Kirchbau z.B. in Rahnsdorf 

Sensation – Katharina von Alexandrien in Rahnsdorf  gefunden (unter Schutt – Figur um 1450)

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am 22.5.2016

Dreieinigkeit

Zuerst einmal, das Bild muss in der kommenden Woche verhüllt werden. Wir werden ein Häuschen aus Holz und Papier darum bauen. Barockaltar mit diesem Bild, der Kanzelbeichtstuhl, die Orgel und zwei Epitaphien werden für mindestens drei Jahre nicht mehr zu sehen sein. Rahnsdorf ist die letzte der zehn Kirchen, die in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren in unserem Pfarrbereich umfangreich saniert und restauriert worden sind. Das Rahnsdorfer Kirchengebäude ist besonders geschädigt. Es wird deshalb eine sehr aufwändige Baugrundertüchtigung geben müssen, denn die Kirche steht aller Wahrscheinlichkeit nach auf einer Humuslinse, und die Bewegungen in den Ost- und Westgiebeln ist seit 250 Jahren bekannt, und seit dieser Zeit besserte man auch mehr schlecht als recht nach. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo das Ganze über kurz oder lang einfallen oder für lange Zeit stabilisiert werden wird. Das Dach wird abgenommen, die Balkenköpfe saniert, der Turm muss eine Abstützung bekommen und teilweise neu aufgebaut werden. So ist das. Es kostet viel. Wir beginnen dieser Tage mit den Gutachten. Bohren in den Grund und Sondieren der Holzverbindungen, um nur das Wichtigste zu nennen.

Aber als Erstes wenden wir uns dem Allerheiligsten zu. Es ist das Altarbild, gemalt in der Barockzeit vion einem noch unbekannten Maler aus dem Wittenberger Raum. Wir verhüllen es, um es zu schützen. Der Künstler gestaltet eine traditionelle Abendmahlsszene. Ein Raum ist zu ahnen, darin sitzen im Kreis Jesus und die, die von ihm immer was lernen wollten. Zwölf sollen es im innersten Zirkel gewesen sein, in Rahnsdorf sind auch zwei Frauen zu sehen. Das ist besonders.

Was ist wirklicher Trost, was ist nur Spiel. Was ist ewiges Spiel und was ist nur zeitlicher Trost? Eine interessant formulierte Frage. In dem Raum, wo die Aposteldreizehn inclusive des Verräters, der Judas geheißen haben soll, sitzen – ist nichts geschlossen. Ein Fenster ist da. Durch das Fenster ist die Welt zu sehen. Dieses Bild betrachten wir jetzt eben gerade. Das Fenster lässt auf drei Teile schauen und ist doch auch eins. Wir sehen ein Feld, das von einem Weg geteilt wird. Und wir sehen einen Himmel, der die beiden geteilten Feldhälften teilt und sie an einer Linie berührt, obwohl der Weg nur in einem Punkt an der Horizontlinie den Himmel berührt. Feld, Weg und Himmel. Über alles scheint eben ein Vorhang fallen zu wollen, oder ist gerade weggezogen worden? Das also ist der gewaltige Hintergrund draußen, vor dem sich drinnen das Gastmahl vollzieht. Jesus und seine Leute teilen das Brot, den Kelch und das Schicksal – jede(r) ein besonderes. Herüber gebreitet schwebt der Mantel des Mysteriums. Man kann manchmal aus den Begrenzungen des kleinen Zimmers und der Zeit hinausschauen in die Weite. Wenn man den Kopf hebt. Und? Macht es, denn bald ist es vielleicht wieder verhüllt! Jedes Mal, wenn wir mit Jesus zusammen sind, öffnen sich Raum und Zeit nach außen. Es gibt das Feld, es gibt den Weg, es gibt den Himmel. Wir gehen auf dem Weg über das Feld auf den Himmel zu. Am Horizont berühren sich alle drei. Aber den Horizont erreichen wir nie, er hebt sich vor unseren Augen immer wieder unmerklich hinauf, und senkt sich hinter uns unmerklich ins Bodenlose hinab. Wir erreichen es nicht. Und doch gibt es nichts Schöneres, als dieser Weite sich zu verschreiben und sie aufzusuchen. Und jeden Augenblick erreichen wir das, was für andere auf der großen Erdkugel als Horizont erscheint, wärend sie etwas anderes erfassen. Ein befreundeter Kollege sagte mir einmal, für ihn sei der Horizont eigentlich das beste Bild für Gott. Ich stimme ihm zu. Ach, mein unendlicher Weg über das unendliche Feld zum unendlichen Horizont als zeitlich begrenztes Leben an einem bestimmten Platz auf dieser Welt.
Wenn es mir ein bisschen schlecht geht, dann schaue ich mir dieses Bild an. Es hängt über meinem Stehpult, an dem ich mir die Sachen ordne, die ich schreibe und erzähle.

Pfarrer Matthias Schollmeyer – im Mai 2016

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am 27.5.2016


Einhausungen abgeschlossen