalls konzentrieren, der eben darzulegen versucht, wie doch heute am Freitag, Mariae Himmelfahrt (ein alter abgetaner papistischer Feiertag, gewiss, gewiss …) eben jetzt, da bei den Juden der Sabbath beginnt, die liebe Venus, der Morgenstern, mit dem hurtigen Merkur, dem anderen Morgenstern, zusammen in der Jungfrau am Himmel stehen im achten Haus. Und unsere liebe Frau die Kräuter segnet, die dem Viehe und dem Feld Gutes tun, auch Scheuer und Hütte beschirmen.“
„Da wird man eingreifen müssen bei solchem Heidentum. Wo das Heidentum blosses Heidentum ist, ist’s nit so arg. Aber wo es sich verbündet mit Medizin, Sternenschau und Gelehrsamkeit, wird´s zur Seuchen“ denkt Luther. Aber dann ist er gleich schon wieder mit seinen Gedanken der Marie Katharinan hinterher, die im Haus verschwunden ist und sich dort zu schaffen macht.

Und nun geschieht es, – dass der Reformator, der doch verehelicht ist mit Herrn Käthe und schon bei drei Kindern mit ihm hat, das Bildnis der Schall-Tochter nicht aus dem Hirn sich schlagen kann. Das Bild sitzt fest, wie der Firnis auf der Farbe, pflegt Lukas Cranach immer zu sagen. Das lieblich schimmernde Haar unterm Regenbogen. Die emsige Schar der Geflügelten, die die Körner aus den Mariaehimmelfahrtsblüten aufpicken und die Waden der Marie Katharina. „Wie alt ist denn die Tochter Eures Bruders, Magister Schall?“ fragt der Doktor den Alten. „In zehn Tagen wird sie mir bei 2o Jahr“ sagt der. „Also ist sie am 25.08.1510 geboren“, denkt Luther, – so schnell hat er das im Kopf ausgerechnet.
Dann befiehlt man, die Pferde anzuspannen. In zwei Stunden ist man in Wittenberg zurück. Die Schatten an der Sonnenuhr in Rahnsdorf  sind inzwischen enorm lang, denn die Sonne geht eben unter und der Mond wird in zwei Tagen voll sein. In Wittenberg lässt er sich über den Elbwiesen schon sehen. Martin Luther schaut aus dem ehemaligen Schwarzen Kloster nach Süden, wo er sich langsam aber immer mehr zu erheben beginnt. Dann geht Luther zu Bett, aber das Bildnis der Tochter Schalls lässt ihn nicht los. Es hat sich eingebrannt. Die Blumen, die Hühner, der Regenbogen, das Haar. Den nächsten Tag – der Samstag – sitzt Luther an der Predigt – versucht es. Ihm fällt nichts ein. Nur das Bildnis ist da. Mehr nicht – und damit alles.

Wir wollen nicht beschreiben, wie es dem Reformator in den Tagen bis zum 25. August erging. Oder doch? Er wandert halt ruhelos umher, – wie ein Franz Schubert des 16. Jahrhunderts. Er pflückt Blumen. „Martin, was tust Du – da Du Blumen pflückst und mir schenkst?“ fragt Käthe. „Das hast Du noch nie getan!“ Er: „So tue ich’s itzt!“ Dann sucht und findet man einen Vorwand nach Rahnsdorf zu fahren, zum Tag, als die Marie grad Geburtstag hat. Was soll er schenken … Da hat man noch ein par Druckseiten von einem Pflanzenbüchlein. „Ueber die Arzeneien – und wie ist Christus unser lieber HERRE der wahrhaftig Apotheker. Fürgestellt von Otto Brunfels 1522. Ein zu Zeiten Luthers bereits selten gewordener Vorabdruck des späteren Hebarum vivae eicones aus Strassburg. Komet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Erquickung schaffen.“ Luther wickelt die Seiten in ein buntes Papier, umwindet die Rolle mit einem Band. Dann lässt er anspannen und fährt hinaus in die immer noch hochsommerliche Natur. Er wählt den Weg über Euper, das Gut Abtsdorf, durch Woltersdorf rollt die Kutsche und streift Zahna, ehe sie in Rahnsdorf ankommen. Seinem Kommen hatte Luther einen formellen Brief vorausgeschickt. Schreibt:

„Lieber ehrenfester und Gelehrter, – Magister Schall. Noch einmal möcht ich Euch meinen Besuch ankündigen, denn in dem einen Buche, was Ihr draußen in Rahnsdorf führet, sah ich kürzlich, als ich bei Euch Unterschlupf fand vor Braus und Gewittersturm, seltsame Chrakteres, als die Irrlehrer gebrauchen und die Zauberischen sich erwählen. Das schien mir übel. Da will ich mich noch mal hinsetzen und lesen, falls Euch Unbill entstehen könnt, dann für Euch mich einsetzen beim Rat. Stellet mit doch, zu Eurerm eigenen Nutz das Büchlein bereit. D.M.Luther zu Vittenberg“

Der alte Schall hat mit fliegenden Händen alles vorbereitet, er fürchtet seine Anklagung wegen der deutlichen Interessen an Sonne, Mond und Sternen – und seinem vorgerückten Alter. Auch Marie Katharina ist wieder mit dabei. Sie trägt in den drei Stunden, in denen Luther scheinbar das Büchlein vor und zurück studiert, frische Semmeln, Tee, Bier und Milch von der Ziege auf, diese Milch hat sie mit Honig gesüsst und Minze hineingetan. Luther verknallte sich an diesem Nachmittag unsterblich in das Geburtstagskind. Er hat ihr das Apothekerbüchlein von Christus als dem rechten Arzt offeriert. „Hier, Junfer Schallin, ein kleines Geschenk von uns aus Vittenberg!“ Er hüstelt verlegen. „Diese Kostbarkeit!“ ruft der Vater! „Ach nein!“ sagt Luther, „Wir haben es zu Vittenberg zween Mal.“ Was nicht stimmt, er hat es einfach aus der Bibliothek – entfernt. Du sollst nicht stehlen. Was ist das … Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Aber Luther hat schon am Sonntag einen bußlichen Pfennig (keinen Ablass!) in den gemeinen Kasten getan. „Pecca forte et crede fortiter“, sagt er sich. Und dieser Satz wird überliefert werden bis in späteste protestantische Tage hinaus.

