Invocavit 2018 – Versuchung Jesu

Da ist der Drang, sich vor der Welt zu zeigen,
nicht nur den jungen Mann trifft diese Qual.
Wer könnte denn sein Königreich verschweigen –

es ruft der Berg – und man verlässt das Tal.
Auch Jesus ist es einmal so ergangen,
Die Schlange stellt ihn dreimal vor die Wahl.

Wird dich nicht auch der wüste Ort empfangen,
weil du gestiegen aus der Taufe Flut?
Es führt der Geist direkt bis zu den Schlangen,

denn vierzig Tage Fasten weckt den Mut,
dem fremden Anderen dort zu begegnen,
der an dir reißen darf mit List und Wut.

Schon naht er sich und fädelt ein verwegen
den Plan: „Schau, Gotteskind. Da liegt ein Stein.
Willst du den Brocken nicht als Brotlaib segnen?

Sprich, iss und kräftige dir Mark und Bein.
Gib auch den Völkern, was sie hungrig streben,
dann wirst in Kürze du ihr König sein.“

Die Antwort: „Brot allein stärkt nie das Leben.
Ein Wort ernährt uns mehr – von Gott gegeben!“

Nun fragt ihr nach dem Namen dieses Fremden?
Er ist der Überfeind, der sich mit List
und Täuschung hüllt in tausend bunte Hemden,

betrügt und Suchenden zuwider ist.
Schon schleppt er Jesus auf des Tempels Zinne,
und fordernd raunt ihm dort der Bösewicht:

„Wirf dich hinab, o lieber Bruder! Minne
der guten Engel Hilfetat. Vertrau!
Des Weges ihres Lieblingskindes inne,

steh´n sie hab acht zu fangen dich im Blau.“
Er aber rügt: „‚Nicht wolle kühn erproben
das Wunder Gottes!‘ rät die Schrift genau!“

Da packt er ihn und nach den Gipfeln oben
reißt ihn der Arge jetzt bis hin zum Pass.
Und zeigt die Macht der Möglichkeiten droben:

„Tu, was du willst! Dein sei das Übermaß!
Mich bete an – dann will ich dir wohl dienen …“
Doch Jesus nur: „Verschwinde, Satanas!“

Sogleich erschienen Gottes Seraphinen,
der Böse aber floh und fluchte ihnen.

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in der Wüste

Painted in Waterlogue

 

Menschenkinder, hört meine Stimme! Ich bin der kluge Rabe. Ihr habt sicher davon gehört, dass ich viel herumkomme, – und so ist es auch. Ich kenne die Welt. Einmal flog ich, gerade eben, als ich mir selber hinterher flog, hinter mir her. In diesem Zustand höchster Aufmerksamkeit war mir die Gnade vergönnt, die ewigen Gespräche der wirklich Großartigen zu belauschen. Es war irgendwo über der Wüste Philisterias.

Da unten fastete ein Mann seit vierzig Tagen und wollte sich auf diese Weise derart durcheinanderbringen, dass er dem Teufel, sich selbst oder Gott begegnen würde, – was auch immer das alles sein könnte. Wem nun in erster Linie seine Begegnungswut galt, – das war von oben her durch mich nicht genau herauszufinden.
Dieser Mann hieß Jehoschua – und er rief einen anderen, der dann tatsächlich wie aus dem Nichts neben ihm auftauchte. Etwa so, wie sich auf einer feuchten Wiese, die eben noch von der Sonne beschienen wird, sofort Nebelschwaden bilden, wenn die Sonne plötzlich hinter den Wipfeln des Waldes versank. Die beiden kamen folgendermaßen ins Gespräch. Ich höre es noch wie heute:

Jehoschua: „Wenn du wirklich der Versucher bist, dann verführe mich doch erstens dazu, Steine in Brot zu verwandeln, zweitens mich von der Zinne des Tempels herabzustürzen und am Ende auch noch deine teuflische Macht anzubeten.“
Die Figur im Nebel reagierte auf diesen Ruf erst einmal überhaupt gar nicht. Erst nachdem der Fastende sie zum dritten Male auf diese Weise provoziert hatte, ließ die Gestalt sich zu folgender sinngemäßen Antwort hinreißen:
Nebelgestalt: „Ich werde deinen Wunsch nicht erfüllen, denn du würdest meine Vorschläge alle natürlich ablehnen. Alles, was ich dir deiner Anfrage gemäß anraten müsste, zu tun – würdest du nicht tun! Weil du nämlich darauf aus bist, meinen zu können, jemand anderes als du selbst führte dich dreimal in Versuchung. Aber, da du nun schon so tief in dir selbst um alle diese Möglichkeiten weißt und auch selber die drei großen Fragen kennst, auf die es wirklich ankommt, wirst du ihrer großen Kraft vielleicht doch eines fernen Tages noch erliegen müssen – oder vielleicht sogar wollen. Meine geniale Versuchung aber bestand eben darin, dich selber mich dreimal fragen zu lassen, so dass du diese Fragen ab jetzt nie mehr vergessen kannst.“

