Jesus – der Unbekannte – das Wort

Der Friede des Auferstandenen sei mit euch allen … Heute ist der 13.September. Das ist der Tag des Heiligen Chrysostomos. Chrysostomos heißt übersetzt Goldmund. Seit dem 5. Jahrhundert schätzt man den Mann als guten Redner schöner Dinge. Heute beginnt eine siebenerreihe von Mittwochpredigen zum Thema Jesus – der Unbekannte. Erster Abend: Das Wort. Das eher nur verschwiegen in Aussicht genommen werden kann, weil es letztlich unbekannt ist und bleibt. Jesus der Unbekannte als Wort Gottes.

Wer kann damit etwas anfangen? Es gibt zwei große Gruppen von Predigten. Die, die sofort umzusetzen sind in politische und soziale Aktionen. Und die, die langen Spaziergängen gleichen, bei welchen schöne und gute alte Gedanken aus den Schreinen geholt und aus dem ehrwürdigen Dunkel der Kirchen hinaus in die Öffentlichkeit gebracht werden, dort umher geführt werden, ehe sie wieder in die geputzen Reliquiare eingesetzt werden. Wenn es um das unbekannte und das Wort davon geht, scheint am Tag des Heiligen Goldmund der Spaziergang angemessener zu sein als die Aktion.

Zuerst ein wenig zur Magie des Wortes Wort, das selbst ein Wort ist. Wort, Hort, Ort, Bord, Sport, Mord, fort – praise the lord. Das sind die Geschwister des Wortes im Reim, in dem das Heim des Sinns seinen Ort hat. Oder die Modifikationen des Wortes Wort: Wort ward Wert, wurde Wirt und Wart. Wir hören es und würden es sehen, wenn ihr es aufschrieben – das Wort Wort ist stark und schafft mit sich kleine und große Wunder. Das Wort ist der Altar des Sinns.
Gegenwärtig werden die Altäre der Weltausstellung in WB wieder abgebaut, das geht so schnell, dass keiner mehr an den Sockel der Wisente schreiben konnte „Dem unbekannten Gotte“ wie es in Athen geschehen war, als Paulus die Stadt bereiste. Er nahm diesen Altar und die ehrfürchtige Frömmigkeit der Griechen zum Anlass ihnen nun endlich nach hunderten von Jahren den Unbekannten Gott zu verkündigen. Die Frage ist, ob er den Unbekannten Gott verkündigte und dieser unbekannt blieb, oder ob er nach der Verkündigung bekannt war – und damit gar nicht als der Unbekannte verkündigt wurde. Zwei Menschen folgen dem Paulus, als er von Jesus dem Unbekannten erzählt. Dionysos vom Areopag und Damaris eine Frau. Ihre beiden Namensworte bedeuten übersetzt: Sohn des Gottes (Zeus) und Gattin. So wäre durch die Verkündigung ein Paar geschaffen worden, ähnlich wie am sechsten Tag als Gott durch sein Wort den Menschen als Mann und Frau schuf. Ist das schon mal jemandem aufgefallen? In Kommentaren habe ich es nicht gefunden. Aber so ist es, die Kenntnis des Unbekannten Wortes führt immer mehr in das Unbekannte hinaus.

Da mit kommen wir zu einer sehr wichtigen Bemerkung. Das Unbekannte ist nicht eine negative Kategorie. Sie ist eine schöne Kategorie. Wir singen nachher das Lied „Schönster Herr Jesu“. Alle diese Strophen singen von Jesus und vergleichen ihn mit Dingen aus der Schöpfung. Dann aber wird immer gesagt: „Jesus ist schöner als die Blumen, reiner als das Blau des Himmels“ usw. Das war einmal ein alter Weg, der zu Gott führte. Man verglich ihn mit den Schöpfungsdingen, dann aber machte man ihn bei aller Ähnlichkeit doch noch unähnlicher und entrückte ihn hinaus in das Reine des Unbekannten. Schließlich endet auch Jesu Biographie im Unbekannten, in den Wolken des Himmels am Himmelfahrtstag.

Das unbekannte Wort ist also nicht etwas, was wir nur noch nicht gelernt hätten aber morgen schon wissen. Das Unbekannte ist prinzipiell unbekannt und darf es, muss es sogar bleiben. Jesus scheint das uns selbst nahezulegen. Er redet von sich in starken Bildern, die wir bei der Anwendung übersteigen müssen in ein noch Mehr hinaus. Ich bin die Tür, ich bin das Brot des Lebens, ich bin der Weg und die Wahrheit, der Weinstock, das Licht der Welt, der gute Hirte, ein König.