Schön ist es in Rahnsdorf mit der schönen Katharina. „Ach, Gott, vom Himmel sieh darein. Und habe doch ein Einsehen.“ – Aber nur der Kutscher schaut herein. „Es wird es dunkel und die Pferde müssen heim, Herr Doktor.  Herr Luther, es ziehen Wolken auf. Wir müssen gen Vittenberg fahren!“ Luther verabschiedet sich. Schall, der alte und der junge nickten und die Marie Katharina dankt. Sie reicht ihm die Hand, er nimmt sie und drückt sie ein wenig. O weh, – ein Duft von Schafwollseife und Rosmarien bleibt zurück – und prägt sich ein. Er führt diese Hand während der etwa zweistündigen Fahrt nach Wittenberg immer wieder an die Nase. O weh …

Nie wieder wird Martin Luther Rahnsdorf besuchen. Er wird diesen Ort meiden. Denn hier wohnt und regiert eine Zauberische, die er lieben muss, obwohl er es gar nicht wollen kann. Denkt er … Armer, armer Martin … Nie wieder wird er Rahnsdorf besuchen. Und es ist so schön dort. Weil er aber das Bildnis in seinem Kopf sich nicht getraut mit der Wirklichkeit der Realität da draußen zu konfrontieren – deshalb gibt es in Rahnsdorf auch heute noch das Bild der fremden Katharina in der Kirche. Direkt unter dem Kruzifixus. Das Bildnis der Marie Katharina, die zu Mariae Himmelfahrt Geburtstag feiert. Aber das ist eine lange Geschichte. Sie soll hier erzählt werden …

Das Büchlein
Da hatte nun Marie Katharina Schall aus Rahnsdorf dieses Büchlein von Luther empfangen. Das Büchlein von Christus als dem einzigen und wahren Apotheker. Sie las es durch – von hinten nach vorn. Ja, – sie war seltsam, die Katharina. Bücher las sie immer von hinten nach vorn. Woran das lag? Sie hatte das Hebräische erlernt, eher als das grobe Deutsch. Dann Latein und dann Griechisch. Erst mit sieben Jahren hatte sie auch Deutsch zu schreiben begonnen. Der Vaterdrang eines Tages darauf, dass sie mit lateinischen Buchstaben das, was sie sprach, aufzeichnete. So schrieb sie ij für ich und Ai für Ei (wenn sie nicht genau wusste, wie es richtig geschrieben wurde, setzte sie in Klammern den lateinischen Ausdruck noch dahinter. Also für „Ich will dieses Ei“ schrieb sie: „Ij (ego) will dieß Ai (ovum). Ja, – sie war ein bisschen sonderbar. Und Vater mit Bruder fragten sich, was wird das noch werden? Fast wie im Märchen ging es zu: Einige Freier wurden vorgestellt, – sie blieben links und rechts jener Nachmittagsstunden liegen, während derer man in Rahnsdorf am Tisch im Garten zusammensaß. Katharina mochte diese Männer alle nicht. Sie ließ die bestellten Figuren spüren, dass keiner von ihnen ihr das Wasser würde reichen können. Und so zog man sich zurück, es gab ja noch andere Pfarrerstöchter in Kursachsen … Luther also, wesentlich älter als Katharina, hatte ihr ein feines Büchlein geschenkt. Und sie las es. Und das war das Erste, was sie las:

Der Mensch gleicht der Blume
auf weitem Feld
Am Morgen blüht sie und leuchtet
der Sonne gleich pranget die Blüte
Pracht, Farbe und Licht.
Am Abend neigt sie
erschöpft und verblüht sich
Gebeugt von der Lebenskraft
sinkt sie an der Schärfe der Sichel ins Heu.
Der Mensch ist ein Blum,
dem Gras gleicht sein Bildnis.
Blumen bindet er fröhlich zu Sträußen
Traurig legen wir Blumen ans Grab.
Gott nimmt sie und presst sie
ans Herz sich, ans pochende Album.
Unendlich – das Wort –
steht mit goldener Wucht
auf dem Deckel des Buches.
Drum, einmal, beginnen die Saiten
des göttlichen Herzens
erneut sich zu regen.
Sie tönen alle
im Tau der Lieder
und bringen ein Blühen hervor.
Denn ER lässt es zu …

Sie schrieb diese Verse ab, übersetzte sie in die Sprachen, die sie kannte und fügte sie in einer seltsamen Schrift, die uns Heutige an den Voynichcode, erinnert ihren Tagebüchern zu, die kürzlich zusammen mit der Figur der Heiligen Katharina von Alexandrien auf dem Kirchenboden in Rahnsdorf gefunden wurden.