Ich dachte: „Oha – die sind aber dicht dran an den Abgründen des erkennenden Geistes!“ und machte mich schnell davon, ehe sie mich womöglich noch entdeckten und irgendwie mit vereinten Kräften in den Bann täten, grad als ich mich beim Mirselbsthinterherfliegen beobachtete. Ja nun – am selben Tag noch segelte ich bis hin nach Eisenach, um meine Base, die Dohle, zu besuchen. Wir verstehen uns gut, und es gibt zwischen uns ein inniges Verhältnis. Wir setzten uns beide zusammen auf den Fenstersims eines Turmzimmers der dortigen Burg und schnäbelten ein bisschen miteinander, wie es bei Vögeln eben gern üblich ist. Da hörten wir, wie hinter der Scheibe ein anderer sonderbarer Mann mit sich selbst zu erzählen begann. Und zwar sprach er also:

„Nun, Junker Jörg! Frisch auf ans Werk. Der Böse soll vor meiner Tinte zittern. Ich will wohl seine Listeneien in unser liebes Deutsch flugs übertragen. Wo waren wir denn gestern stehen geblieben? Ach hier. Steine zu Brot, Sturz von der Zinne, Anbetung einer großen fremden und bösartigen Macht. Die Evangelisten Matthäus und Lukas erzählen ausführlich davon.“

Ich rief und rief und schrie, dass alles ja noch viel raffinierter, als in der Bibel verzeichnet, die dort auf dem Pult des Herrn Luther aufgeschlagen war, sich zutrüge. Ich sang mir die Seele aus dem Leib. Und gab von da draußen die wahrhaftige Urversion der Geschichte immer und immer wieder zum Besten. Allein, – der Mann war ja verstockt wie ein Stein. Wahrscheinlich ist er doch nicht so sprachkundig gewesen, wie man ihm heute immerzu andichtet, denn die Zungen der weisen und klugen Vögel kannte er offenbar gar nicht. Er hat ja alles so gelassen, wie es in den Büchern nur mit den Buchstaben immer schon aufgeschrieben stand. Er hat den innerlich lebendigen Geist dieser besonderen Begebenheit in der wirklichen Wüste wohl nicht wirklich verstanden …  Jedenfalls, Luther – so hieß dieser Jörg nämlich mit bürgerlichem Namen – hörte nicht auf uns Tiere, sondern verjagte in echt menschlicher Art mich und meine Base von dem Fensterbrett.

Wir fanden aber an diesem Nachmittag am Fuße der Burg noch ein Stück Limburger im Abfall. Deshalb habe ich diese Sache wohl auch nicht ganz vergessen. Denn man merkt sich meistens das, was wirklich wichtig ist.

Valentins Aschermittwoch

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Es ist unmöglich, Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen zu lassen. Aschermittwoch aber, wo alles angeblich vorbei ist, und der Valentinstag, welcher noch voller süßer Verheißungen steckt, fallen am 14.2.2018 auf dasselbe Datum. Interessierte werden sich an dieser Stelle vorbeugen und fragen: „Na und? Hat das was zu bedeuten?“ Wie alles etwas zu bedeuten hat, natürlich auch diese sonderbare Zeitkongruenz. Bekanntermaßen teilen wir Menschen den Dingen Bedeutungen zu. Geleitet von Tradition, Wahn, Wissen, guter Absicht, Weisheit, Kompetenz oder auch Zufall. Da uns der Aschermittwoch daran erinnert, wie nach so großen Ausschweifungen der Karnevalszeit die Rückkehr zu dem, was wir Vernunft nennen, nicht nur möglich, sondern sogar geboten ist, findet diese Erkenntnis ihr sichtbares Zeichen in dem Aschekreuz auf der Stirn des Menschen. Wer selber keine Asche mehr hat, dem sei der Besuch eines römisch katholischen Gottesdienstes empfohlen. Hier wird dieses Zeichen verliehen. Man darf es dann auch ruhig länger als eine Stunde auf der Stirn behalten. Es tut nämlich gut zu wissen, dass der Zeit der Maske das Wirkliche folgen muss. Schnell  noch zu dem römischen Bischof Valentin aus den ersten Jahrhunderten der Christenheit! Er erlaubte sich, außerhalb der staatlich verordneten Bräuche Verliebte nach christlichem Ritus zu trauen. Dafür nahm er das Martyrium auf sich. Mit Blumen und Geschenken bedenken sich Verliebte seither –  mit jeder Blüte fällt auch etwas Glanz auf jenen Valentin, dessen Name soviel wie „gesundsein“ heißt. Die Bedeutung des heutigen Tages: Aschermittwoch „Es ist genug!“  Valentinstag „Ist genug Liebe?“ Solange es Menschen auf dieser Welt gibt, die sich an der Liebe genügen lassen, wäre es doch genug … 

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