Und: „Ich bin das Wort hinter diesen Worten, der Sinn hinter den Sinnen,- der Sinn des Sinns“. DAs aber haben bereits die aufgeschrieben, deren Schriften nicht mehr in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, weil der schon fertig war. Die Alte Kirche! Sie hat wenig unterlassen, ihren Christus als den Sohn Gottes darzustellen. Und zwar so, dass er dann neben all den positiven Qualifikationen auch die des Unbekannt-Sein-Dürfens tragen musste. Reichlich drei Jahrhunderte lang hat man am Anfang in verzwickten und für uns heute kaum mehr durchschaubaren Überlegungen klarzustellen versucht, dass Christus sterblicher Mensch und unsterblicher Gott wäre. Ganz Mensch und ganz Gott. Ganz Natur und ganz Wort. Den wir so gut kennen, und dessen Namen wir seit der Taufe tragen und im Gebet anrufen, er bleibt in allem Kennen doch auch der ewig Unbekannte, und alles was wir an ihm schätzen, bleibt dem Unbekannten treu. Schon sehr früh haben nicht alle die entsprechenden Synodentexte gern gehört, haben es nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, vergessen und verdammt.
Ein Wort, was ist, wenn man es nicht kennt? Das Märchen vom Kalif Storch. Hier geht ein einziges Wort verloren, weil man zur falschen Zeit gelacht hat. Obwohl das Lachen für unser Leben so wichtig ist, muss man zu gegebener Zeit auch schweigen können. Der Kalif im Märchen von Wilhelm Hauff und sein Wesir erhalten für billig Geld ein Schnupfpulver. Bei Gebrauch desselben und unter Ausrufung des Wortes MUTABOR wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt. Doch hüte man sich während der Zeit der Verwandlungsdauer zu lachen. Denn sonst vergisst man das Wort, das für die Rückverwandlung unabdingbar ist. Die beiden Experimentatoren verwandeln sich in Störche und lachen sich natürlich kaputt über ihre neue Gestalt. Dabei vergessen sie, wie die erste Person Singularis Futur Indikativ Passiv des Verbs MUTARE (Verwandeln) heißt. MUTABOR „Ich werde verwandelt werden“. Sie vergessen es!!! Als Störche müssen sie Jahrtausende unterwegs sein. Und nur dem glücklichen Zufall der Liebe ist es zu verdanken, dass man eines Tages von den Bösewichtern des Märchens das Passwort heimlich erneut ablauschen konnte. Wir müssten das Wort MUTABIMUR immer wieder erinnern. Dann würden wir aus der Gestalt der sich bespaßenden Moderne wieder in Menschen verwandelt werden. Das klingt ein bisschen dramatisch, aber nur deswegen, weil es auch dramatisch ist.

Gib dich mit dem Wort zufrieden. Einer, den die Literatur an der Freude am Geheimnis des Wortes scheitern lässt, das war Dr. Faustus. Seine groteske Geschichte soll sich zeitgleich mit Luthers Erlebnissen hier in Wittenberg ereignet haben. Beide versuchten zu finden, was Menschen suchen – die sogenannte absolute Wahrheit. Was aber kommt heraus, wenn man bei dieser Suche das Wort nicht in angemessener Weise schätzt? Faust sitzt eines Tages über dem Prolog des Johannesevangeliums, den wir vorhin gehört haben. Hören wir, wie er mit sich selbst spricht:

„Wir sehnen uns nach Offenbarung,
die nirgends würdiger und schöner brennt
als in dem Neuen Testament.
Mich drängt´s, den Grundtext aufzuschlagen,
mit redlichem Gemüt einmal
Das heilige Original
in mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

(Er schlägt ein Volumen auf und schickt sich an)

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin,
gemeint ist wohl: Am Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
dass Deine Feder sich nicht übereile.
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte steh’n, Im Anfang war die Kraft!
Doch auch, indem ich dieses niederschreibe,
schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat –
Und schreib getrost: Im Anfang war die Tat!“

Zeitgleich und unmittelbar zusammen mit dieser fatalen Übersetzung von Logos (Wort) mit Tat, und der Verwechslung des Wortes mit Aktion, erscheint der Geist mit dem schlechten Mundgeruch – Mephisto, der Verführer. Wort ist Wort und Tat ist Tat. Und wo man mit dem falschen Wort anfängt, wird es in der Qualität der Tat sichtbar, – Gretchen stirbt und die Welt wird fast zerstört.