Luther hatte es schwerer als Marie Katharina. Eigentlich wollte er die von Bora ja gar nicht. Er hatte nämlich schon lange seine Augen auf Ave von Schönfeld geworfen. Das ist bekannt. Aber die wollte ihn dann nicht, – den alten Zauderer mit ständigen Leibschmerzen und Panikattacken. Und sie heiratete einen lustigen Mediziner namens Basilius Axt. Die acht hübscheren Nonnen waren also alle recht bald vergeben – nur Nummer neun, Katharina von Bora, den Herrn Käthe, mochte keiner anfassen. Da nahm Luther sie bzw. ihn. Die Vernunft war groß … Wir erinnern an einen späteren Dichter, dem die bekannten Worte in die Feder flossen:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Der Dichter dieser bewegenden Verse ist ein getaufter Jude, heißt Heinrich Heine und griff dem allgemeinen Problem der sonderbaren Liebesverwirrung in kurzer und schmerzloser Weise mutig an den Puls. Luther hat nach seinem Besuch in Rahnsdorf nun also zwei Katherinen. Besser gesagt, die eine hat er – die andere hat ihn. Beide Frauen wissen vorerst nichts voneinander, obwohl sie auf denselben Namen hören. Katharina von Bora ist elf Jahre älter als ihre Namensbase aus Rahnsdorf. Die vom Dorf ist hochgewachsen und schön, jene aus der Stadt eher klein und deutlich durchschnittlich gestaltet. Übrigens – noch andere Katharinen gibt es in der bewegten Zeit um 1530. Wir erinnern hier an Katharina von Aragon und ihre unglückliche Ehe mit Heinrich VIII in England. Was ist nun mit all diesen Katharinen? Sie tragen wohl an einer Last, die anderen nicht auferlegt wird. Ein jeder trägt seine Last – eine jede ihre. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch – denn meine Last ist leicht“, sagt der HERR. Er hatte keine Katharina. Man spekuliert über eine Magdalena. Luthers Mutter heißt Margarete. Und diese drei bemerkenswerten Frauen sind in dem Sinnspruch von den drei Märtyrermadeln vereint. Nein, – das stimmt nicht. Magdalena ist apostelgleich. Keine Märtyrerin. Und die Dritte der Madeln ist außerdem Barbara mit dem Turm. Die darf man nicht verwechseln. Wir wollen hier ja eben gerade nicht spekulieren, sondern von der Wahrheit berichten. Die Katharinen sind auf jeden Fall interessante Personen. Von der klugen Frau aus Alexandria bis hin zur sächsischen, liebevoll „Zonenkathi“ genannten Witt zieht sich ein roter Faden und verbindet sie alle – im Labyrinth des Schicksals.

Katharina aus Rahnsdorf liest in dem Büchlein vom Apotheker Christus, das Luther ihr zum 20. Geburtstag verehrt. Das Büchlein liegt ihr von diesem Tag an immer dicht am Herzen. Sie geht damit in der Feldflur umher. Denn ihr Interesse ist seit Kindesbeinen das Leben der Flora im grünen Gefild.  Sie kennt die Stimmen und Gesänge der Vögel, sie hat ein kleines Tamburin, mit dem sie den Herzschlag nachahmt und sich auf diese Weise bis dicht an Hirsch, Schwein, Auer und Reh heranpirscht. Sie seiht Aufgüsse von Belladonna und Aconit, macht Auszüge mit Engelswurz und Schweinefett und kann auch das kostbare Rosenöl herstellen. Ihre Kammer ist ein Labor, über ihrem Alkoven hängen Pflanzenbüschel. Pilze trocknet sie und Steine sammelt sie. Der Vater, Johann Schall, fürchtet, dass eines Tages seine Tochter als Hexe auf dem Scheiterhaufen steht. Der Bruder redet mit ihr oft und lang über das elende Heidentum und die fremden Götter, die in den Dingen wohnen könnten. Katharina ist aber klüger als er, obwohl sie viele Jahre jünger ist. Valentin kennt nur Bücher. Sie kennt das, worüber die Bücher berichten wollen. Das ist der Unterschied. Frauenwissen hat die Katharina von ihrer Mutter Marie, die schon im Himmel ist. Eines Tages lag die tot im Bett. Ganz kalt war sie schon. Der Arzt stellte fest, dass das Herz stehen geblieben war. Es ist das an einem kalten Novembertag geschehen. Am 27. November 1526.

Was für eine Zeit. Müntzer war schon hingerichtet worden, die Bauernkriege niedergeschlagen. Marie geborene Niemegk, wesentlich jünger als ihr Schwager, der Emeritus Johann Schall, starb mit 45 Jahren und wurde in der Kirche begraben, an der Nordwand des Chorraumes des uralten Gotteshauses. Einen Sandsteinepitaph ließen der unglückliche Sohn und sein Onkel über der Gruft Maries anbringen. Darauf sieht man einen sich zwischen Totenkopf und Sanduhr herumflätzenden Putto, der ein Spruchband über den Leib zieht, darauf „memento mori“ geschrieben steht. Wenn der Onkel Katharinas und Valentins schwermütig wurde, und das geschah nach 1526 nun oft, sah er in die Sterne und schrieb Zeichen auf Papiere, die er dann in einer Lade verbarg, zu der nur er den Schlüssel hatte. Der Neffe Valentin dagegen las zur finsteren Nacht in der Bibel und in den Schriften der noch jungen und unausgegorenen Reformation. Katharina jedoch floh hinaus ins Freie, in die Natur, aufs weite Feld, an die Ufer des Zahnabaches und in den Wald, der damals mit seinen Eichen und Buchen sich in dunklem Grün noch überall dort erhob, heute Traktoren die ausgeräumte Landschaft beackern. Wenn Gewitter gehen, – da könnt ihr sicher sein, dass Katharina im Wald ist. Unter Eichen sitzt sie im Moos, singt mit dem Sturm und wartet auf leuchtende Blitze …

Katharina am Werk
Fürchterlich. Wenige Tropfen nur, dann nichts, dann ein paar noch … Der Strahl versiegt immer wieder. Es tut weh. Scheußlich weh. Höllisch weh. Nicht pinkeln können. Der Teufel hole das. Luther zog sich die Hose wieder über den Bauch und verschnürte die Fäden. Dann merkte er, es war vielleicht noch noch etwas mehr möglich? Also – erneut runter mit der Hose. Ah – ja! Ein kleiner Schwapp, dann wieder Schluss. Jetzt das bekannte Brennen. Es setzte ein, erst wenig, dann stark – dann unerträglich. Als ob die Harnröhre mit einer ganz feinen Feile ganz langsam ausgekratzt werden würde. Konjunktiv, wenn man es beschreibt mit Worten. Aber in Wirklichkeit Indikativ. Da feilten kleine boshafte Dämonen ihm die Harnröhre. Als er noch jung war, hatte er das schon mal gehabt. Da war er bei der Amalia Hunzingerin gelegen, mehrere Tage während der Heuernte, beim Vater zu Hause in den Ferien. Und danach war es ihm auch so dermaßen übel ergangen; die Hunzingerin hatten viele gehabt – und viele dann auch den gelbweißlichen Ausfluss. Es war aber wieder weggegangen – mit Sublimat. Doch das hier … das war was anderes. Es hörte nicht auf. Schon wochenlang litt er. Litt!!!
Er war ja nicht mehr unterwegs in Liebesdingen. Nur noch bei seiner Katharina in Wittenberg. Nein, nein – nicht mehr bei den Hurenweibern unterwegs. Die Zeiten waren vorbei. Gott sei gelobt. Das Alter hat auch seine Vorzüge. Vierundfünfzig war er anitzo. Aber eben auch Nachteile. Große! Es tat weh. Es tat weh, es tat so weh. Luther hüpfte auf einem Bein in dem kleinen Aborthäuschen des Wirtes der Schenke in Tambach – betete und fluchte zugleich. Weinte und grimmassierte. Verfluchte den Bösen und bat den Guten – und? Das Hüpfen half ein wenig, wenn er es auch mit Atemnot und Husten bezahlen musste. Ja, – der Teufel fordert überall seinen Preis. Wie hieß es doch bei Dante so schön. Melanchthon hatte ihm das immer wieder vorgetragen. Die Stelle von den Harnleidenden. Und hatte dabei laut gekichert. Denn Philippp konnte pinkeln. Immer. Und wo er wollte.

Nun angelangt im sechsten Kreis der Hölle.
Wir stiegen abwärts und belauschten Schreie
da liegen sie, die von des Leibes Völle

ermattet warten, das man sie befreie.
Die Fresser und die Säufer, Hurenböcke
und was sich sonst geschwächt in einer Reihe.

Sie heuln in Qualen, halten sich die Röcke
durchtränkt die Kleider von dem eignen Nass
und schlagen sich die aufgereckten Stöcke

und brüllen immerfort ohn Unterlass,
die Schmerzen ende uns, o großer Gott!
Doch schreien sie vergeblich, denn das Fass,

aus dem sie rufen, dämpft die Klage. Spott
ist! Keiner hört sie, der wohl helfen wollte
und so erdröhnt ihr Heulen weiter fort.
Ja bete! Dass du selbst nicht landest dort.

Luther hatte den Dante nie gelesen. Das war nichts für ihn. Das Latein, was er beherrschte, reichte an jenes des Italieners nicht heran. Melanchthon dagegen – der kannte ganze Passagen sogar auswendig. Und ließ Luther oft spüren, dass er die Gelehrtensprache besser beherrschte. Phillip war gesund. Und Martin krank. Er war längst dort gelandet, wo kein Mann hin will. Bei den Blasenleidenden, den Harnverhaltenden, den Nichtpinkelnkönnenden, den Riechenden, den Triefenden, den Steinhabenden, den Tröpflern, den Urämikern. Genauso wie sein Vater schon. Ja, – das vererbt sich!
Es war Februar. Keine Brennnesseln weit und breit. Und hier unten in Thüringen waren die Ärzte rar. Und die Kräuterweiblein? Ihnen war es zumeist schlecht ergangen. Manche waren verbrannt worden. Andere enthauptet, einige gerädert. Mit denen, die umgingen mit Segensspruch und Bannwort, Einreibung, Pillen und Buschen – war nicht gut Kirschenessen, da hatte man sie abgetan auf dem Holzhaufen in der Flamme des Feuers. Aber wie schmerzte diese Unterleibsflamme. „Dass Gott erbarm, dass der Teufel die Schmerzen hole“ wimmerte er, verließ das Aborthäuschen und trat hinaus in den Schnee. Unbarmherzige Kälte empfing ihn. Er trat von einem Fuß auf den anderen – und dann in das Gasthaus – zusammen mit dem Gestank des Abtritts, der seinen Kleidern entströmte, denn dort hatte er sich festgesetzt während der knappen halben Stund Präsenz über dem Fäkalienhaufen unter dem Loch in der Holzplanke, wo man saß, wenn man sitzen musste. Aber der Bratendunst und der Fettwrasen überdeckten bald den Geruch, den er von draußen mitbrachte. Er setzte sich auf die Ofenbank. O ja – Wärme tat gut. „Habt Ihr Brennnesselsud, Meister Herbergswirt?“ frug er den Besitzer der Absteige. „Nein – aber ich sehe, ihr habt was, was den Sud brauchet.“ Der Wirt kannte sich aus. Er mochte das Alter von Luther haben. „Da ist ein kundiges Weib, das Steine massieren kann. Soll ich´s rufen lassen? So wird es bald besser mit euch werden. Sie heißt Katharina, die Schwester vom Hufschmied aus dem Nachbardorf Dietharz.“