Eine andere goldene Geschichte, in der ein einziges Wort von Jesus alles ändert ist die aus dem Osterbericht Johannes 20. Maria steht eines Tages vor dem Grabe Jesu. Sie ist beunruhigt, denn der tote Jesus ist verschwunden. Sie weint, obwohl der Herr nur wenige Schritte von ihr entfernt steht. Weil sie ihn zu kennen glaubte, erkennt sie ihn nun nicht.

Es ist der HERR, doch bleibt es ihr verborgen.
Sie denkt sich jetzt, dass der ein Fremder wär …
Und sieht – und sieht ihn nicht – vor lauter Sorgen.

Im Wahne dichtet sich das Hirn die Mär:
„Wenn du ihn, Gärtner, fort nahmst, sag die Stelle –
dann hole ich ihn wieder ungefähr.“

Da ruft er sie von ihres Grabes Schwelle.
„Maria!“ sagt er der aus Magdala.
Ihr Name hebt sie an wie eine Welle,

die greift nach ihr. Und nun, weil sie ihn sah,
ruft sie erlöst: „Rabbuni, lass dich rühren!“
Wie dicht ist hier das Weib dem Gotte nah.

„Das Unbekannte willst du keck berühren?
Dich einigen dem auferstandnen Glanz?
Weißt du denn nicht, wohin dich das würd’ führen?

Vollende erst dein Erdenleben ganz.
Du darfst mit deiner Hand, der schönen blassen,
erst später greifen in der Sterne Tanz.“

So schieden beide denn an dieser Straßen,
auch ohne ihre Leiber zu umfassen.

Nur mit einem einzigen Wort ruft er sie an. Und dieses Wort ist der Mädchenname, der sie trägt und den sie trägt (Maria). Und alsbald ist es für Maria nicht mehr nötig, ihn zu erkennen, ihn anzufassen, zu ergreifen. Die Begegnung im Wort wird sie nie vergessen.

Zum Schluss, – das Rätsel des unbekannten Wortes Jesu wird immer bleiben. Das einzige Wort, das Jesus aufgeschrieben hat, hat der Wind verweht. Denn er beschrieb damit die Erde neu. Dieses wirklich unbekannte Wort ist also nicht verloren gegangen. Mit der Geschichte aus Johannes 8 führen wir das unbekannte Wort nun zurück in seinen Schrein und finden den Frieden im Wort, das wir kennen und das doch unbekannt bleiben darf.

Und als er lehrte in dem Heiligtume
da ward geschleppt vor ihn ein junges Weib.
Sie war sehr schön, wie einer Dotterblume,

doch hart gefesselt hatte man den Leib.
„Wir konnten sie beim Ehebruch erfassen.
Gesteinigt muss sie sein zum Schuldvertreib, –

so hat uns Mose immer machen lassen.
Was sagst denn, Jesus, zu der Strafe du?“
Man spürt der Menge abgrundtiefes Hassen,

und Jesus schweigt und sagte nichts dazu.
Er nimmt sich Zeit – studiert die frechen Fressen,
und kniet sich nieder dann in Seelenruh.

Sie selber hätten alle gern besessen
das Weib für sich und sind erfüllt von Neid.
Der Meister sitzt, sie stehen unterdessen,

und in der Mitte kauert die im Kleid.
Da nimmt der Herr in seine heilgen Hände,
dass noch ein Weg sich fände aus dem Leid,

ein trocken Reiß, vom Baume fiel´s als Spende,
und malt mit Zeichen dort in das Gelände.

„Was schmiert er hier, wo wir doch wissen müssen,
ob man zu Tode werfen darf am schönen Tag?
mit schwerer Steine Wucht in tausend Schüssen!

Nun, großer Meister, rede du und sag,
wie wär in diesem Falle zu verfahren?“
Sie schreien laut, und holen aus zum Schlag.

Er überschaut der blinden Eifrer Scharen
und spricht: „So hebe auf den ersten Stein,
wer schuldlos blieb bisher in seinen Jahren.“

Dann kniet er wieder dort im Sonnenschein
und zeichnet Zeichen in den Staub des Sandes.
Die Schriftgelehrten aber? Schlichen heim.

Der HERR zum Weib, als jene außer Landes:
„Hat keiner einen Stein geworfen, Frau?“
„Wir sind“ meint die „wohl gleichen Sündenstandes!“

Er sagt zu ihr: „Du sagst es. Ganz genau!
Sie gingen fort. Und ich will dich nicht strafen.
Doch sündige hinfort nicht mehr. Und schau,

was durch den Zweig in meiner Hand geschehen.
Ein Wort im Staub, weit wird der Wind es wehen …“

Amen …

(1. Abend einer Predigtreihe in Wittenberg zum Thema JESUS DER UNBEKANNTE – am 13.09.2017)