Luther nickt resigniert. Wie könnte es anders sein … Alle Frauen, mit denen er schicksalshaft zu tun hat, hießen ja schon immer Katharina. Seine in Wittenberg sowieso, und die in Rahnsdorf, die er nicht haben darf. Die von Stotternheim damals, um derentwillen er den Freund Hieronymus Bunz erstach – freilich ohne es recht zu wollen und nun auch irgendeine Kräutergängerin, die ihm helfen sollte. Er nickt und kneift die Backen zusammen, denn das hilft auch manchmal ein wenig. Ein Knabe wird losgeschickt und läuft durch den Schnee nach Dietharz. Die Katharina ist schnell geholt und als der Gastraum leer ist, heißt sie Luther sich auf den Tisch legen. Es ist Abend und das Magnificat gebetet. Der Reformator stöhnt vor Schmerzen. „Seid ihr ein zauberisches Weib, Weib?“ fragt er. „Wollt ihr die Schmerzen behalten oder los werden, Mann?“ fragt sie ihn? „Treibt eure Kunst – aber nicht gegen Gott und Christo den Herrn“, stöhnt Luther. Sie lässt Lichter genug kommen und nimmt Bienenhonig, den sie in einer heißen Kräuterbrühe löst. Dann wirft sie schäumende Salze in den Bottich, darinnen alles umgerührt wird. Dazu singt sie einen Lobgesang auf die heilige Katharina und die Mutter Gottes, ruft die Frauen an, die Margarete und Anna heißen, auch Dorothea. „Jetzt müsst Ihr tapfer sein, Mann – und ich bekomme nachher einen sächsischen Gulden.“ Luther nickt. Es ist Nacht und das Weib und der Gequälte sind allein im Raum. Die Lichter blacken, der Sud kocht und die Zeit vergeht, obwohl sie still zu stehen scheint. Was das Weib macht, und was sie da anstellt? Könntet ihr sehen, was der Knabe Bote durch eine Spalte der Gardine von außen sieht, wüsstet ihr es. Aber ihr seht es nicht. Keiner sieht es. Nur er. Er kann es aber nicht mehr erzählen, weil er … aber davon später.

Am nächsten Morgen ist Luther gesund. Er hat in dem Gastraum auf einigen Schaf-Fellen geschlafen und muss früh hinaus, denn den Sud, mit dem er massiert worden ist, den hat er zu alledem noch ganz austrinken müssen. Und der will nun raus … Luther geht, merkwürdig leicht, auf das Abtrittshäuschen und entleert den ganzen Körper – Unmengen von Körperinhalt wechseln die Position. Klatschen von oben nach unten. Plantschen in die Flut unter dem Loch in der hölzernen Planke. Gelobt sei Gott. Dann gehen auch die Steine ab, – oh das schmerzt noch einmal – aber dann ist alles raus. Alles gut. Es ist so, als ob Luther aus dem verhassten sechsten Kreis der Danteschen Hölle langsam aber sicher in die höher gelegenen Kreise aufsteigt, den Limbus nimmt er mit Leichtigkeit. Und nun, da er sich dem Empyreum nähert, da sieht er die mater gloriosa und ist gerettet.

Wunder. Die Katharina, Schwester des Schmiedes aus Dietharz – sie hat es vermocht. Mit Gottes Hilfe und dem Honig der lieblichen Bienen, den Salzen aus dem Berg und den Kräutern von der Hochwiese. Luther lässt seine Kleider waschen und über dem Herdfeuer trocknen. Dann tritt er am nächsten Tage die Heimreise an, das heißt: Er will sie antreten. Doch hat er denn die Heilerin bezahlt? Bei Gott – nein, fast vergessen. Der versprochene Gulden. Er läuft zurück in die Schenke und fragt den Wirt nach der Katharina.

„Ach, – die Hex? Die hat man abgeholt. Heute vor der Früh noch, nachdem sie Euch geholfen. Ihr habt so friedlich geschlummert, dank der Fliegenpilze, die sie mit hineinwarf in den Sudkessel. Sie sitzt jetzt sicher schon im Kerker zu Gotha. Ja, sie rief noch, als der Büttel sie fasste: „Vergelts Gott, ihr Herren, vergelts Gott!“ Der Schmied jedenfalls ist froh, dass er die Wahnsinnige los ist. Sie war ja auch wirklich ein zänkisch Weib und hat allen nur Ärger und Elend bereitet mit ihrem Geheul und der Magie, besonders beim vollen Mond. In die Kirch ist sie nie gegangen und das Sakrament hat sie verschmäht. Freilich, – auf Blase und Harn kannte sie sich gut. Gebt´s mir nur den Gulden, Herr Doctor, ich trag ihn für ein paar Messen zum Pfarrer, wenn ihre Asche auf dem Markt erkaltet sein wird.

Luther steht leichenblass und kann sich nicht rühren. Katharina … zu Tode, – wegen ihm? Was soll er nun machen. Doch eine Hex, und er hat sich berühren lassen von den Teufelsfingern. Aber gesund! Er selber hat ja schlimme Worte geschrieben gegen die Zauberischen. In einer sommerlichen Predigt im Mai 1526, hatte seinem Herzen endlich Luft gemacht. Das tat ihm nun doch leid. Er eilt nach Dietharz, lässt sich von dem Botenjungen dorthin führen. In der Kutsche sitzen sie beide. Nimmt den Knaben – Jobst heißt der – zu sich auf den Wagen und los geht es.

Der Knabe spricht zu Luther: „Mann, ich hab alles gesehen, wie das Weib euch berührt und was sie getan an euch unten herum mit dem Sud und dem Unschlitt der Marder und Fledermäuse. Wenn ich´s sag, dass ihr mit der Teufelsbuhle zusammen waret, stecken sie euch auch ins Loch und ihr müsset brennen, wie Luther sagt.“ Stille. Dann : „Ich bin ja selbst der Luther, du Narr“ ruft der Geheilte. Der Knabe erkennt ihn und mault: „Eh – ah ja – jetzt erkenne ich Euch.“ Luther zu ihm: „Was hast du gesagt, elender Wicht?“ Er: „Dass ihr nackt dalaget, hab ich gesagt. Und sie euch mit den Fingern in´n Arsch fuhr, mit der anderen das Teil erhaben machte, das niemand nicht berührt. Dann wie sie mit dem Sud euch den Bauch massierte und die Egel ansetzte und die Schröpfe. Wie sie dabei immer sang und sprang und wie dann ihr den Sud tranket, der von euerm Leib in die Tücher geflossen, die sie ausgepresst in den Zuber und dann gekocht. Wie ihr langsam ganz ruhig wurdet, wie Ihr euch erbrachet und sie das Erbrochene besprach und zum Fenster naus warf. Dann wie sie euern …“ – „Genug genug, schreit Luther, wem hast du´s hinterbracht?“ Der Knabe Jobst: „Dem Büttel von Dietharz und dem Bruder der Hex.“ Luther zerrt den Knaben am Ohr, dass er schreit. „Gleich gehst du mit mir dazu und widerrufst alles, Schelm. Wer sind deine Eltern?“ Er: „Hab keine Eltern, sind zu Grunde gegangen Hungers wegen vor zehen Jahr.“ Luther greift den Knaben hart am Arm, dass er nicht noch entflieht. So fahren sie miteinander.

Der Reformator denkt fieberhaft nach. Zwischenzeitlich fühlt er in sich hinein. Nein, keine Schmerzen mehr – nicht das geringste Zwicken. Alles gut. Die Hex hatte ihn also unsittlich berührt. Aber die Qualen waren dahin. Sie lag nun in eisernen Ketten, er war fit und gesund. Mag sein, dass sie unter der Folter alles erzählt, was sie an ihm getrieben. O weh. Also, – das musste verhindert werden. „Bürschchen! Du sagst jetzt, dass du das alles dir nur ausgedacht hast – um dem Weib zu schaden, dass du für dich selber begehrst. Wenn nicht, verklag ich dich selber auf denselben Grund. Kennst du die Geschichte von Potiphars Weib? So wird´s Dir ergehen.“ Der Knabe kennt die Geschichte nicht und Luther schreit sie ihm ins Ohr, derweil der Wagen über den Waldweg nach Dietharz springt. „Was soll ich denn sagen“, heult der Knabe, dem das Ohr schon ein bisschen eingerissen ist, denn Luther kann hart zupacken, wenn es drauf ankommt. Du sagst, dass du das Weib selber zur Buhlschaft begehrtest, sie dich aber abgewiesen. Da dachtest du dir den schändlichen Plan aus, ihr zum Schaden sie zum Haufen und zur Flamme zu verklagen. Du liefst und schautest zu, wie sie … wie sie …“ Hier stockte der Reformator. „Wie sie?“ heulte der Knabe in großem Schmerz. „Wie sie kam und zum Brunnen in Tambach lief und siebenmal Wasser schöpfte und siebenmal das Kreuz schlug – wie in der Kirche zur Messe. Das Wasser dann kochte und mir heiß zu trinken gab. Und das ist alles. Hast du das verstanden?“ Der Knabe ächzt und wiederholt: „Wie sie kam und zum Brunnen in Tambach lief und siebenmal Wasser schöpfte und siebenmal das Kreuz schlug – wie in der Kirche zur Messe. Das Wasser dann kochte und euch heiß zu trinken gab. Und das ist alles.“ Luther: „Genau!“ Nun wieder Jobst: „Aber man wird mich schlagen und prügeln, weil ich gelogen!“ Luther lacht: „Recht geschieht dir damit, weil du …“ Hier stockt Luther zum zweiten Male, weil er hat ja gelogen, nicht der Knabe. Und nun kommen langsam aus dem Dunkel weitere Bruchstücke jener heilsamen Nacht in die Erinnerung Martins. Und da war doch noch mehr … Der Geheilte erschauert. Dann: „Fürchte nichts, Jobst!“ sagt er und lässt des Knaben Ohr fahren, greift aber nach der Hand des Buben. Da du keine Eltern und Verwandten hast, nehme ich dich mit nach Wittenberg – und mach was aus dir.“

So fahren die beiden dahin. Vor dem Amtsrichter wird die Aussage des Knaben widerrufen. Er gesteht und kommt mit einigen Knuffen und Puffen davon, weil Luther sich für ihn einsetzt. Dann geht es weiter nach Wittenberg. Jobst wird im Hause Luthers Knecht für Kost und Logis.  Es geht ihm nicht unbedingt schlecht. Später lernt er sogar das Lesen und Schreiben. Er hat diese Kunst dann dazu benutzt, sein Erlebnis vom 26. Februar 1537 peinlichst genau aufzuschreiben. Ob dabei nur etwas oder gar viel dazu erdacht worden ist, wer will das beurteilen? Jenes  Dokument ist auf Umwegen in die Hände der Gegenreformation gelangt. Man hat es sorgsam aufbewahrt, um eines fernen Tages vielleicht irgendwie einen Vorteil daraus zu ziehen …

Ob aber die Katharina, Schwester eines Grobschmieds aus Dietharz und genialische Kräutergängerin, wieder aus dem Gothaer Gefängnis frei gekommen ist – davon weiß niemand nichts. Allerdings kommt ihr Name in den Akten derer zum Feuertode verurteilten Zauberischen nicht vor. So hätte also der, welcher versprach, als Erster die Fackel an Hexen zu legen, eine aus ihrer Schar wohl noch gerettet? Luther, der geheilt wurde mit dem Wasser des Brunnens in Tambach! Das war im Februar 1536. Und Luther beschloss, doch noch einmal nach Rahnsdorf hinaus zu fahren. Und der Katharina seinen Dank abzustatten. Für den Abgang der Steine!

Ars Amatoria
Nachdem Luther wieder in Wittenberg angekommen ist, vergisst er seinen Vorsatz, die Nichte des inzwischen verstorbenen Johann Schall, Halbschwester des jetzigen Pfarrers zu Rahnsdorf, Valentin Schall, zu besuchen. Ja, – er wollte sich irgendwie aussprechen mit ihr – über seine unbändige Verliebtheit. Was kann das sein? Warum ist das so – und so weiter, der ganze Kram. Und besonders über die ferne Schwester im Thüringischen wollte er mit ihr reden, die er vor dem Scheiterhaufen bewahrt hat. Wohl macht er in den nächsten Wochen einige halbherzige Anläufe, die Reise nach Rahnsdorf zu planen, – dann lässt er es aber doch wieder sein. So ist er eben, der große Wortgewaltige und Schöpfer deutscher Sprach und Zunge. Mit der Reformation hat er ja genug um die Ohren – bis hin zum Tinnitus.
Aber jetzt kommt Herr Käthe ins Spiel, das ist Katharina von Bora, wie Luther seine Frau oft nennt, was wir nicht fein finden. Eines Tages betritt sie also einigermaßen gedankenverloren das eheliche Gemach. Der Gatte schlummert bereits auf dem Bett. Hingestreckt ist er, und es ist schon spät. Katharina war noch einmal nach den Kindern sehen. Da kommt sie auf dem Rückweg durchs Haus an einem der zahlreichen Bücherregale vorbei und greift sich, wie der Zufall es will, ein Buch heraus – und schlägt es auf. Irgendwo in der Mitte – wahllos. Sie ist müde, sie ist aber nicht willig, jetzt gleich neben dem schnaufenden Martin zu warten, bis sie endlich auch einschläft. Nimmt das Buch und setzt sich beim Lampenschein in die Ecke auf ein paar Felle. „Ovidus – Ars Amatoria“. Melanchthon schleppt dieses antike zeug immer ins Haus. Liebeskram in Schriftform. Sie blättert planlos das Büchlein hin und her, geht ein wenig in den Kapiteln spazieren. Sonderbares Zeug hat dieser vom Kaiser Verbannte in Constanta auf´s Papier gebracht. Etwa, wo kann ein Mann zur Buhlschaft kommen? Wie kann ein Mann der Weiber Liebe gewinnen? Wie kann ein Mann sich seiner Buhlin wacker enthalten? Und alles sowas. Katharina blättert und liest, lacht und schüttelt den Kopf. „Was die Männer über uns meinen, – es ist ja absurd“, sagt sie halblaut.
Dann stutzt sie. Ein Zettelchen fällt heraus, in jenem Kapitel hat es gesteckt, wo man von der Verschwiegenheit handelt (liber II 621-640) „Früher, als noch kein Ziegel erfunden, / der uns vor Regen beschützt / und im Sommer vor Sonne, / als wir unter Eichen noch schliefen / und Eicheln noch fraßen, / suchten zum Lieben wir gerne den Wald / auf und schummrige Höhlen“. Und wie sie liest und sinnt, – da gewahrt sie, dass in der Handschrift ihres Gatten (die kennt sie genau!) eine Glosse an den Rand gesetzt ist. „RAHNSDORF!!!“ stehet da, mit drei Ausrufungszeichen. Rahnsdorf? Ist das nicht dieser Flecken hinter Zahna, wo ein alberner Zögling Melanchthons predigt, der eine ledige Jungfer zur Schwester hat, die sonderbar im Kopfe ist und ihm den Haushalt zu führen hat? Was ist mit diesem Rahnsdorf? Sie geht behutsam in das eheliche Gemach, hat das Buch noch in der Hand und sieht ihren Mann hingestreckt auf das Lager. Da liegt er, und kann nicht anders. Er bewegt die Lippen im Schlaf. Sie pirscht dicht heran und glaubt zu hören, dass er immer wieder einen Namen flüstert. Immer wieder dasselbe Wort. Aber Gott Lob! Es ist ja der ihrige! Katharina. Wie ist sie froh.
Sollte man nicht einmal gemeinsam in diesen Wald bei Rahnsdorf reisen? An einem Sonntage vielleicht, – nach Ostern. Gleich morgen wird sie diesen Vorschlag machen.

Die Fahrt zum Michelsberg
Katharina greift schon mal nach den Zügeln. Klar, das macht sie. Luther sitzt hinten auf dem Wagen und schreibt irgendwelches Zeug an seinen Fürsten. Es geht um Besitz und Ausgleich. Der ewige Streit zwischen denen, die was besitzen. Da soll der kluge Martin irgendwie zu irgendwelches Vorteil schlichten helfen. Sie, seine rechtmäßig angetraute Frau, sitzt vorn und lenkt die Kutsche, ein Pferdchen zieht wacker den alten Wagen.
Es soll nach dem Michelsberg gehen, einer kleinen Erhebung in der Kropstädter Forstung – Vorfläming. Auf diesem Berglein steht eine Kapelle, die dem heiligen Michael geweiht ist, der mit den Drachen kämpft und sie besiegt. Das ist das Gute dran, dass er immer gewinnt. Wie viele haben sich den Drachen schon gestellt – und haben elendiglich verloren. Elendiglich ist ein schönes Wort. Katharina braucht es gern. Aber auf der Höhe von Kropstädt, wo sie nach links hätten einbiegen müssen, lenkt sie nach rechts, wo es über Wergzahna nach Rahnsdorf geht. Es ist am Freitag vor Kleinostern 1538. Luther ist so beschäftigt mit seinem Denk- und Schreibkram, dass er die Änderung der Route gar nicht bemerkt. Ein herrlicher Tag, die Sonne scheint und in den Büschen üben ihr Lied die neuermunterten Vögel.
Katharina lässt in ihrem Kopf ein paar Planspiele und verschiedene varianten von dem, was heute noch geschehen könnte, ablaufen. Von hinten erschallt die ungeduldige Frage: „Katharina, sind wir bald da?“ – Sie ruft in den Planwagen: „Ja, gleich sind wir da. Ich sehe das Kirchlein schon.“ Gewiss, eines Kirchturms wird man ansichtig. Es ist aber nicht der Dachreiter der Michaelsbergkapelle, sonder der Turm von Sankt Johannes in Rahnsdorf. Hier waltet der Täufer, der die Menschen packt und in die wirbelnden Fluten des Jordan tunkt, damit sie Buße tun und zugleich ein unvergessliches Zeichen ihrer Neugeburt deutlichst eingeprägt bekommen, – das Ringen nach Atem und das Wiederauftauchen aus den Ersticken androhenden Todesfluten.

Da, – jetzt! Luther scheint nun doch etwas zu bemerken. Er ruft „Wo sind wir hier – das ist nit der rechte Weg. Umkehr, Umkehr.“ Aber es schwingt die von Bora ihre Peitsche, dass es knallt und schallt. Die letzten hundert Meter galoppiert die alte Mähre direkt bis vor das Pfarrhaus von Valentin Schall, Pfarrer zu Rahnsdorf und Bruder Marie Katharina, seiner Schwester, welche als Haushälterin die besten Jahre ihres Lebens hier draußen verplempert und für nichts drangibt. Die Kutsche steht jetzt auf dem Hof. Katharina springt locker herab aufs Kopfsteinpflaster. Martin hat nun endgültig bemerkt, wohin ihn die Fahrt gebracht hat und tut weiter so, als ob er hochbeschäftigt ist.
Nichts regt sich, alles ist still. Nur Schwärme von grauen Wildgänsen, die dieser Tage sich von den Feldern her sammelten und Rast auf ihrer langen Reise machten, ziehen rufend über den Häusern von Rahnsdorf dahin. Bald kommt der Pfarrer auf den Hof gelaufen und freut sich über den Besuch aus der Stadt. Nein, wie er sich tief vor dem Wagen neigt, denn er hat Katharina von Bora erkannt und weiß, dass der Bruder Martin sicher auch auf dem Wagen hockt und wahrscheinlich für die Reformation irgendwas Textliches ausarbeitet. „Laudetur Jesus Christus“ schallt es aus dem Munde dessen, dessen Name Schall lautet. „In saeculo saeculorum“ antwortet die Lutherin und zieht mit einem Ruck die Plane auf. Da sehen wir Luther, wie er mit feuerrotem Kopf dasitzt. Er ist in Rahnsdorf. Weiß es und sagt nichts.
Und da zeigt sich für die Wagenlenkerin, dass irgendwie etwas faul ist und der Klärung bedarf. Luther sagt kein Wort vom Michelsberg, der nicht da ist. Und nichts bemerkt er zu Rahnsdorf. Nichts fragt er, warum man hier sei und nicht wo anders. Dabei hatte es früh am Tisch beim Morgenmahl einen Streit gegeben. Sie wollte einmal hinaus ins Freie – er wollte in der Stube hocken bleiben. Erst nachdem sie ihm allerherzlichst die Reise nach dem Berg abgebettelt und er sich ausbedungen hatte, Akten mit sich führen zu dürfen, erst dann war es überhaupt zu der Fahrt überhaupt gekommen!

Valentin Schall meint erfreut, er würde gleich seine Schwester rufen. Da ruft aber Luther eilig vom Wagen herab: „Nein, nein, wir bleiben ja nit hier, sondern fahren zum Michelsberg!“ Ja“, – sagt seine Katharina. „Und Euch lieber Bruder Schall samt Eurer Schwester wollen wir mitnehmen. Heute ist ein schöner Tag. Es wirdein Ausflug zu viert! Schlagt uns die Bitte nicht ab. Wir haben uns nicht anmelden lassen, denn es sollte eine Überraschung sein!“ Die Marie Katharina wird also doch gerufen. Aber sie ist schon von allein gekommen. Errötet flüchtig vor dem alten gelehrten Mann in der Kutsche und seinem gönnerischen Ehegespons, das sie, die kleine Marie Katharina, Haushälterin eines hier draußen in der Unbedeutsamkeit versteckten ketzerischen Landgeistlichen zur Frühlingsfahrt einlädt. „Ei, Gevatterin Luther, ich bin gleich reisefertig!“ ruft sie, rafft ein paar Dinge in einen Korb und nun werden die Sitze verteilt. Vorne auf dem Bock sitzt Valentin, der, so zeigt sich bald, ein kundiger Kutschierer ist. Und hinten im Wagen sitzen auf der einzig vorhandenen Bank dicht aneinander geschmiegt drei Personen. Es ist wenig Raum dort. Zwei Katharinen zu beiden Seiten, Luther aber in der Mitte.

Heidi, heido – los geht die Fahrt über die Heide. Fort aus Rahnsdorf, durch das träge die Zahna sich immer mehr verbreiternd dahinfließt. Und hin zum Michelsberg führt der Weg, wo der Erzengel die Teufel besiegt, und wo die Quelle jenes Flüsschens entspringt, das der Superintendentur im Ackerbürgerstädtchen Zahna ihren Namen verleiht bis an den heutigen Tag.